Schillernde Zeiten zwischen zwei Feuern

 Ein markantes Gebäude: Auch wenn die Fassade des Deutschen Hofs an der Dammstraße zwischenzeitig mit einem Außenputz dem Zeitgeist Rechnung tragen musste – mehr als drei Jahrhunderte hat sie überstanden. Fotos: Archiv/privat   Auch Politprominenz fühlte sich in Hilchenbach wohl – Willy Brandt zum Beispiel, der spätere Bundeskanzler.  Die guten Stuben der ersten Adresse der Stadt Hilchenbach: Die Säle und Räume des Hotels Deutscher Hof konnten sich sehen lassen.  Aber bitte mit Sahne? Udo Jürgens gehörte zu den Prominenten, die mehrfach im Deutschen Hof abstiegen.  Außengastronomie an der Dammstraße – auch die gab es in der langen Geschichte der Gaststätte.  Auch Politprominenz fühlte sich in Hilchenbach wohl – Willy Brandt zum Beispiel, der spätere Bundeskanzler.  Der in diesem Jahr verstorbene Götz George gehörte zu den Gästen von Hedwig (l.) und Eva (r.) Kindermann.  Kaum noch vorstellbar: Da, wo heute die B 508 verläuft, befand sich vor dem Bau der Umgehung ein schmucker Hotelgarten.  Die guten Stuben der ersten Adresse der Stadt Hilchenbach: Die Säle und Räume des Hotels Deutscher Hof konnten sich sehen lassen.  Gut gelaunte Stars wie Günther Strack sorgten an der Dammstraße für Stimmung – nicht nur bei Eva Kindermann (l.).
  • Ein markantes Gebäude: Auch wenn die Fassade des Deutschen Hofs an der Dammstraße zwischenzeitig mit einem Außenputz dem Zeitgeist Rechnung tragen musste – mehr als drei Jahrhunderte hat sie überstanden. Fotos: Archiv/privat Auch Politprominenz fühlte sich in Hilchenbach wohl – Willy Brandt zum Beispiel, der spätere Bundeskanzler. Die guten Stuben der ersten Adresse der Stadt Hilchenbach: Die Säle und Räume des Hotels Deutscher Hof konnten sich sehen lassen. Aber bitte mit Sahne? Udo Jürgens gehörte zu den Prominenten, die mehrfach im Deutschen Hof abstiegen. Außengastronomie an der Dammstraße – auch die gab es in der langen Geschichte der Gaststätte. Auch Politprominenz fühlte sich in Hilchenbach wohl – Willy Brandt zum Beispiel, der spätere Bundeskanzler. Der in diesem Jahr verstorbene Götz George gehörte zu den Gästen von Hedwig (l.) und Eva (r.) Kindermann. Kaum noch vorstellbar: Da, wo heute die B 508 verläuft, befand sich vor dem Bau der Umgehung ein schmucker Hotelgarten. Die guten Stuben der ersten Adresse der Stadt Hilchenbach: Die Säle und Räume des Hotels Deutscher Hof konnten sich sehen lassen. Gut gelaunte Stars wie Günther Strack sorgten an der Dammstraße für Stimmung – nicht nur bei Eva Kindermann (l.).
  • hochgeladen von Archiv-Artikel Siegener Zeitung

js - Die Ursache für das Feuer, das den Deutschen Hof am ersten Dezemberwochenende in Schutt und Asche legte, wird wahrscheinlich nie zu klären sein. Lange hat es gedauert, bis sich die Kriminalpolizei sicheren Zutritt zum Brandherd im früheren Tanzsaal verschaffen konnte; belastbare Erkenntnisse brachte dies jedoch nicht. Die Geschichte eines Gebäudes, die mit dem großen Stadtbrand des Jahres 1689 begann, endete in den Flammen des Jahres 2016.

