Schlicht ist einfach schön

 Die Freunde Eva Kruse (Kontrabass), die Sängerinnen Jeanette Köhn und Jessica Pilnäs, Posaunist Nils Landgren und Saxofonist Jonas Knutsson (v. l.) haben sich bei ihren Arrangements von neuen und alten Weihnachtsliedern aufs Wesentliche besonnen. Foto: zel
  • Die Freunde Eva Kruse (Kontrabass), die Sängerinnen Jeanette Köhn und Jessica Pilnäs, Posaunist Nils Landgren und Saxofonist Jonas Knutsson (v. l.) haben sich bei ihren Arrangements von neuen und alten Weihnachtsliedern aufs Wesentliche besonnen. Foto: zel
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zel - „Letzte Weihnachten schenkte ich dir mein Herz, aber schon am nächsten Tag hast du es weggegeben. Dieses Jahr – um nicht wieder heulen zum müssen – schenke ich es jemand Besonderem.“ Und? Klingelt‘s? In Nils Landgrens Version von „Last Christmas“ klingelt gar nichts, er singt die kleine, traurige Geschichte beiläufig und so sanft, wie er seine Posaune spielt, begleitet von seinem langjährigen Freund, dem Gitarristen Johan Norberg. Der Wham-Song, in dieser Adventszeit 3682 Mal gehört, hat zum ersten Mal nicht genervt.

Nichts Weihnachtliches nervt, wenn der schwedische Jazz-Posaunist Landgren mit seinen Freunden auf Tour durch deutsche Kirchen ist. Nur das Permanente, das Unausweichliche nervt. In die Ev. Kirche in Hilchenbach aber kamen am Freitagabend all diejenigen freiwillig, die Weihnachten immer noch mögen, vielleicht eine spirituelle Erfahrung machen wollten oder einfach dabei sein, wenn gute Musiker ein Weihnachtskonzert nach ihren Vorstellungen gestalten, wie sie dies schon seit Jahren tun. Die CD „Christmas With My Friends IV“ ist gerade erschienen und fand nach dem Konzert reißenden Absatz, denn das eben Gehörte will zu Hause noch ein bisschen im Herzen bewegt werden.

Geistliche und weltliche, alte und neue, schwedische, deutsche und englische/amerikanische Weihnachtsmusik haben Landgren und seine Mitstreiter wieder ausgesucht und zusammengestellt, mit der Besinnung auf das Wesentliche arrangiert und mit viel Freude – auch noch beim 23. Konzert! – live dargeboten. Bei aller Abwechslung war das Konzert (ohne Pause) ein Ganzes, der Altarraum dabei zurückhaltend illuminiert, und auch die Soundtechnik (Jörg, Jörg, Jörg und Jörg und ein paar Jans) hatte ganze Arbeit geleistet. Alles klang klar und sauber, wie ein knackig kalter Tag mit blauem Himmel, Sonne und frischem Schnee.

Neben Landgren, im roten Jackett, passend zum Markenzeichen, der roten Posaune, sangen drei ganz unterschiedliche Frauen: Engelsgleich trug Jessica Pilnäs (sie ist diejenige, die dieses Mal schwanger war) zum Beispiel „What A Wonderful World“ bei, kein eigentliches Weihnachtslied, aber eins, das die Botschaft vom Frieden noch immer bezaubernd und ganz entspannt zu vermitteln mag. Der klassisch ausgebildeten Sopranistin Jeannette Köhn gelang ergreifend schön „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ im Duett mit Nils Landgrens Posaune, und Ida Sand am Klavier spielte und sang mit ihrer tiefen Stimme das englische „In The Bleak Midwinter“, von Gustav Holst vertont, als ob es ihr eigener Song wäre, und ließ es beim Gospel „Go, Tell It On The Mountain“ krachen. Die drei Frauenstimmen in unterschiedlichen Konstellationen oder alle zusammen harmonierten herrlich, etwa bei „The First Noel“ oder dem zuerst auf schwedisch gesungenen „O du fröhliche“. Und eine vierte Frau ist mit Landgren und Co. auf Tour: die deutsche Bassistin Eva Kruse, die im Duett mit dem Posaunisten ebenso virtuos wie lässig „Santa Claus Is Coming To Town“ interpretierte. Falls noch mehr Swing gefällig war, hatte Jessica Pilnäs etwas vorbereitet: mit „Let It Snow“ und einer Handvoll Schneeflocken. Jonas Knutsson spielte souverän seine Saxofone und kam einmal mit der Klarinette – zusammen mit Landgren – so richtig aus sich raus: beim vertrackt-verrückten Arrangement von „Tochter Zion“.

Das Publikum in der vollbesetzten, wohltemperierten Kirche von Hilchenbach (das wurde von dem auf Deutsch moderierenden Nils Landgren durchaus bemerkt, der anderswo offenbar schon bitter gefroren hatte!) sang am Ende „Stille Nacht“ natürlich am allerschönsten, vor allen bisherigen Publika, applaudierte im Stehen und bekam noch eine stille, schlichte Friedensbotschaft mit auf den Nachhauseweg, von Nils Landgren so unprätentiös wie überzeugend gesungen: John Lennons „Imagine“. Dem Applaus nach zu urteilen, hätte kaum einer, der dabei war, was dagegen, wenn dieses zweite nicht das letzte Weihnachten mit Landgren und Freunden in Hilchenbach gewesen wäre …

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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