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Siegener Gastronomen rechnen ab
Schwere Vorwürfe gegen Lieferando

Restaurantbesitzer Hüseyin Fidan hat schon länger Ärger mit dem Monopolisten Lieferando. Sein Vorwurf: gezielte Kundenabwerbung.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ap Achenbach/Buschhütten/Weidenau. Mittagsgeschäft. Teigböden werden im Akkord belegt, gebacken, verpackt, ausgeliefert. In Zeiten wie diesen zählt jeder Euro. Dass Lieferando aber an den meisten Bestellungen mitverdient und nicht alles in den Taschen der Gastronomen landet – darüber machen sich wohl die wenigsten Gedanken. Vor allem während der Krise ist das besonders hart. Und es kommt noch härter: Im Raum stehen Vorwürfe über gezieltes Abwerben von Kunden, Verschleierung, Abzocke.
Keine Erlaubnis erteilt„Ich überlege nicht erst seit vergangener Woche, ob ich mit Lieferando weitermachen soll“, erzählt Hüseyin Fidan, Betreiber von Casa’s Pizza, Casablanca und Nom Nom.

ap Achenbach/Buschhütten/Weidenau. Mittagsgeschäft. Teigböden werden im Akkord belegt, gebacken, verpackt, ausgeliefert. In Zeiten wie diesen zählt jeder Euro. Dass Lieferando aber an den meisten Bestellungen mitverdient und nicht alles in den Taschen der Gastronomen landet – darüber machen sich wohl die wenigsten Gedanken. Vor allem während der Krise ist das besonders hart. Und es kommt noch härter: Im Raum stehen Vorwürfe über gezieltes Abwerben von Kunden, Verschleierung, Abzocke.

Keine Erlaubnis erteilt

„Ich überlege nicht erst seit vergangener Woche, ob ich mit Lieferando weitermachen soll“, erzählt Hüseyin Fidan, Betreiber von Casa’s Pizza, Casablanca und Nom Nom. Schon lange ärgere er sich über den steigenden Anteil der Lieferando-Bestellungen – die Erklärung dafür habe er aber erst eine ganze Weile später gefunden. Durch einen Testkauf sei ihm aufgefallen, dass Lieferando eine eigene Homepage mit seiner Speisekarte erstellt hat. Die Webadresse war seiner eigenen zum Verwechseln ähnlich. Und auch seine Schwester Nuriye Agdas ist betroffen. „Ich dachte, das passiert uns nicht, weil wir so klein sind“, sagt die Inhaberin von Bigfood in Buschhütten. Eine Erlaubnis dafür habe es in beiden Fällen nicht gegeben, so die Geschwister.

Kunden landen auf "Klon-Seite"

„Das, was mich wirklich wütend macht, ist, dass sie unsere Stammgäste abgreifen“, so Fidan. „Wer uns googelt, landet automatisch auf der Klon-Seite. Der Kunde denkt aber, er bestellt bei uns. Diese Verschleierungstaktik ist fast kriminell“, findet er und erzählt, er habe deshalb in eine eigene App investiert und müsse monatlich mehrere hundert Euro ausgeben, um in den Google-Suchergebnissen vor der Lieferando-Seite aufzutauchen. „Ich musste moderner werden. Da muss ich mir auch an die eigene Nase packen“, gesteht der Selbstständige. Auch Agdas räumt ein: „Die haben das schon richtig gut gemacht mit den Seiten, richtig auf Hochglanz.“

Lieferando: Gastronomen freuen sich

Laut Lieferando ist die Erstellung dieser Homepages jedoch legal und klar vertraglich vereinbart. „Unser Service für die Restaurants ist umfassend. Unsere Bestellseiten sind Teil des Marketings, und die meisten Gastronomen freuen sich über eine kostenlose Seite mit einer nutzerfreundlich integrierten Bestell- und Zahlungsfunktion“, erklärt Unternehmenssprecher Oliver Klug. Und: Jeder Gastronom könne selbst entscheiden, ob eine Webseite erstellt oder abgeschaltet werden soll – und das jederzeit. Zudem sei Lieferando als Betreiber und im Impressum klar erkennbar, so der Unternehmenssprecher.

Dehoga prüft Angelegenheit

Dass die gespiegelten Websites dennoch ein großer Streitpunkt zwischen Gastronomen und der Plattform sind, bestätigt der stellv. Dehoga-Geschäftsführer. „Tatsächlich haben wir das schon von mehreren Gastronomen gehört“, erklärt Lars Martin auf SZ-Nachfrage. Es gebe häufig Punkte in den AGB, die nicht im Sinne der Gastronomie sind. „Wir sind an dem Thema auf jeden Fall dran“, versichert Martin. „Wenn jemand so tut, als wäre er jemand anderes, dann ist das aus meiner Sicht schon problematisch.“ Derzeit prüfe man, wie viele Betriebe überhaupt betroffen sind.

