Schlüssel und Schloss

Intensiv: Arlo Guthrie allein mit seiner Gitarre.  Foto: aww

aww Siegen. Langes Männerhaar, in Ehren ergraut – das wallte am Freitagabend nicht nur auf der Siegener Schlosshof-Bühne, sondern allenthalben auch davor, auf diesem oder jenem Kopfe vielleicht ein wenig schütterer als ehedem. Das Publikum zeigte sich durchaus als einigermaßen homogene Menge – altersmäßig und ein Stückchen weit auch optisch irgendwie. Da ist noch ein Rest vom Revoluzzertum übriggeblieben, und wenn es eben nur die Haarpracht ist.

Der eine oder andere wird sich vielleicht vorher noch mal den Woodstock-Film reingezogen haben. Bei dem legendären Festival war auch Arlo Guthrie mit von der Partie – am Freitag, gut 40 Jahre später, fand er weniger üppige Dimensionen vor. Immerhin: Auch der Hof des Oberen Schlosses war bestens gefüllt. Eine Autobahn versank allerdings diesmal nicht im Verkehrschaos. Deutlich mehr Publikum kam tags darauf, am Samstag, wieder auf Guthrie zu – beim Bardentreffen in Nürnberg, wo er mit dem Berliner Musiker Wenzel vor geschätzten 20 000 Zuhörern auftrat.

Auch zum hiesigen Konzert im Rahmen des Siegener Sommerfestivals war der 63-jährige US-Folk-Sänger mit den grau-weißen Locken nicht allein gekommen. Als nahezu gleichberechtigter Partner war ebenfalls Wenzel dabei, der seinerseits Cornelius Ochs (Bass, Gesang), Hannes Scheffler (Gitarre) und Kiki Bohemia (Backing-Vocals) im Schlepptau hatte. Wenzel, der auch Piano, Akkordeon und Gitarre spielte, hat vor Jahren im Auftrag von Arlo Guthries Schwester Nora – die ebenfalls anwesend war – Texte von deren Vater, Folk-Legende Woody Guthrie, auf Deutsch übersetzt und unveröffentlichte Lyrics vertont. Wenzel und Arlo Guthrie haben sich kennen- und offenbar schätzen gelernt, geben zusammen Konzerte … nun also auch hier.

„Wir gehen ein klein wenig gegen die ansonsten um sich greifende Blödheit vor“, erklärt Wenzel sein Ansinnen und das Guthries. Übertrieben bedeutungsschwanger wurde es dann aber nicht – der Unterhaltungsaspekt war doch ein wesentlicher. Unterhalter sind sie beide, Wenzel und Guthrie, wenn auch ganz unterschiedlicher Art. Ersterer könnte ein trefflicher Kabarettist sein, zeigt sich als begabter Dialektsprecher – und singt am „letzten Sommerabend des Jahres“ (damit möchte er bitte nicht recht behalten) von der „Zeit der Irren und Idioten“ oder vom sonntäglichen Promenadenspaziergang in „Heringsdoof“ an der Ostsee. Guthries Humor ist trocken, er erzählt natürlich mehr vom Land jenseits des großen Teiches, aus dem er kommt, nicht nur im allseits bekannten „City Of New Orleans“, einem der wenigen Momente, wo er von der Akustikgitarre zum Flügel wechselt.

Die ganze Mischung ist im Übrigen gewöhnungsbedürftig. Arlo Guthrie klingt eben sehr amerikanisch, Wenzel ziemlich deutsch. Dieser singt englisch, jener deutsch – und manchmal vermengen sie beides in einem Song. Guthries „Darkest Hour“ wird im deutschen Teil zur „Schwarzen Stunde“. Das alles kann man spannend finden, ist es ja irgendwie auch, und die Sprachen stehen sich nicht im Weg. Die musikalische Stilmixtur allerdings muss nicht jedermanns Sache sein, kurz: Da will der Schlüssel nicht so recht zum Schloss passen.Am intensivsten ist die Stimmung dann, wenn Arlo Guthrie und seine Sechssaitige, vielleicht noch mit Unterstützung der Harp, alleine auf der Bühne sind, ohne die Begleitung der anderen (die ihre Sache allerdings durchaus souverän machen, nur die weiblichen Background-Vocals hätten einen Schuss Inspiration vertragen). Dann zeigt der Amerikaner mit einem filigranen Blues oder einem feinen Fingerstyle-Solo, dass er ein geschliffener Akustikgitarrist ist, oder er rührt mit einem von ihm vertonten Text seines Vaters Woody („My Peace“) an oder liefert nette Hommagen (u. a. mit „Goodnight, Irene“) an sein Vorbild Leadbelly. Von Woodstock ist übrigens nicht die Rede an diesem Abend …Arlo Guthrie verabschiedet sich sinnigerweise bei der zweiten Zugabe als Solist vom Publikum, das den Abend über angetan, aber nicht ganz euphorisiert wirkt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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