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Durchführung für Erst- und Zweitklässler kaum möglich
Schnelltests sind kein Kinderspiel

In der Dorfmitte in Müsen machten einige Eltern ihrem Ärger über die Testpflicht Luft. „Was ist wohl die Inzidenz unserer Psyche?“ fragen sie mit Blick auf das Kindeswohl auf diesem Transparent.
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  • In der Dorfmitte in Müsen machten einige Eltern ihrem Ärger über die Testpflicht Luft. „Was ist wohl die Inzidenz unserer Psyche?“ fragen sie mit Blick auf das Kindeswohl auf diesem Transparent.
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rege Siegen. September 2020 in Littfeld: Ein fünfjähriges Mädchen geht morgens fröhlich zur Schule, Stunden später ist die Erstklässlerin nicht wiederzuerkennen. Sie ist extrem verstört, weint, ist fertig mit den Nerven und versteckt sich in einer Hecke. Was war passiert? Eine Referendarin ist positiv getestet worden, die ganze Klasse muss in Quarantäne. Ein Szenario, das die junge Schülerin mental erst einmal verarbeiten muss.

Doch nicht nur

rege Siegen. September 2020 in Littfeld: Ein fünfjähriges Mädchen geht morgens fröhlich zur Schule, Stunden später ist die Erstklässlerin nicht wiederzuerkennen. Sie ist extrem verstört, weint, ist fertig mit den Nerven und versteckt sich in einer Hecke. Was war passiert? Eine Referendarin ist positiv getestet worden, die ganze Klasse muss in Quarantäne. Ein Szenario, das die junge Schülerin mental erst einmal verarbeiten muss.

Doch nicht nur das Kind muss den Corona-Schock verdauen, die Eltern leiden mit. Immerhin: Es gelingt Mama und Papa, die Kleine psychisch wieder aufzubauen. Was bleibt, ist die Sorge um das Wohl der Kinder, die Angst vor weiteren Horrorszenarien. Geschürt wird diese Angst jetzt zusätzlich die zweimal wöchentliche Testpflicht, die das Land Nordrhein-Westfalen angeordnet hat.

Die Durchführung der Schnelltests in Grundschulen sorgt für „Zündstoff“ und treibt Eltern auf die Barrikaden. Am Sonntag gab es eine Protestaktion an der Adolf-Wurmbach-Grundschule in Littfeld, am Donnerstag solidarisierten sich Eltern der Müsener Stahlberg-Grundschule mit den Littfeldern und zeigten in der Dorfmitte von Müsen mit Transparenten, Plakaten und Girlanden ebenfalls „Flagge“. In beiden Fällen war die Sichtbarkeit der Kritik zwar nicht von Dauer, doch die Eltern konnten ihrem Ärger zumindest etwas Luft machen.

Bei positivem Test wird Lage unberechenbar

Für Frust sorgt vor allem die Art und Weise, wie die Tests durchgeführt werden (sollen). „Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Tests, aber das gemeinschaftliche Testen finde ich nicht in Ordnung. Wenn dabei nur negative Ergebnisse heraus kommen, ist alles prima, aber im Falle eines positiven Tests wird die Situation unberechenbar. Dieser möchten wir unsere Tochter nicht aussetzen. Einen solchen Schockmoment muss man einer Kinderseele nicht zumuten. Während der Pandemie passiert psychisch schon genug mit den Kindern“, schildert Nina Kroes, die an der Aktion in Littfeld beteiligt war, ihre Ängste. Nach einem intensiven Gespräch mit der Tochter werden die Kroes’ nun auf die Möglichkeit der Bürgertests zurückgreifen, auch wenn das aufgrund der 48-Stunden-Regelung mit hohem organisatorischem Aufwand verbunden ist. Sprachlos mache sie außerdem, dass es für Arbeitnehmer noch keine Testpflicht gebe, diese aber für Kinder verordnet wird.

Auch Stephanie Gödert, die in Müsen Drillinge in der ersten Klasse und ein Kind in der zweiten Klasse hat, stellt sich vor allem die Frage, was passiert, wenn ein positives Testergebnis herauskommt. „Was geht dann in diesem Kind vor? Das Kind wird eingeschüchtert sein, die anderen Kinder wissen Bescheid. Wieviel Angst und Schrecken steckt dahinter? Was ist mit der Kinderseele?“, betrachtet sie Kinder und Jugendliche als besonders vulnerable Gruppe während der Pandemie. Hinzu komme die Angst vor der Durchführung des Tests. „Ich finde die Tests gravierender als das Ziehen einer Zecke. Bei einer Zecke dürfen die Lehrer helfen, wenn man dafür unterschrieben hat, bei diesem Test jedoch nicht“, findet Gödert es ein Unding, dass die Kinder auf sich alleine gestellt sind.

