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Unterwegs in Siegens Partnerstadt Plauen
Schöne Schwester im Osten

Der obere Teil des 67 Meter hohen Rathausturms ist bei Dunkelheit bestmöglich in Szene gesetzt.
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  • Der obere Teil des 67 Meter hohen Rathausturms ist bei Dunkelheit bestmöglich in Szene gesetzt.
  • Foto: Andreas Goebel
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

goeb Plauen/Siegen. „Rrrrrrrrrrrrr“ macht mein braves Köfferchen an der ausgezogenen Teleskopstange hinter mir, als ich durch Siegen gehe. „Klack-klack-klack-klack“ macht es, als ich es sieben Stunden später über Plauens Pflaster ziehe. Wer Siegens Partnerstadt zu halbwegs ziviler Zeit erreichen will, der sollte früh aufbrechen. Ich bin zu lässig weggekommen aus der Heimatstadt. Das rächt sich nun. Es geht über Friedberg, Hanau, Bamberg und Hof. Nirgends verkehrt ein ICE.
Schlendern durch PlauenIn einer fremden Stadt spät abends ankommen, das hat auch seinen Reiz, rede ich mir ein. Still liegen die Straßen und Plätze da, gedämpftes Licht, hallende Schritte, Blick in erleuchtete Fenster. An der Kreuzung der Straße der Deutschen Einheit/Friedrich-Engels-Straße muss ich mich entscheiden.

goeb Plauen/Siegen. „Rrrrrrrrrrrrr“ macht mein braves Köfferchen an der ausgezogenen Teleskopstange hinter mir, als ich durch Siegen gehe. „Klack-klack-klack-klack“ macht es, als ich es sieben Stunden später über Plauens Pflaster ziehe. Wer Siegens Partnerstadt zu halbwegs ziviler Zeit erreichen will, der sollte früh aufbrechen. Ich bin zu lässig weggekommen aus der Heimatstadt. Das rächt sich nun. Es geht über Friedberg, Hanau, Bamberg und Hof. Nirgends verkehrt ein ICE.

Schlendern durch Plauen

In einer fremden Stadt spät abends ankommen, das hat auch seinen Reiz, rede ich mir ein. Still liegen die Straßen und Plätze da, gedämpftes Licht, hallende Schritte, Blick in erleuchtete Fenster. An der Kreuzung der Straße der Deutschen Einheit/Friedrich-Engels-Straße muss ich mich entscheiden. Einfach cool, diese Namen. Echt Ossi. Ich würde gern noch etwas herumstromern, die Müdigkeit ist verflogen. „Ja, der Empfang ist besetzt“, versichert mir die Rezeptionistin des Hotels. Ich schlendere. Schlendern ist Luxus.

Dankbar für Hilfe aus Siegen

Engels, die Einheit. Beide Begriffe markieren wichtige Stationen in der Geschichte Plauens. Schön, dass sie hier ein Bewusstsein dafür haben und dazu stehen können. Siegen tauchte „erst“ vor 30 Jahren hier auf, nicht besserwisserisch und dominant, sondern beseelt von echter Hilfsbereitschaft.
Silvia Weck, die schon damals als neue Pressesprecherin der Stadt tätig war, und die ich morgen treffe, wird mir mehrfach sagen, wie dankbar man hier noch heute ist für die Siegener Hilfe auf allen Ebenen: Vereine, Feuerwehr, Kultur. Im „PlauSi“, dem schon legendären Pavillon, berieten Siegener Handwerker ihre Vogtländer Kollegen. Die SVB stellten eine Heizungsanlage auf, Fachleute aus dem Siegener Rathaus waren Monate, manche ein ganzes Jahr lang in dem riesigen Plauener Rathaus tätig, dessen hoher Turm mir jetzt das intensive Blau seines Ziffernblatts zum Gruß herüberschickt.

Partnerschaft ist "normal"

Edel, denke ich, als ich das neoklassizistische Theatergebäude passiere. „Glauben Sie mir“, wird mir Frau Weck sagen. „Die Plauener haben das nicht vergessen.“ „Und die Partnerschaft?“, werde ich sie fragen. „Ist die noch lebendig?“ Lächelnd wird sie bejahen und hinzufügen: „Es ist normal geworden.“ Wär auch komisch, wenn nicht, nach 30 Jahren.
Ist nicht uninteressant, der Frage nachzugehen, womit sich eine Stadt nachts in Szene setzt. In Siegen würde man ja auch nicht das Landgerichtsgebäude oder die verbliebenen „Nato-Zähne“ auf dem Fischbacherberg anstrahlen lassen, sondern gerechterweise das Krönchen.

