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Erinnerung an Starkregen 2002 in Siegen
Särge rutschen in Käner Gärten

Wegen des starken Regens hatte sich der Hang des Käner Friedhofs so mit Wasser vollgesogen, dass etliche Kubikmeter Erdreich abrutschten - auf die Wohnbebauung.
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  • Wegen des starken Regens hatte sich der Hang des Käner Friedhofs so mit Wasser vollgesogen, dass etliche Kubikmeter Erdreich abrutschten - auf die Wohnbebauung.
  • Foto: SZ-Archiv
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goeb Siegen. Der 28. August 2002 ist den Siegenern in Erinnerung geblieben. Es sind unheimliche Erinnerungen. Das erste Mal in neuerer Zeit gab es ein lokales Starkregenereignis von bisher beispielloser Dimension – lokal eng begrenzt, dabei von ungeheurer Gewalt.

An jenem Mittwochnachmittag braute sich am Himmel etwas zusammen. Sogar das Licht ging zurück, weil die Sonnenstrahlen das tintenblaue Gebirge am Firmament kaum mehr durchdringen konnten.
Los ging es um 16.15 Uhr, als der Himmel zwischen Eiserfelder Straße und Weidenau seine Schleusen öffnete und die Tallage binnen Kurzem in einen See verwandelte. Zwei Stunden regnete es wie aus Eimern.

goeb Siegen. Der 28. August 2002 ist den Siegenern in Erinnerung geblieben. Es sind unheimliche Erinnerungen. Das erste Mal in neuerer Zeit gab es ein lokales Starkregenereignis von bisher beispielloser Dimension – lokal eng begrenzt, dabei von ungeheurer Gewalt.

An jenem Mittwochnachmittag braute sich am Himmel etwas zusammen. Sogar das Licht ging zurück, weil die Sonnenstrahlen das tintenblaue Gebirge am Firmament kaum mehr durchdringen konnten.
Los ging es um 16.15 Uhr, als der Himmel zwischen Eiserfelder Straße und Weidenau seine Schleusen öffnete und die Tallage binnen Kurzem in einen See verwandelte. Zwei Stunden regnete es wie aus Eimern.

150 Liter Regen pro Quadratmeter

Innerhalb von Minuten waren zahlreiche Straßen überschwemmt, Keller liefen voll, die Autofahrer tasteten sich in der Innenstadt im Schritttempo voran, und die zuvor gemächlich plätschernde Weiß gebärdete sich plötzlich wie ein Hochgebirgsbach. „So starke Regenfälle haben wir seit mindestens 50 Jahren nicht mehr gehabt“, urteilte der stellv. THW-Ortsbeauftragte Reiner Stenner. Der Spitzen-Niederschlagswert, so errechnete man später, lag zwischen 17 und 18 Uhr bei 150 Litern pro Quadratmeter – mit entsprechenden Folgen.

Erst nach und nach verstanden die Einsatzkräfte, was in dieser kurzen Zeit in Siegen geschehen war.
  • Erst nach und nach verstanden die Einsatzkräfte, was in dieser kurzen Zeit in Siegen geschehen war.
  • Foto: kalle (Archiv)
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

Die Straße vom Lindenberg nach Siegen verwandelte sich in einen Fluss. Auf der Wittgensteiner Straße trieb ein Auto ab. Ein Mann in Bürbach wurde von Wassermassen in seinem Pkw eingeschlossen. Auch der Verlag Vorländer (Siegener Zeitung) hatte seine liebe Not: Über eine Tür zum Obergraben schoss Wasser durchs Treppenhaus, das Flachdach konnte die Massen nicht fassen und schickte die Flut durch die Lichtschächte ins Erdgeschoss, wo Mann und Maus in einer Kette mit Papierkörben versuchten, den Serverraum vor dem Absaufen zu bewahren.