Kinder in den ersten Schuljahren mit Tests überfordert

Unterstützung bekommen die besorgten Mütter von der Vorsitzenden vom Verband Bildung und Erziehung im Kreis Siegen-Wittgenstein. „Vor allem Kinder aus den ersten Schuljahren sind mit diesem Test überfordert und können diese nicht so selbständig durchführen, wie dies scheinbar angenommen wurde“, beschreibt Richarda Diehl die ersten Erfahrungen, die in den vergangenen Tagen im heimischen Kreis gemacht wurden. „Vor allem bei Kindern der Schuleingangsstufe gab es feinmotorische Probleme. Es gab Ängste beim Einführen in das Nasenloch, ganz davon abgesehen, die Angst vor einem positiven Testergebnis“, überwiegen laut Diehl die negativen Begleiterscheinungen des 16 Schritte zählenden Tests.

Gerade für die jüngeren Schüler sind die Test unangenehm.
  • Gerade für die jüngeren Schüler sind die Test unangenehm.
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Dass dieser insbesondere für Schulanfänger kaum ohne Hilfe durchzuführen ist, bestätigt die Schulleiterin der Grundschulen in Wilnsdorf und Wilgersdorf. „Es ist für Erstklässler echt schwierig, die Sachen aufzureißen, den Abstrich ohne Hilfe abzustreichen und den Pfropfen auf das Röhrchen zu setzen. Hinzu kommen die emotionale Anspannung und die Aufregung. Einmal ist ein Röhrchen umgekippt, dann musste der Test wiederholt werden. Zudem kommt es immer wieder vor, dass die Kinder während des Tests niesen, und wenn Kinder niesen, dann niesen sie über den Tisch. Das ist schon eine sehr grenzwertige Geschichte“, ist Julia Paul nicht nur um die Gesundheit der Kinder, sondern auch um die der Lehrkräfte besorgt. „Im Gegensatz zu den Mitarbeitern in den Testzentren machen wir alles ohne Schutzkleidung“, hofft die Schulleiterin, dass die Ergebnisse – wie bisher bei den 33 Mädchen und Jungen in der Notbetreuung – weiterhin negativ ausfallen.

Unvorstellbarer organisatorischer und personeller Aufwand

Zu Bedenken gibt sie ferner den unvorstellbaren organisatorischen und personellen Aufwand, der mit der Vorbereitung und Abwicklung der Tests, die in 20er-Paketen geliefert werden, verbunden ist.
Erste Erkenntnisse damit haben mit rund 20 Schülerinnen und Schülern im Notbetrieb auch die Grundschulen in Eichen und Littfeld gesammelt. „Die Kinder der dritten und vierten Klasse finden das interessant und haben das auch gut hinbekommen. Die Kleineren haben es zunächst meist nur mit Unterstützung der Erwachsenen geschafft. Aber wenn sie das zwei-, dreimal gemacht haben, wird es sicher besser. Ein kleiner Spiegel kann da durchaus hilfreich sein“, hat Thomas Bosch einen Tipp für andere Schulen.

Dennoch hoffe er, wie vom Schul- und Bildungsministerium versprochen, auf kinderfreundlichere Tests ab Mitte Mai. Das würde zumindest die Erfüllung der Pflicht bis zur Ergebnisbekanntgabe vereinfachen – und jedes negative Resultat ist anschließend positiv für die Corona-geschundene Kinderseele.

Klage gegen die Testpflicht eingereicht Die Testpflicht für Schülerinnen und Schüler beschäftigt inzwischen auch die Justiz. Dem Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster liegen mehrere Klagen gegen den Testzwang vor, darunter auch eine Klage aus Siegen. „Wir haben 16 Verfahren dieser Art. Die Normenkontrollanträge richten sich gegen das Land Nordrhein-Westfalen. Das Land hat bis Freitag Zeit, eine Stellungnahme abzugeben. Mit einer ersten Entscheidung ist deshalb nicht mehr in dieser Woche zu rechnen“, teilte die Pressedezernentin des Oberverwaltungsgerichts, Dr. Gudrun Dahme, am Donnerstag auf Anfrage der Siegener Zeitung mit. Sollte es zu einem Verfahren kommen, dann werde der Senat sich eines Falles annehmen. Dieses Urteil werde dann für alle Verfahren und alle Schulen in Nordrhein-Westfalen gelten.
In der Dorfmitte in Müsen machten einige Eltern ihrem Ärger über die Testpflicht Luft. „Was ist wohl die Inzidenz unserer Psyche?“ fragen sie mit Blick auf das Kindeswohl auf diesem Transparent.
Gerade für die jüngeren Schüler sind die Test unangenehm.
Autor:

René Gerhardus (Redakteur) aus Siegen

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