Das genaue Baujahr des Fachwerkhauses an der Dammstraße lässt sich heute nicht mehr genau bestimmen. Der erste Eintrag, den die Hilchenbacher Bürgerliste unter der Adresse Dammstraße 10 führt, stammt von 1687. „Hermannus Sollms und seine Schwiegermutter“ lebten seinerzeit an diesem Ort, in dem Vorgängerhaus, das am 1. Mai 1689 wie beinahe alle Gebäude des alten Stadtkerns niederbrannte. Nur fünf Häuser blieben von diesem Feuer verschont, das durch eine Explosion bei einer Pulverprobe in der Wilhelmsburg ausbrach – das nur einen Funkenflug entfernte Haus der Familie Sollms gehörte nicht dazu. In den Jahren nach dem Brand – um das Jahr 1700 – muss es zum Wiederaufbau gekommen sein, wann genau die derzeit provisorisch gestützte Fassade an die Dammstraße gesetzt wurde, ist nicht klar. 1725 jedenfalls findet sich der erste Eintrag zum damaligen Neubau. Sollms Schwiegersohn Johann Theobald „Dewaldt“ Schantz, Bürgermeister und Schöffe, war der nächste bekannte Eigentümer und Namensgeber des Hauses „Dewaldts“. Mit Friedrich Karl Ludwig Wolschendorf aus Lemgo kam 1801 der erste Gastwirt ins auch als Poststation genutzte Haus. Ihm folgte sein Sohn Friedrich, der bauliche Veränderungen am Gebäude vornahm. Der gebürtige Dortmunder Wirt Ernst Nielinger hatte mit seiner Familie von 1899 bis 1904 das Sagen in der Gastwirtschaft, die in dieser Zeit erstmals als Hotel „Deutscher Hof“ geführt wurde. Als Hausname hatte sich derweil „Nielingersch“ eingebürgert.

Der Turnverein nutzte das Restaurant als Vereinslokal, auch dann noch, als Wilhelm Lohmann als nächster Pächter ins Spiel kam. Richtig rund dürfte es im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht gelaufen sein: 1911 wurde der Deutsche Hof zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt die Haas-Brauerei (heute: „Krombacher“) für 35 600 Mark. Spätere Eigentümer waren Heinrich Ranke und sein Schwiegersohn Albert Dulheuer. 1927 kam es erneut zu einer Zwangsversteigerung. Der Rat hatte zwar seinerzeit einen Kauf durch die Stadt beschlossen, den Zuschlag aber erhielt für 16 000 Reichsmark das meistbietende Unternehmerquartett Heinrich Feldmann, Friedrich Schrag, Albert Rudolf Weiß und Wilhelm Schumacher. Sie verpachteten das Lokal in den Folgejahren an vielfach wechselnde Wirte. Später, 1941, wurden schließlich Überlegungen laut, hier die Hitlerjugend anzusiedeln. Das geschah jedoch nicht.

Die Blütezeit des Deutschen Hofs waren die Nachkriegsjahre. 1948 kamen mit Hedwig Kindermann und ihrer Tochter Eva zwei Gastwirtinnen von außerhalb in die Stadt und machten die Landgaststätte zu einem der führenden Häuser Westfalens. Die gebürtige Dortmunderin hatte das Gastgewerbe als Tochter eines Hoteliers von der Pike auf gelernt und gemeinsam mit ihrem Ehemann Rudolf eine Großgaststätte in Wernigerode betrieben. Nach dem Tod ihres Mannes und der russischen Besetzung verließen die beiden Kindermann-Frauen das Städtchen im Harz, um sich in Hilchenbach eine neue Existenz aufzubauen. Eva Kindermann soll zunächst skeptisch gewesen sein, als sie 1947 das Städtchen im Siegerland als kleinen Punkt auf der Landkarte entdeckte. „Du wirst sehen, es wird dir gefallen“, soll ihre Mutter sie getröstet haben. „Das Siegerland hat Ähnlichkeit mit dem Harz, und wir werden uns dort etwas Gutes aufbauen können.“ Hedwig Kindermann kannte Hilchenbach bereits aus ihrer Kindheit: Dass sie als Mädchen mehrfach bei Verwandten in Erndtebrück in der „Sommerfrische“ gewesen war, lässt sich im Archiv der Siegener Zeitung nachlesen. Eva Kindermann selbst kam auch an in ihrer neuen Heimat – als erste Frau wurde sie 1954 zur Schützenkönigin gekrönt.