Kein Geld für den Wiederaufbau

Mein erster Eindruck: Plauen verströmt selbst nachts etwas vornehm Großbürgerliches. Wie kann es denn sein, dass hier ein Jugendstil-Gebäude nach dem anderen die Straßen im XL-Format säumt, wo Plauen kurz vor Kriegsende doch ebenso wie Siegen zu Dreivierteln zerstört worden ist? Ich kenne die Antwort in diesem Moment noch nicht, aber Frau Weck wird sie mir morgen geben. „Die DDR hatte schlicht nicht das Geld für einen Wiederaufbau“, wird sie mir erklären.
Alles rottete so vor sich hin. Abgesehen von den Plattenbauten vor den Toren war da nicht viel mit Bauboom in den 70ern und 80ern, wo sie bei uns wüteten. Der Boom kam hier erst nach der Wiedervereinigung, mit Sinn und Verstand und mit den Milliarden der Aufbauhilfe. Man riss nicht ab, sondern restaurierte. Deshalb sind so viele Städte in den neuen Bundesländern solche Juwelen geworden.
Morgen, bei Tageslicht, nicht jetzt, wo alles schläft und nur ein paar Jugendliche vor der Stadt-Galerie, einem Klon unserer City-Galerie, ihren Rap abspielen, morgen also werde ich bei der zweistündigen Stadtführung nicht nur die vielen Baukräne sehen, sondern ich werde bereits ein Feedback von den Plauenern haben, was sie an ihrer Stadt lieben.

"Freundliche Menschen" in Plauen

Das ist eine von vier Fragen, die ich in der Facebook-Gruppe „Plauen“ stelle, in die mich Fremdling der Gruppen-Administrator dankenswerterweise aufgenommen hat. „Die freundlichen Menschen“, werden sie mir mehrheitlich antworten, und die „wiederhergerichtete Innenstadt“. Beides trifft zu.
Wir stehen auf einer wuchtigen alten Brücke, mein Köfferchen und ich. Durch die schmiedeeiserne Brüstung blicke ich in einen Brauereihof mit artig abgestelltem Bierlaster und einem Manhattan aus Leergut. Durch die Baumkronen schimmert die Leuchtreklame vom Dach zu mir durch. Sternquell trinkt man hier also. Seit 1857.

Rapides Wachstum und baulicher Aufschwung

Zwar feiert Plauen in zwei Jahren seine erste urkundliche Erwähnung vor 900 Jahren, wird mir Frau Weck sagen. Doch so richtig los ging es für Plauen erst im 19. Jahrhundert. Damals trat die Plauener Spitze ihren Siegeszug um die Welt an und legte den Grundstein für das rapide Wachstum und den baulichen Aufschwung. Heute hat die Textilindustrie zu kämpfen, aber sie hat noch Gewicht.
Ich erinnere mich, dass ich irgendwo die Zahl von 128 000 Einwohnern aufgeschnappt habe, die Plauen 1912 gehabt haben soll. Klar, dass sie hier solche Straßen gebaut haben. Die hatten Visionen.
Als ich die Kreisverwaltung passiere, ein Gebirge aus Stein, groß wie Karstadt, das ein weiteres Karstadt huckepack trägt, weiß ich noch nicht, dass es das 2017 eröffnete Landratsamt ist. Aber Frau Weck wird es mir sagen und von einem Schachzug sprechen, mit dem man den Landkreis den Umzug in das leerstehende ehemalige jüdische Kaufhaus Tietz schmackhaft gemacht hat.

Plauen ist Uni-Stadt

Drei dicke Dinger beschäftigen die Rathaus-Belegschaft aktuell. Abgesehen davon, dass das Rathaus als letzte große bauliche Instanz in der Innenstadt nun endlich auch saniert wird, richten sich alle Blicke auf die Schlossterrassen mit den neu entstehenden Gebäuden der Staatlichen Studienakademie als eigenständige Hochschuleinrichtung, einen Steinwurf oberhalb gelegen.
Ja, Plauen ist auch Uni-Stadt und baut das konsequent aus. Das Ensemble auf dem Sattel des Amtsbergs mit Blick auf die Altstadt ist wunderschön und das akademische Angebot attraktiv.
Plauen setzt auf die Verzahnung von 700 Betrieben der Region mit der Akademie. Das Duale Studium bildet u. a. Systemgastronomen, technische Manager und Angehörige der Gesundheitsberufe aus, darunter die begehrten „Physician Assistants“, die „Halb-Ärzte“, die die Mediziner auf dem Land unterstützen sollen.

Tal der Weißen Elster

Frau Weck und ich werden anderntags auch ins Tal der Weißen Elster blicken, und von dort aus das weitläufige Gelände der ehemaligen Hempelschen Fabrik betrachten sowie das Weisbachsche Haus, wo später das Deutsche Forum Textil und Spitze seine neue Adresse haben wird.
Sie wird mir noch viel mehr erzählen. Jetzt, um Mitternacht, weiß ich noch von gar nichts, während mein Köfferchen – klack-klack-klack-klack – die letzten Meter zum Hotel zurücklegt. An der Rezeption brennt tatsächlich noch Licht.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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