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,,Die Vögel des Siegerlandes''
Seit elf Jahren der selbe Weg

Das Wintergoldhähnchen ist mit seinem "Cousin", dem Sommergoldhähnchen, samt und sonders auf die Fichte angewiesen. Das Verschwinden dieser Baumart bedeutet auch das Verschwinden der kleinsten Singvögel Europas.
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  • Das Wintergoldhähnchen ist mit seinem "Cousin", dem Sommergoldhähnchen, samt und sonders auf die Fichte angewiesen. Das Verschwinden dieser Baumart bedeutet auch das Verschwinden der kleinsten Singvögel Europas.
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goeb Siegen. 7 Kilometer lang ist der Weg, den Jürgen Sartor (fast) jeden Tag geht und für den er vier Stunden braucht. "Mindestens", ergänzt er. Oft dauert es länger. Denn der bald 85-jährige Pädagoge, einer der besten Vogelkundler der Heimat, macht sich zahlreiche Notizen dabei. "Morgens, bei Sonnenaufgang, wenn die Sonne über den Bergen sichtbar wird, geht es los. Ich stehe aber mehr als ich gehe", korrigiert er und lächelt. Klar, sein Auge ist "bewaffnet" mit einem Fernglas, die Ohren sind gespitzt: "Im Winter sieht man im Wald besser, aber im Sommer, wenn die Bestände dicht bewachsen sind, verlasse ich mich fast ganz aufs Gehör."
Die Kür kommt mit den RufenSartor kennt die Gesänge der heimischen Singvögel. Das ist Pflicht. Die Kür kommt aber mit den Rufen.

goeb Siegen. 7 Kilometer lang ist der Weg, den Jürgen Sartor (fast) jeden Tag geht und für den er vier Stunden braucht. "Mindestens", ergänzt er. Oft dauert es länger. Denn der bald 85-jährige Pädagoge, einer der besten Vogelkundler der Heimat, macht sich zahlreiche Notizen dabei. "Morgens, bei Sonnenaufgang, wenn die Sonne über den Bergen sichtbar wird, geht es los. Ich stehe aber mehr als ich gehe", korrigiert er und lächelt. Klar, sein Auge ist "bewaffnet" mit einem Fernglas, die Ohren sind gespitzt: "Im Winter sieht man im Wald besser, aber im Sommer, wenn die Bestände dicht bewachsen sind, verlasse ich mich fast ganz aufs Gehör."

Die Kür kommt mit den Rufen

Sartor kennt die Gesänge der heimischen Singvögel. Das ist Pflicht. Die Kür kommt aber mit den Rufen. Allein die Kohlmeise kennt zig verschiedene, die wiederum den Lautäußerungen anderer Vögel verblüffend ähneln können. So etwas zu unterscheiden, bringt man nur zustande, wenn man sich sein Leben lang damit beschäftigt hat. Sartor streifte schon mit der "Orni-Legende" Artur Franz aus Wilgersdorf in den Siebzigern durch Wald und Feldflur und veröffentlichte früh die ersten wissenschaftlichen Arbeiten. Natürlich ist Sartor Mitautor des großen Werks "Die Vögel des Siegerlandes".

Er macht keinen Hehl daraus, dass sein Ansatz ein ganz anderer ist als der vieler "Vogelverrückter" im Land. "Da wird auf Helgoland eine Seltenheit gesehen, und schon reisen hunderte Leute von überall her an, benutzen teilweise sogar das Flugzeug." Verstehen kann er die Begeisterung zwar, aber erstens ist das sehr umweltschädliches Verhalten. Zweitens bringt das aus wissenschaftlicher Sicht wenig. Im Gegenteil: "Dann wimmelt es auf Plattformen wie Ornitho.de plötzlich von hunderten Beobachtungen ein und derselben Vogelart."