Stollen eingebrochen

Ein Krater von 5 Metern Durchmesser tat sich unversehens auf dem Gelände im Garten des alten Tierheim-Gebäudes am Heidenberg auf, wo ein Stollen eingebrochen war. Das Technische Hilfswerk schaufelte in aller Eile Sandsäcke voll. Damit wurde das WDR-Gebäude abgedichtet, in dessen Keller Wasser strömte. Auch vor dem Landgericht und an der City-Galerie wateten Schutz suchende Passanten durch knietiefes Wasser. In dem Chaos brach teilweise durch Kurzschlüsse das Funknetz der Rettungsdienste zusammen. Das THW errichtete auf dem Lindenberg eine Not-Relais-Station. An der Gesamtschule drohte ein Pavillon einzustürzen.

250 Einsatzkräfte

Innerhalb kürzester Zeit rückten rund 450 Einsatzkräfte zu rund 260 Einsätzen aus. Das THW in der Siegener Numbach forderte Verstärkungsmannschaften aus Waldbröl (Pumpenstaffel), Bergneustadt und Olpe an. Rettungskräfte der ganzen Region wurden zum größten Einsatz zusammengezogen, den die Krönchenstadt je gesehen hatte.

Auch in Kaan-Marienborn stand das Wasser in den Straßen. An der Rehbachstraße und angrenzenden Straßen gab es zahlreiche Einsätze, vielleicht ein erster Hinweis auf die eigentliche Katastrophe, die sich dort anbahnte und die am nächsten Tag für Fassungslosigkeit unter Bürgern und Feuerwehrangehörigen sorgte.

Särge rutschen in Vorgarten

Was war passiert? Am Mittwochnachmittag und in der darauffolgenden Nacht hatte sich der steil abfallende Hang des Käner Friedhofs derart mit Wasser vollgesogen, dass sich am Donnerstagmorgen um 8.10 Uhr eine Mure von rund 3000 Kubikmetern Erdreich in Richtung Rehbachstraße genau auf die Wohnbebauung in Bewegung setzte und eine 8 Meter tiefe Grube zurückließ. 19 Särge wurden teils bis in die Gärten der betroffenen Anwohner gespült. Die Menschen: schockiert.

Die Wassermassen nahmen auch Autos mit - hier im AK-Kreis.

„Erst nach und nach“, heißt es in der Berichterstattung der SZ von damals, „wurde den Einsatzkräften deutlich, was sich hier überhaupt abgespielt hatte: eine besondere Tragödie. Die Särge waren aus den Gräbern gespült worden und teilweise auseinandergebrochen.

Später zweite Beisetzung

Die Friedhofseingänge wurden gesperrt, zwei Polizeizüge aus Bochum und Dortmund unterstützten ihre Siegener Kollegen. Eine Gerichtsmedizinerin aus Bonn wurde angefordert, die die Identifizierung der Leichen übernahm.

Zwei Seelsorger sprachen beim Umbetten der Toten in die von einem Bestattungsunternehmen herangeschafften Särge ein kurzes Gebet, ehe sie zunächst nach Bonn transportiert wurden. Die Toten wurden später ein zweites Mal beigesetzt.

Starkregen hinterlässt großen Schaden Erstaunt waren viele Bürger und Rettungskräfte darüber, dass das Unwetter auf wenige Quadratkilometer begrenzt war. Während es in Siegen losbrach, herrschte in Betzdorf schönstes Sommerwetter, und man war bass erstaunt, dass die Sieg mit Wucht ins Tal floss und in Betzdorf Autos beschädigte und sogar einen Pkw mit sich riss. Wie durch ein Wunder wurde an dem Unwetter-Tag niemand verletzt. Das lag unter anderem daran, dass der Starkregen nach gut zwei Stunden wieder aufhörte und nicht wie an der Elbe im selben Jahr 24 Stunden lang in dieser Stärke niederging. Dennoch: 16 städtische Gebäude mussten im Nachgang saniert werden, außerdem waren Schäden an Straßen und Plätzen entstanden. Das „Sonderschadensereignis Friedhof Kaan-Marienborn“ hinterließ nicht nur seelische Narben, sondern kostete auch viel Geld. Die Politik wollte wissen, welche Bereiche der Stadt Siegen besonders hochwassergefährdet sind. Man hob den „Hochwasser-Aktionsplan Sieg“ unter Federführung des Umweltamtes aus der Taufe.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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