In der Tat: Die Kindermanns brachten das Lokal zur vollen Blüte. Und Senior-Wirtin Hedwig gelang immer wieder, wie schon im Harz, prominente Gäste ins Haus zu locken. Schauspielgrößen wie Götz George, Günter Strack und Brigitte Mira machten Station an der Dammstraße. Sänger Udo Jürgens war mehrfach Gast, ebenso der spätere Bundeskanzler Willy Brandt. Sie alle strahlten von Fotos, die den Eingangsbereich des Hotels schmückten. Fotoalben prall gefüllt mit bekannten Gesichtern, Postkarten, Autogramme, persönliche Widmungen: Der Nachlass der Kindermanns, den Stadtarchivar Reinhard Gämlich im Kellergeschoss der Wilhelmsburg hütet, zeigt, dass es mitunter hoch her gegangen sein muss im Deutschen Hof. Und auch für die Kulturschaffenden war das Hotel von Bedeutung – der Gebrüder-Busch-Kreis etwa feierte seine Gründung in den frühen 1960ern an der Dammstraße. 1979 zogen die Kindermanns, die zwischenzeitlich auch sechs Jahre lang Eigentümerinnen des Deutschen Hofs waren, weiter. Hedwig, bereits 84 Jahre alt, setzte sich wohlverdient zur Ruhe. Tochter Eva übernahm eine leitende Stelle in einem Wiesbadener Hotel. Hedwig starb 1985, ihre Tochter 2009.

Der Deutsche Hof, der zunächst von Andreas und Renate Kulla weitergeführt wurde, war bereits 1976 von der öffentlichen Hand übernommen worden. Im Zuge der Stadtkernsanierung spielte das Areal des Gasthofs eine wichtige Rolle – dort, wo sich früher ein ausgiebiger Hotelgarten befand, wurde die neue Umgehungsstraße verlegt. Auf Dauer sollte die Stadt nicht im Besitz des Deutschen Hofs bleiben. Die Verkaufsverhandlungen gestalteten sich 1982, als die Stadtkernsanierung weit vorangeschritten war, jedoch als schwierig. Den Zuschlag erhielt schließlich Wilfried Reifenrath, der als Tanzmusiker lange Jahre im Deutschen Hof gewirkt hatte und den „Ritterkeller“ und eine Diskothek betrieb. In der Reifenrath-Ära wurde der Saal, in dem jahrzehntelang die Hilchenbacher Jugend Tanzkurse absolviert hatte, zum „Hilchenbacher Hoftheater“. Der Ballonsportclub hatte hier sein Domizil. Ende 1989 wurde der Erweiterungsbau im Landhausstil zur Bundesstraße hin mit neuem Eingangsbereich eröffnet. Um die Jahrtausendwende wurde dieser Teil des Gebäudekomplexes zum China-Restaurant „Nan King“ umgebaut, Wilfried Reifenrath bewirtschaftete nur die kleine Gaststube zur Dammstraße hin. Vor fünf Jahren verstarb der letzte Wirt des Deutschen Hofs.

2016, das Jahr, das uns gefühlt so viele prominente Persönlichkeiten geraubt hat wie kaum ein anderes zuvor, wurde kurz vor seinem Ende auch zum letzten Kapitel in der Geschichte eines langjährigen Prominententreffs. Gegen Feuer hilft kein Denkmalschutz – die offensichtliche Einsturzgefahr macht keine Hoffnung auf eine Rettung des Gebäudes. Die Stadt Hilchenbach hat mit dem Deutschen Hof eines ihrer ältesten und prägnantesten Gebäude verloren. Traurig, aber wahr. 

Jan Schäfer

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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