Schweigen per Anwalt gebrochen

»Rotlichtprozess«: Volker F. übernahm Verantwortung für tödlichen Brand in Stundenhotel

pebe Siegen. Bislang hatte er hartnäckig geschwiegen, hatte auch zu seinen persönlichen Verhältnissen nichts gesagt und eine Untersuchung durch den psychiatrischen Sachverständigen abgelehnt. Gestern, am 60. Tag des »Rotlichtprozesses«, hatte Volker F., früherer Vertrauter des Hauptangeklagten Winnie R., einen denkwürdigen Auftritt: Obwohl er weiterhin nichts sagte, war seine Aussage brisant. Denn er ließ durch seinen Verteidiger Roland Pohlmann (Iserlohn) eine Erklärung ankündigen, in der er sich zu seiner Beteiligung am Autobomben-Attentat äußern und die volle Verantwortung für den Brand in einem Stundenhotel in der Siegener Donnerscheidstraße übernehmen wolle. Später sagte er doch noch etwas: »Ja« – als der Vorsitzende des Schwurgerichts ihn fragte, ob das Vorgelesene das sei, was er sagten wolle.

Begründung der Anwälte für die Erklärung: Derzeit sitze ihr Mandant noch eine mehrjährige Haftstrafe ab, die im September beendet sein werde. Eine zu erwartende Strafe im Rotlichtprozess wäre gesamtstrafenfähig. Deshalb sei mit der Prozesserklärung auch der Antrag verbunden, das Verfahren gegen Volker F. gesondert zu verhandeln.

Rechtsanwalt Ralph Giebeler (Hagen) verlas das vierseitige Dokument, das in der »Ich-Form« abgefasst war. Und das hatte es in sich. Er habe, so Volker F. in der Erklärung, Anfang der 90er Jahre gemeinsam mit Gerd F. von einem mittlerweile gestorbenen Zeugen Sprengstoff und Zündkapseln gekauft – allerdings ohne konkretes Ziel. Als die Auseinandersetzungen zwischen dem Siegener »Ex-Rotlichtkönig« Winnie R. und dessen Konkurrenten »Richie« begannen und sich zuspitzten, habe man überlegt, wie »Richie« aus der Stadt gejagt werden könne.

Auf seinen Vorschlag, dem Konkurrenten »eine Kugel in den Kopf« zu schießen, habe R. abgewiegelt und statt dessen den Sprengstoff verlangt. Später sei er, so F., mit Peter L. zu Peter K. – beide ebenfalls angeklagt – gefahren, und L. habe sich K.s Wagen genau angesehen. Anfang November 1992 habe Winnie ihm den Vorschlag gemacht, in Trier einen gemeinsamen Bekannten zu besuchen. Am nächsten Tag habe er dann von der Explosion erfahren. Von dem Anschlag oder Einzelheiten habe R. nie etwas gesagt.

Diese Aussage deckt sich mit der Prozesserklärung des Winnie R. im Spätsommer vorigen Jahres. Damals hatte R. erklären lassen, er habe Volker F. zwar den Sprengstoff von Gerd F. besorgen lassen, aber mit Volker F. »nicht ausdrücklich« über die Verwendung gesprochen. F. sei auch nicht an der Planung des Attentats beteiligt gewesen.

Für den Brandanschlag in der »Donnerscheidstraße«, bei dem im Juni 1995 zwei Prostituierte ums Leben kamen, übernahm F. in seiner Erklärung die Verantwortung. Er habe seinerzeit mit seiner Freundin eine Terminwohnung betrieben und deshalb Ärger mit Winnie R. bekommen. Die schlechte »wirtschaftliche« Situation damals und sein vergeblicher Versuch, im rauen Jena Fuß zu fassen, hätten ihn »gestresst«.

Da sei ihm die Idee gekommen, das Stundenhotel einer Konkurrentin in der Donnerscheidstraße anzuzünden. Von einer Gefährdung der Prostituierten sei er nicht ausgegangen, weil sie seines Wissens am Wochenende in einer anderen Wohnung lebten. Am frühen Morgen des 18. Juni 1995 sei er mit »meinem Fahrer« zu dem Haus gefahren. Er habe zunächst geklingelt, dann, als alles ruhig blieb, einen Benzinkanister genommen, Benzin durch den Briefkastenschlitz geschüttet, angezündet und sei wieder gefahren.

In F.s Erklärung wurde auch der mitangeklagte Hautkommissar belastet. Als er vom Tod der beiden Frauen erfahren habe, sei er »fix und fertig« gewesen, berichtet F. Winnie R. habe ihm große Vorwürfe gemacht. Während eines Besuchs bei R. hätten dieser und der Kommissar miteinander telefoniert. F. habe, so heißt es in der Erklärung, den Stand der Ermittlungen wissen wollen, deshalb habe R. den Lautsprecher eingeschaltet. Der Polizist soll dann R. nach dem Brand gefragt und gesagt haben, die Akten wegen der Autobombe seien »gerade geschlossen« worden. Wie er nun diesen Anschlag noch »regeln« solle, wisse er nicht. Daraufhin habe R. gesagt, er habe mit dem Feuer nichts zu tun. Der Kommissar, so F., sei dann später zu dem Ergebnis gekommen, dass es eine »Verpuffung« gewesen sei.

Im weiteren Verlauf des Prozesstags ging es erneut um Vernehmungsprotokolle eines Zeugen, die aber nicht in der Akte dieses Verfahrens auftauchen. Der Prozess wird am 2. Juni fortgesetzt. Bis dahin muss sich die Kammer noch mit etlichen Anträgen der Verteidigung befassen. So steht u.a. noch die Frage aus, ob das Verfahren unterbrochen wird. Auch wird darüber zu entschieden sein, ob Staatsanwalt Manfred Lischeck sich im Zeugenstuhl widerfindet.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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