Verlust nachweisen ist nicht einfach

Rechtsanwalt Eckhard Schormann macht jedoch wenig Hoffnung, dass juristische Schritte, wie beispielsweise eine Schadensersatzklage, in diesem Fall etwas bewirken können: „Schadensersatz bedeutet, den Nachweis über eine Einbuße vorlegen zu können.“ Überspitzt formuliert: Ein betroffener Gastronom muss erst einmal beweisen können, dass ihm ein Gewinn durch die Lappen gegangen ist. Das nachzuweisen, sei aber in den meisten Fällen sehr schwierig. Und auch die Frage danach, ob man die gespiegelten Websites wegen der Verwechslungsgefahr IT-rechtlich unterbinden könnte, ist aus Sicht des Anwaltes schwer zu beantworten. Lieferando-Sprecher Oliver Klug hat dazu jedenfalls eine klare Meinung: „Dass der Name ähnlich ist, liegt im Interesse unserer Restaurantpartner, denn Konsumenten sollen das Restaurant ja (unter seinem Namen) finden können.“

Mehr Arbeit nicht gleich mehr Geld

Im Zuge der Recherche wurde weitere Kritik gegen den Monopolisten laut. Ein Siegener Pizzeria-Betreiber hat mit der SZ ganz offen über Probleme mit Bestellungen und Stornierungen über Lieferando gesprochen – im Nachhinein aus Angst vor negativen Konsequenzen aber darum gebeten, anonymisiert zu werden. „Den Ärger haben wir“, beklagt er. „Die schicken uns viel Arbeit, aber nehmen auch viel Geld weg“, heißt es außerdem. Warum dann nicht einfach die Zusammenarbeit beenden? „Ohne die sind wir im Prinzip nicht existent. Das ist leider so.“ Über die eigene Homepage kämen kaum (noch) Bestellungen rein. Grund dafür sei auch hier eine „Klon-Seite“ im Netz, die „bewusst missverständlich gemacht wurde“, so der Betroffene. „Letztendlich gehen wir mit plus/minus null raus.“
In der Regel werden für jeden Lieferando-Partner 13 Prozent vom Bruttoumsatz für digitale Kundenvermittlung, Werbung etc. fällig. Hinzu kommen Kosten für Paypal oder Kreditkartenzahlungen. Diese Gebühren der Zahlungsabwickler reiche Lieferando zu vergünstigten Konditionen weiter, erklärt der Sprecher. Unterm Strich zahlt Hüseyin Fidan im Schnitt 18,5 Prozent an die Bestellplattform, rechnet er vor. Bei manchen Fahrten bleibe so für ihn nicht viel übrig.

"Ungerecht gegenüber kleineren Unternehmen"

Aus den genannten Gründen hat Elbasan Rexhepi mittlerweile die Zusammenarbeit gekündigt – auf eine Bestätigung habe er jedoch mehrere Wochen gewartet, sagt der Inhaber des Achenbacher Lieferservices Aroma. Und noch etwas kritisiert der Selbstständige: Ein vorderer Listenplatz in der Lieferando-App müsse teuer erkauft werden – und zwar mit jeder einzelnen Bestellung. „Bei 12,50 Euro Mindestbestellwert und 1,50 Euro Lieferkosten habe ich dann 6 Euro Verlust.“ Er wisse außerdem von Verträgen mit großen Ketten wie Dominos, durch die diese immer auf den ersten Plätzen gelistet würden. „Sowas ist einfach ungerecht gegenüber kleineren Unternehmen, die es ohnehin schon schwer haben, da sich die Lieferdienste auf der Plattform im letzten Jahr verdoppelt haben“, beschwert er sich.
Oliver Klug dementiert diese Vorwürfe und spricht von höchstens drei beworbenen Top-Ranks, die maximal 1,80 Euro kosten und auch als solche gekennzeichnet sind. „Die Reihenfolge aller weiteren Restaurants ergibt sich rein aus deren Durchschnittsbewertungen, durch die sich Restaurants kostenfrei nach oben ranken können. Provisionen oder Verträge haben darauf keinen Einfluss.“ Aussage gegen Aussage.

Fluch und Segen

Lars Martin resümiert: „Grundsätzlich sind solche Anbieter Fluch und Segen zugleich. Zum Einen sorgen sie dafür, dass man eine sehr breite Streuung hat, was die Werbung angeht. Auf der anderen Seite lassen sie es sich gut bezahlen. Es könnte ein partnerschaftliches Verhältnis sein, aber aus Sicht der Gastronomen ist es das oft nicht.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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