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"Stitching for School and Life"
Sie sticken um ihr Leben

Sie sticken um ihr Leben: Das Projekt „Stitching for School and Life“ unterstützt ledige Frauen und Witwen in Kabul dabei, Geld zu verdienen und ihren Alltag zu gestalten. Zohra Soori-Nurzad hat viele Situationen wie diese festgehalten und stellte ihre Fotos vor Kurzem unter anderem im Netphener Rathaus aus.
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  • Sie sticken um ihr Leben: Das Projekt „Stitching for School and Life“ unterstützt ledige Frauen und Witwen in Kabul dabei, Geld zu verdienen und ihren Alltag zu gestalten. Zohra Soori-Nurzad hat viele Situationen wie diese festgehalten und stellte ihre Fotos vor Kurzem unter anderem im Netphener Rathaus aus.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sos Geisweid/Kabul. Das letzte Mal war Zohra Soori-Nurzad vor fünf Jahren in Kabul. Der Ort, der einst ihre Heimat war, ist inzwischen nicht mehr für sie erreichbar. Als sie 2015 in die afghanische Stadt reisen wollte, stand der Flughafen unter Beschuss. „Auch aktuell gibt es immer wieder Anschläge dort. Aus Sicherheitsgründen kann ich nicht hinfliegen“, sagt die 34-Jährige. Mit neuneinhalb Jahren war sie nach Wilnsdorf geflohen, wohnt inzwischen mit Mann und Kind in Geisweid.
"Stitching for School and Life"Obwohl sie momentan nicht vor Ort sein kann, möchte sie etwas tun, um die Situation zu verbessern; vor allem das Schicksal von Kindern und Frauen liegt ihr am Herzen. Deswegen hat Zohra Soori-Nurzad vor fünf Jahren die Organisation „Stitching for School and Life“ (SSL) gegründet.

sos Geisweid/Kabul. Das letzte Mal war Zohra Soori-Nurzad vor fünf Jahren in Kabul. Der Ort, der einst ihre Heimat war, ist inzwischen nicht mehr für sie erreichbar. Als sie 2015 in die afghanische Stadt reisen wollte, stand der Flughafen unter Beschuss. „Auch aktuell gibt es immer wieder Anschläge dort. Aus Sicherheitsgründen kann ich nicht hinfliegen“, sagt die 34-Jährige. Mit neuneinhalb Jahren war sie nach Wilnsdorf geflohen, wohnt inzwischen mit Mann und Kind in Geisweid.

"Stitching for School and Life"

Obwohl sie momentan nicht vor Ort sein kann, möchte sie etwas tun, um die Situation zu verbessern; vor allem das Schicksal von Kindern und Frauen liegt ihr am Herzen. Deswegen hat Zohra Soori-Nurzad vor fünf Jahren die Organisation „Stitching for School and Life“ (SSL) gegründet.
„Wir suchen hilflose, arme, bettelnde Frauen, und wir schauen nach Kinderarbeit“, sagt sie. Teilweise dauere es Monate, bis ein Vertrauensverhältnis entstehe, sagt sie. Die Frauen bekommen dann über SSL die Möglichkeit, mit Handarbeiten Geld zu verdienen.

Männer sind nicht erlaubt

Aber: Das Projekt könne nur Frauen helfen, bei denen kein Mann im Hintergrund eine Rolle spiele, egal ob Ehegatte, Bruder, Onkel oder Cousin. „Auch Aufgeklärte könnten eine Gefahr sein“, macht Soori-Nurzad deutlich.
Seit die Taliban die Städte kontrollieren, habe sich die Stellung der Frau dramatisch verschlechtert. „In Afghanistan herrschen die Männer, Frauen sind Parasiten.“ Die eigenen Mütter oder Schwestern würden sanktioniert, weil die Taliban Jungen schon im Kindesalter eingetrichtert hätten, dass das weibliche Geschlecht weniger wert sei. Die 34-Jährige weiß, wovon sie spricht: Ein Teil ihrer Familie lebt noch immer in Kabul und berichtet regelmäßig von der Situation in der Heimat. Frauen, die sich gegen die Machthaber auflehnen, würden teilweise auf offener Straße angezündet oder mit Säure überschüttet. Aus diesem Grund sei es unerlässlich, dass SSL im Geheimen agiere; niemand dürfe davon erfahren.

