Schieflage dauerte einmal zu lange

Siegener Amtsgericht beschäftigte sich gestern mit verschleppter Insolvenz

juwi Siegen. Die Firma an die Wand fahren und sich mit dem Privatvermögen absetzen: Der Angeklagte Friedhelm F. (alle Namen von der Redaktion geändert) passte so gar nicht in dieses Bild. Blass und unauffällig saß er gestern neben seinem Anwalt Ulrich Schmidt im Amtsgericht auf der Anklagebank. Er sollte laut Staatsanwaltschaft gegen die Insolvenzantragspflicht verstoßen haben.

Als er vor drei Jahren von seinem Arbeitgeber aus Altersgründen vor die Tür gesetzt wurde, entschloss sich der 54-Jährige nach einem Jahr Arbeitslosigkeit zu einem Neuanfang. Gemeinsam mit dem türkischen Staatsbürger Youssif Ü. gründete er eine Firma. Das erste Jahr lief wunschgemäß, die Firma machte innerhalb von zehn Monaten 800000 e Umsatz und bot zeitweise 25 Angestellten Lohn und Arbeit. Im zweiten Jahr blieben die Aufträge aus, der Umsatz brach um 50 Prozent ein. Erste Insolvenzanträge von Gläubigern wiesen F. und Ü. mit Abschlagszahlungen zurück. Selbst Insolvenz beantragen? Kein Thema für die Unternehmer. F.: »Wir dachten immer, es geht wieder aufwärts.«

Es ging nur noch abwärts. Bald konnten Krankenkassenbeiträge für die Arbeitnehmer nicht mehr bezahlt werden, das Finanzamt vermeldete Lohnsteuerschulden in Höhe von 130000 e, der Vermieter Mietrückstände in fünfstelliger Höhe. Die Gesamtforderungen beliefen sich auf rund 580000 e.

Schon Ende März 2002 leisteten die Geschäftsführer eine eidesstattliche Versicherung. Im September ging die Firma dann in Insolvenz. Zu spät, denn laut GmbH-Gesetz muss spätestens drei Wochen nach Zahlungsunfähigkeit Insolvenz beantragt werden. Das wäre Anfang Juli gewesen, wie Richterin Neumann bei der Urteilsverkündung klarstellte. Aber wie bei vielem im Leben stirbt die Hoffnung zuletzt. F.: »Einmal hat die Schieflage dann zu lange gedauert.« Zum eigentlichen Insolvenzverfahren kam es gar nicht mehr: Im September konnte der beauftragte Steuerberater kein verfügbares Guthaben mehr feststellen: »Wegen der Überschuldung konnte nicht zur Eröffnung eines Verfahrens geraten werden.« Einzig ein Mercedes Baujahr 1978 wurde vom Finanzamt beschlagnahmt.

Friedhelm F. lebt jetzt wieder von Arbeitslosengeld. Die Hälfte des Geldes wird wegen der illegalen Beschäftigung von Schwarzarbeitern gepfändet, bleiben 26,63 e pro Tag zum Leben, abzüglich der gestern verkündeten Strafe, 80 Tagessätze à 10 e – bei Ü. sind es 50 e. Damit kam Richterin Claudia Neumann bei F. den Forderungen von Verteidiger Ulrich Schmidt nach, bei Ü. den Forderungen von Oberamtsanwalt Adam. Bei F. hatte Adam eine Tagessatzhöhe von 20 e für angemessen gehalten.

Ob die Gläubiger nun versuchen werden, F. und Ü. auf dem Zivilweg zu belangen, musste vor der Strafrichterin gestern notwendigerweise offen bleiben.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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