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Mobbing in sozialen Medien als neues Arbeitsfeld
Schiedsleute auch in Corona-Zeiten wichtig

Jürgen Otto, Vorsitzender der Bezirksvereinigung Siegen.
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nja Siegen. Wenn zwei sich streiten – kann ein Dritter helfen: So könnte man die Devise der Schiedsfrauen und -männer umschreiben, die sich ehrenamtlich darum bemühen, Zwist unter Bürgern zu schlichten. Und dies seit nahezu 200 Jahren. Die Idee, damals wie heute: „Besser schlichten als richten“. Die meisten Delikte haben die Jahrhunderte überlebt, z. B. Beleidigung, Bedrohungen, Körperverletzung oder Sachbeschädigung. Manche aber haben im Laufe der Zeit neue Formen angenommen. Dazu später mehr.Darf dieses Ehrenamt auch unter Corona-Bedingungen Frieden stiften? Schließlich müssen dazu ja mehrere Parteien/Haushalte an einem Tisch zusammenkommen. „Ja“, sagt Jürgen Otto, Vorsitzender der Bezirksvereinigung Siegen des Bunds deutscher Schiedsmänner und -frauen. „Aber unter anderen Bedingungen.

nja Siegen. Wenn zwei sich streiten – kann ein Dritter helfen: So könnte man die Devise der Schiedsfrauen und -männer umschreiben, die sich ehrenamtlich darum bemühen, Zwist unter Bürgern zu schlichten. Und dies seit nahezu 200 Jahren. Die Idee, damals wie heute: „Besser schlichten als richten“. Die meisten Delikte haben die Jahrhunderte überlebt, z. B. Beleidigung, Bedrohungen, Körperverletzung oder Sachbeschädigung. Manche aber haben im Laufe der Zeit neue Formen angenommen. Dazu später mehr.Darf dieses Ehrenamt auch unter Corona-Bedingungen Frieden stiften? Schließlich müssen dazu ja mehrere Parteien/Haushalte an einem Tisch zusammenkommen. „Ja“, sagt Jürgen Otto, Vorsitzender der Bezirksvereinigung Siegen des Bunds deutscher Schiedsmänner und -frauen. „Aber unter anderen Bedingungen.“

Die Schlichtungstreffen im Haus der Schiedsperson ist angesichts der Corona-Schutzverordnung und ganz besonders im derzeitigen Teil-Lockdown nicht mehr angesagt. „In den Rathäusern aber werden uns Räume zur Verfügung gestellt. Wir sind auch schon in Bürgerhäuser ausgewichen – dorthin also, wo die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden können.“

"Eine zweite Meinung kann sehr wichtig sein"

Homeoffice, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, keine Urlaubsreisen, wochenlanges Homeschooling: Haben sich diese herausfordernden Lebenslagen bemerkbar gemacht? Gab es also mehr Fälle zu verhandeln als in „normalen“ Jahren? Davon ist Otto nichts bekannt. Fortbildungsveranstaltungen fielen aber dem Virus zum Opfer, und auch der Stammtisch musste ausfallen – zuletzt Anfang November. „Dabei sind Lehrgänge und der Austausch mit erfahrenen Schiedsleuten gerade für Neue sehr wichtig“, bedauert der Vorsitzende. Allein gelassen werde aber niemand: Man steht sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite: „Eine zweite Meinung kann sehr wichtig sein!“ Im Bezirk Siegen gibt es zudem ein Patenprogramm.
Gibt es Nachwuchssorgen? Otto, seit neun Jahren im Amt und seit acht Jahren Vorsitzender: „Es gibt Bezirke, in denen wir monatelang nach Nachfolgern suchen müssen. Ich stelle fest: Viele Leute sind nicht ausreichend darüber informiert, was auf sie zukäme. Angst vor diesem Ehrenamt aber ist absolut unbegründet.“ Was muss man „mitbringen“? „Man muss zwischen 30 und 70 Jahre alt sein – und Lebenserfahrung ist nötig.“ Ziel der Schiedsverhandlungen sei es, einen „lebbaren Kompromiss“ zu finden. Es gelte, das zwischenmenschliche Miteinander während einer „holprigen“ Phase wieder in gerade Bahnen zu lenken. Otto: „Es ist von Vorteil, wenn man schon einmal in der Öffentlichkeit gestanden hat oder als verantwortliche Person in einem Verein tätig war.