Aussicht auf Bildung und Familie

Elf Frauen aus Kabul sind inzwischen involviert: eine Vermittlerin, vier ledige Frauen und sechs Witwen mit insgesamt 20 Kindern. Heißt: Auch Jungen wissen Bescheid über die Arbeit ihrer Mütter. Diese seien jedoch keine Gefahr, glaubt die 34-Jährige. In der Anfangszeit habe sie selbst Vorträge gehalten und ihnen sofort klar gemacht, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Und bei diesen Familien stehe kein Mann im Hintergrund, der ihre Worte verdrehen würde. Die Aussicht auf Bildung und auf eine Familie, die in Harmonie lebt, überzeuge eigentlich immer, sagt Soori-Nurzad sichtlich gerührt: „Da bekomme ich Gänsehaut.“

Langfristige Hilfe

Im Vordergrund des Projekts stehe die Nachhaltigkeit. „Den Familien soll langfristig geholfen werden.“ Die ledigen Frauen können sich dank des Einkommens Kurse leisten, Witwen verdienen sich durch die Näh- und Strickarbeiten den Lebensunterhalt. Zusätzlich haben ihre Kinder die Chance auf eine Patenschaft, bei der der Pate mit seiner finanziellen Unterstützung zur Bildung beiträgt.

SSL verzeichnet Erfolge

Natürlich sei der Weg zur Schule immer auch mit einem Risiko verbunden. Aber: „So oder so stirbt man“, sagt Zohra Soori-Nurzad, ohne eine Miene zu verziehen. Die Gefahr beim Betteln sei größer, außerdem stehe vor der Schule einen Wachmann. „Dort gibt es eine Gemeinschaft und Hoffnung“, unterstreicht sie.
Der Erfolg gibt ihr Recht: Eine junge Frau, die SSL schon lange begleitet, habe ihr Abitur gemeistert und anschließend Deutsch als Fremdsprache studiert. Seit Januar arbeite sie an der „Oberrealschule“ in Kabul als Lehrerin. Eine andere sei aufgrund eines Schocks taubstumm geworden. „Wir haben sie in eine Behindertenschule geschickt. Jetzt spricht, liest und schreibt sie.“

Transparenz ist das A und O

72 Designs hat Zohra Soori-Nurzad, die Kunst und Sozialwissenschaften auf Lehramt studiert hat, inzwischen entwickelt. Sie gibt genau vor, wie die Frauen in Kabul Schals, Jutebeutel, Handytaschen und neuerdings auch Kissenbezüge besticken sollen. Das Geld, das die Menschen in Deutschland dafür bezahlen, fließt als Spende ins Projekt. Die Vermittlerin in Kabul, die auch das Material vor Ort besorgt, lässt sich von den Frauen unterschreiben, dass diese das Geld erhalten haben. „Transparenz ist mir sehr wichtig. Jeder soll wissen, was mit der Spende passiert“, betont die 34-Jährige.

Weitere Projekte in Planung

„Stitching for School and Life“ sei vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt sie selbst. Aber es sei immerhin eine kleine Hilfe. Stillsitzen kommt für die junge Frau jedenfalls nicht infrage. Das ursprüngliche Ziel, eine Bildungseinrichtung mit Nähwerkstatt in Kabul zu bauen, hat sie nicht aus den Augen verloren, doch zum einen sei viel Geld notwendig, zum anderen wolle sie selbst in der Stadt sein, um die Fortschritte zu kontrollieren. Hinzu komme, dass das Gebäude keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürfe – ein schwieriges Unterfangen. Ihre Kontaktperson habe ihr in diesem Fall geraten, geduldig zu sein.

Engagement in Siegen

Das Projekt SSL ist ein eingetragener Verein und wird von einer fünfköpfigen Gruppe organisiert und geleitet. Neben der Vorsitzenden, Zohra Soori-Nurzad, unterstützen die Vorstandsmitglieder Christiane Stötzel-Ditsche, Reimund Ditsche und Martina Roscher tatkräftig den Verein.In "denn’s Biomarkt" in Weidenau sowie im Weltladen St. Michael können die in Afghanistan hergestellten Waren gekauft werden. Ihren Antrieb erklärt Zohra Soori-Nurzad mit ihrer eigenen Erfahrung, als sie als Kind nach Deutschland kam: Rotraut Lippke, heute Ehrenvorsitzende des Vereins für soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen, habe sie früher sehr viel unterstützt, aber nie einen Dank dafür erwartet. Stattdessen habe sie sie aufgefordert, anderen zu helfen. Und daran hält sich Zohra Soori-Nurzad: „Ihre große Wertschätzung möchte ich weitergeben.“

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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