Dramatischer Rückgang bei den Goldhähnchenarten 

Sartor ist vielmehr ein Grundlagenarbeiter. Die Wiederkehr des (scheinbar) immer Gleichen ist auch einer Dynamik unterworfen. "Man stellt die Veränderungen über die Jahre fest", sagt er bescheiden. In den letzten Jahren, da die Fichten sterben oder schon gestorben sind, ist es zu massiven Verschiebungen in der Vogelwelt gekommen. "Ja, der große Wandel kam mit dem Borkenkäfer", holt er aus. Die Jahre 2021 und 2022 kommen Erdbeben gleich. "Am dramatischsten ist der Rückgang bei den Goldhähnchenarten." Winter- und Sommergoldhähnchen können ohne Fichte nicht. "Sie bauen ihre winzigen Nester mit feinsten Materialien, zum Teil Spinnweben, in die äußersten, lamettaartigen Zweige." Beim Sommergoldhähnchen ist die Zahl der Brutpaare auf seiner Strecke von 31 auf 7 gesunken. "Beim Wintergoldhähnchen: dito". Die Douglasie, bemerkt er nebenbei, "bietet keinen Ersatz". Auch für Tannenmeise und Haubenmeise ist es eine Katastrophe, ebenso für den Kreuzschnabel und den Buchfink.

Nachdem die Fichten gefallen sind, erblüht überall der Fingerhut auf den Flächen. Die Samen haben bis zu 100 Jahre im Boden überdauert.
  • Nachdem die Fichten gefallen sind, erblüht überall der Fingerhut auf den Flächen. Die Samen haben bis zu 100 Jahre im Boden überdauert.
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Eine riesige Ansammlung des Fingerhuts

Doch wer nun meint, Sartor würde darüber verzweifeln, der irrt. "Es ist ein einziges Werden und Vergehen", sagt er. "Nach der Eiszeit gab es hier gar keine Fichten." Wie überhaupt nahezu alles, was wir hier und heute unter "Natur" verstehen, die Handschrift des Menschen trägt. "Ohne die Bauern hätten wir keine Wiesen und Weiden und damit auch nicht die Tiere, die dort leben."

Und so staunt Sartor über die riesigen Ansammlungen des Fingerhuts, der seine purpurne Pracht über die geräumten Fluren erhebt. "Niemand, kein Tier, hat die Samen dorthin gebracht", sagt er. "Es ist der Beweis, dass solche Samen 70 oder gar hundert Jahre im Boden überdauern können." Sartor hat auch die ersten Baumpieper registriert, an Stellen, wo noch einzelne Bäume stehen und als Singwarten herhalten. Fitis, Goldammer und Gartengrasmücke erscheinen dort, wo die Sträucher schon wieder wachsen, nachdem im ersten Jahr nach dem Fällen der Bäume die Greiskräuter und Labkräuter fröhliche Urständ gefeiert haben.

Sartor will weitermachen, solange er kann

Sartors "Strecke" ist natürlich kein Produkt des Zufalls. "Die beginnt am Dorfrand und führt durch verschiedene Lebensraumtypen." Weiden, Wiesen und verschiedenste Waldtypen inklusive Waldwiesen sind dabei, vom "D-Bestand" (durchwachsener Hauberg) über Laubwaldbestände bis hin zu reinen Fichtenforsten zwischen 20 und 120 Jahren oder besser: das, was noch übrig geblieben ist. 

"Alles", antwortet Sartor auf die Frage, was er ornithologisch festhält, also die optischen und akustischen Beobachtungen. Besonders aber die Brutvögel, die Balzgesänge, die Revierkämpfe, den Futtertransport. Es gibt nur wenige, die systematisch arbeiten. Wie wichtig solche Grundlagenarbeiten sind, zeigte zuletzt die "Krefeld-Studie", wo Insektenkundler über Jahrzehnte die Menge der Insekten festhielten und so den Schwund um 76,7 Prozent dokumentieren konnten. Die Studie fand weltweit Beachtung.

Sartor will weitermachen, solang er es schafft. Er ist dankbar, dass er noch fit ist. Die Datenmenge ist jetzt schon immens, auch wenn er elf Jahre für zu wenig hält. "Ich würde gerne Dekaden, also Zehn-Tages-Abschnitte, auswerten. Ideen habe ich schon." Er sucht dafür noch einen Statistiker. Eines Tages werden vielleicht Universitäten den Schatz heranziehen. "Über Bestandsentwicklungen von Singvögeln in Fichten wollen Sie promovieren?", wird eine Professorin sagen und hinzufügen. "Da gibt es eine hervorragende Grundlagenarbeit von Jürgen Sartor aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein."

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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