„Sehr merkwürdige Verhältnisse“

 Hanns-Josef Ortheil signierte stapelweise Bücher. Foto: goeb

goeb - Als ein unaufhörliches Notieren von Eindrücken und Empfindungen darf man sich das Leben des Hanns-Josef Ortheil vorstellen. Das Geheimnis der Kreativität, so verriet der in Köln und im Wisserland aufgewachsene Autor am Mittwochabend bei einer Lesung im Attendorner Hanse-Hotel, sei Kontinuität. Das gelte zumindest für die Romanciers, während es sich die Lyriker leisten könnten, Inspirationen und Geistesblitze quasi augenblicksbezogen in Worte zu gießen. Die Versprachlichung ist für ihn die Begleitmusik des Lebens.

„Die Berlinreise“, sein aktuelles Werk, aus dem er vor rund 150 Gästen auf Einladung von Kultura Kunst- und Kulturverein Attendorn vorlas, ist so ein Produkt der Kontinuität. „Ich habe schon mit acht Jahren mit den Notaten begonnen“, erzählte Ortheil. Zu Hause schrieb man, was vielleicht den seltsamen Lebensumständen geschuldet war, in denen er aufwuchs. Die Mutter war nach dem Tod ihrer ersten vier Kinder verstummt, und auch der Bub konnte zunächst nicht sprechen. Ortheil hat das 2009 in seinem überragenden Buch „Die Erfindung des Lebens“ geschildert, „eine Art Biografie meiner Kindheitsjahre bis zum Alter von 19, 20.“ Die Mutter schrieb dem Vater Zusammenfassungen des Tages, die dieser abends las, wenn er von der Arbeit nach Hause zurückkehrte. Und auch der Sohn teilte sich bald schriftlich mit. Da gab es regelrecht Aufgaben: „Beschreibe den Besuch beim Obsthändler“ oder „Mein Tag im Museum“ usw.

Auch „Die Berlinreise“ ist so entstanden. Das Reisetagebuch ist der Urtext des zwölfjährigen Hanns-Josef, der im Sommer 1964 mit seinem Vater nach Berlin reist, in die Gegenwart des Kalten Krieges. Gleichzeitig ist das eine Zeitreise in die Vergangenheit, denn im Oktober 1939 zogen die Eltern in die damalige Reichshauptstadt und blieben bis 1945. Die Bibliothekarin und der Geodät hatten von der großen Chance geträumt und keine Ahnung, welche Schrecken dort auf sie warteten. „Als sie 1945 nach Köln zurückkehrten, war für beide klar, dass sie diesen Katastrophenort niemals mehr aufsuchen würden.“ Doch für neun Tage kehrt der Vater in Begleitung des Sohnes noch einmal zurück, nicht zuletzt um zwei Koffer mit Wertgegenständen und Dokumenten der Mutter zu holen, die diese in der zerstörten Stadt bei Freunden zurückgelassen hat. Darin finden Vater und Sohn u. a. die „Haushaltsbücher“ von Mama, auch sie eine akribisch ausgeführte sprachliche Abbildung der Berliner Jahre, die dem Zwölfjährigen wiederum die Plattform bieten für eine Spurensuche in den Vierteln, in denen die Eltern einst gelebt hatten.

Das Erstaunliche an dem Buch ist nicht nur die Genauigkeit, mit der der Junge seine Eindrücke schildert, das Erstaunliche ist, dass man mit zwölf Jahren überhaupt solche Prosa schreiben kann. Ortheil schien den Unglauben seiner Zuhörerschaft zu wittern, jedenfalls führte er zur Erklärung an, dass er zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren täglich geschrieben und beträchtliche Übung darin hatte. Ortheil publizierte das Buch (280 Seiten) jetzt im Nachgang der „Erfindung des Lebens“, mit dem es, wie er betonte, in enger Verbindung stehe. Das Buch lebt also von der Beobachtungsgabe des Heranwachsenden, der sich der Beschreibung eines Kinos am Kudamm mit ebensolchem Eifer widmet wie der des Botanischen Gartens, der Eckkneipe in Friedenau oder des Fischladens in Lichterfelde. Dort, in dem Fischladen, spielt sich auch die berührendste Szene des Buchs ab, denn der Ladenbesitzerin dämmert irgendwann, dass der Kleine, der vor ihr steht und nach Schillerlocken fragt, das einzige lebende Kind ihrer früheren Freundin ist. „Meine Kindheit ist völlig anders verlaufen als normale Kindheiten“, entgegnete Ortheil auf die entsprechende Frage eines Lesers. „Ich habe immer, auch später, in sehr merkwürdigen Verhältnissen gelebt.“

Diese „Verhältnisse“ sind es wohl auch, die das Lager seiner Leser haben anschwellen lassen. Vor allem in den letzten Jahren, da er Bücher über sein eigenes Leben publiziert. Dies stützt die altbekannte These, dass die verrücktesten Geschichten das Leben selbst schreibt. Hanns-Josef Ortheil verriet zum Abschluss, dass er noch einige Manuskripte aus Perioden seines Lebens im Familienarchiv vorhält und sie veröffentlichen will. Das wiederum zauberte ein Lächeln auf viele Gesichter im Publikum, so als wollten sie sagen: Mehr von diesen sehr merkwürdigen Verhältnissen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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