Schiedsverhandlung abhängig von guter Vorbereitung

Anders gesagt: Der Umgang mit Menschen ist ein wesentliches Kriterium. Eine Schiedsperson sollte Kommunikationsfähigkeit besitzen. Das Ergebnis einer Schiedsverhandlung ist oft abhängig von der persönlichen Vorbereitung bzw. der Gesprächsführung. Hier gibt es keine im Vorfeld einstudierte Variante. Man muss in der Lage sein, kurzfristig eine Gesprächsstrategie zu entwickeln, die zu den Konfliktparteien passt.“ Drei bis vier Fälle landen im Schnitt pro Jahr auf dem Schreibtisch – das variiert natürlich von Ort zu Ort. „Die Erfolgsquote liegt bei 65 bis 70 Prozent.“

Verschwiegen und unparteiisch 1824 nahm das Schiedsamt seinen Anfang. Ziel war es damals schon, unbesoldete, aus dem Volk gewählte Schiedsrichter zu bestellen, wodurch Prozesse und ungewisse Rechtsverhältnisse unter Privaten ohne Zutritt richterlicher Hilfe vermieden werden. Heute ist das Schiedsamt ein demokratisches Instrument, das im Bundesgesetz zur Förderung der außergerichtlichen Streitbeilegung verankert ist. Schiedspersonen sind keine Richter und auch keine Anwälte. Ihre Aufgabe beschränkt sich auf die Moderation einer Schiedsverhandlung mit dem Ziel, einen Vertrag zwischen zwei sich einigenden Parteien zu schließen. In der Vorbereitung einer Schiedsverhandlung geht es also nicht um rechtliches Wissen, sondern um eine denkbare mögliche Verhandlungsstrategie, die beide Parteien motiviert, eine tragbare Lösung im Konflikt zu finden. Schiedspersonen setzen sich mit nachbarschaftsrechtlichen (z. B. Grenzabstände, Bepflanzungen, Geländeprofile), zivilrechtlichen (Mietrecht, Kaution, Betriebskosten) und strafrechtlichen Streitigkeiten (Verleumdung, Mobbing, üble Nachrede) auseinander. Sie wirken in ihrem eigenen Wohnbereich und sind für fünf Jahre gewählt. Schiedspersonen sind verschwiegen und unparteiisch. Sie haben eine hohe Erfolgsquote, das Ergebnis ist vollstreckbar und sie stehen unter einer ständigen Qualitätskontrolle durch die Amtsgerichte. Die Bezirksvereinigung Siegen wirkt innerhalb des Bunds deutscher Schiedsfrauen und -männer als regionale Organisation. Der Wirkungsbereich umfasst die Zuständigkeit des Landgerichtes Siegen somit die Amtsgerichte Siegen, Olpe, Bad Berleburg und Lennestadt. Ihr Interesse gilt vor allem der Aus- und Weiterbildung, sie hält Kontakt zu den Gerichten, Kommunen und Polizeibehörden. Es gibt 49 Posten für Schiedsleute, für Hilchenbach ist ein weiterer beantragt. Vakanzen gibt es derzeit in Burbach sowie in Siegen. Weitere Infos: www.bds-siegen.de.

Gibt es den „Klassiker“ unter den Schiedsfällen? Bei rund 70 Prozent handelt es sich um den berühmt-berüchtigten Nachbarschaftsstreit. Ein Beispiel, das in die Jahreszeit passt: Zweige von Nachbars Baum hängen über die Grundstücksgrenze und bescheren Laub und damit Arbeit. Die neuen und sogenannten sozialen Medien spielen laut Jürgen Otto aber zunehmend eine Rolle bei Schlichtungen: Fälle von Mobbing und übler Nachrede gewissermaßen auf Distanz: „Das ist ein ganz neues Feld!“ Nicht selten seien es Eltern, die sich beim Schiedsamt meldeten, da ihre Kinder betroffen sind.

Projekt mit Streitschlichtern an Gesamtschulen

Seit drei Jahren kooperiert die Bezirksvereinigung Siegen auch mit hiesigen Gesamtschulen und führt ein Projekt mit den Streitschlichtern der Jahrgänge 8 bis 10 durch. Dabei werden die jeweiligen Konzepte vorgestellt und mit Hilfe von Rollenspielen verdeutlicht. Im Amtsgericht Siegen nehmen die Jugendlichen an einer Strafgerichtsverhandlung teil und lernen auch eine Verhandlung des Zivilgerichtes kennen.
„Das ist ein tolles Projekt“, sagt Jürgen Otto, der bis zur Rente Leiter des Berufsbildungszentrums von Thyssen-Krupp in Eichen war und so Kontakt zu Schulen geknüpft hatte. Das Motto der Kooperation drückt eine Hoffnung aus: „Heute Streitschlichter, morgen Schiedsmann“.

Jürgen Otto, Vorsitzender der Bezirksvereinigung Siegen.
„Schlichten statt richten“ lautet das Motto der Schiedsleute.
Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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