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Überhöhte Messwerte in 22 städtischen Einrichtungen
Siegen dreht Geldhahn gegen Legionellen auf

Seit vier Wochen ist das Duschen in der alten Giersberg-Turnhalle untersagt. Die Stadt Siegen sperrte die Anlagen, nachdem ein deutlich erhöhter Legionellen-Wert gemessen worden war.
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  • Seit vier Wochen ist das Duschen in der alten Giersberg-Turnhalle untersagt. Die Stadt Siegen sperrte die Anlagen, nachdem ein deutlich erhöhter Legionellen-Wert gemessen worden war.
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tile Siegen. Eine halbe Mill. Euro stellt die Stadt Siegen in diesem Jahr im Kampf gegen Legionellen in ihren Gebäuden bereit. Ein üppiges Budget – das aber offenbar erforderlich ist. In rund 150 Liegenschaften der Stadt wurden zwischen November und Februar gemäß Trinkwasserverordnung routinemäßige mikrobiologische Untersuchungen durchgeführt. Auf SZ-Anfrage bestätigte die Verwaltung eine beim Kreisgesundheitsamt meldepflichtige Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes für Legionellen (100 „koloniebildende Einheiten“ pro 100 ml) in insgesamt 22 ihrer Einrichtungen, also in immerhin fast 15 Prozent der Gebäude. Im Weidenauer Hallenbad wurden bis zu 23.800 KBE (!) gemessen.

tile Siegen. Eine halbe Mill. Euro stellt die Stadt Siegen in diesem Jahr im Kampf gegen Legionellen in ihren Gebäuden bereit. Ein üppiges Budget – das aber offenbar erforderlich ist. In rund 150 Liegenschaften der Stadt wurden zwischen November und Februar gemäß Trinkwasserverordnung routinemäßige mikrobiologische Untersuchungen durchgeführt. Auf SZ-Anfrage bestätigte die Verwaltung eine beim Kreisgesundheitsamt meldepflichtige Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes für Legionellen (100 „koloniebildende Einheiten“ pro 100 ml) in insgesamt 22 ihrer Einrichtungen, also in immerhin fast 15 Prozent der Gebäude. Im Weidenauer Hallenbad wurden bis zu 23.800 KBE (!) gemessen. In vier Fällen sahen sich die technische Gebäudewirtschaft (TGW) der Krönchenstadt und das Kreisgesundheitsamt gezwungen, ein sofortiges Duschverbot auszusprechen, weitere Maßnahmen wurden eingeleitet. (Alle Messwerte finden sich am Ende des Artikels.)

Erstes Duschverbot wieder aufgehoben

Thermische Desinfektionen, also das Durchspülen der Anlagen mit Heißwasser (ca. 70° Celsius) zur Abtötung der Keime, wurden für alle 22 betroffenen Einrichtungen beauftragt, in über der Hälfte der Sportstätten und Bäder wurden sie bereits durchgeführt. Vorrangig dort, wo die höchsten Werte gemessen worden waren. Im Hallenbad Weidenau wurde das Duschverbot (Teilsperrung) mittlerweile wieder aufgehoben, nachdem eine Nachbeprobung keinerlei Auffälligkeiten mehr ergeben hatte. In der Turnhalle Am Rüsterweg (20.500 KBE) und in der alten Giersbergturnhalle (7300 KBE) wurde in den vergangenen Tagen thermisch desinfiziert. Die Stadt wartet nun auf die Ergebnisse der Nachbeprobung.

In dem Gebäude an der Kolpingstraße waren erst kürzlich neue Wassertanks eingebaut worden, hier vermutet die TGW das erneute Legionellen-Vorkommen im Alter des Rohrsystems begründet.
Im Freibad Kaan Marienborn wurde ein Wert von 8100 KBE gemessen. Da das Bad geschlossen ist, musste hier kein Duschverbot verhängt werden. Anders als in der Grundschule Auf dem Hubenfeld. Dort wurden bis zu 17.400 KBE gemessen. Das Duschverbot dauert an; neben einer thermischen Desinfektion „sind zusätzliche (bauliche, Anm. der Red.) Maßnahmen am Versorgungssystem erforderlich“, teilte die Stadt auf Nachfrage mit.

Belastung höher als im Jahr zuvor

Hat die Stadt Siegen ein ernstes Legionellen-Problem? Tatsächlich sei es so, dass man bei den aktuellen Untersuchungen mehr und auch höhere Werte gemessen habe als im Vorjahr, räumt Henning Roth, Leiter der städtischen TGW, ein. Zum einen liege dies wohl allgemein am Alter und Zustand mancher Anlagen und Systeme, zum anderen könnte diesmal der heiße Sommer eine Rolle gespielt haben. Legionellen entwickeln sich besonders gut in warmem Wasser (25° bis ca. 50° Celsius) mit langen Stillzeiten, beispielsweise in alten Boilern, Totleitungen oder in Wasserkreisläufen, die eine Zeitlang unbewegt bleiben (etwa während der Sommerferien). Auch bei Duschen mit nicht selbsttätig spülenden Armaturen besteht ein Legionellen-Risiko. „Ebenso sollten ältere Wasserspeicher durch moderne Hygienespeicher ersetzt werden“, so die TGW.

Die Stadt Siegen hat deshalb vor vier Jahren ein Programm festgelegt, mit dem Umrüstungen in diversen Gebäuden durchgeführt werden sollen. Eine aktuelle Ausschreibung für die Duschen im Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium ist eine Maßnahme dieses Programms, bestätigte das Rathaus eine entsprechende SZ-Anfrage.

Keine Häufungen von Erkrankungen

Der zuständige Fachbereich lässt derweil verlauten: „Die beauftragten und zum größten Teil durchgeführten thermischen Desinfektionen haben bzw. werden die aufgetretenen Legionellen beseitigen.“ Auch aus dem Kreishaus heißt es: „Oft reicht eine thermische Desinfektion aus, wenn z. B. die Anlagen zu wenig genutzt wurden.“ Generell ergäben sich die individuell erforderlichen Maßnahmen nach der Gefährdungsanalyse und Ortsbesichtigung der Warmwasseranlagen durch einen Fachmann. Das wird aus Handwerkerkreisen bestätigt. Die Messergebnisse in Siegen seien insgesamt nicht außergewöhnlich.

Und wie hoch ist nun das gesundheitliche Risiko? Offensichtlich überschaubar. Eine Häufung von auf Legionellen zurückzuführende Erkrankungen sei nicht zu beobachten, sagt Dr. Rainer Grübener, Chefarzt der inneren Medizin am Freudenberger Bethesda-Krankenhaus, die unter anderem auf Lungen- und Bronchialheilkunde spezialisiert ist. Das deckt sich mit den Angaben des Kreisgesundheitsamtes für die Jahre 2018 und 2019, in denen jeweils vier Personen mit auf Legionellen zurückzuführende Erkrankungen verzeichnet wurden.

Schüler, Eltern und Lehrer reagieren relaxt

Die aktuell erhöhten Messwerte wurden von Schülern, Eltern und Lehrern im Übrigen gelassen aufgenommen. Es seien keinerlei Sorgen oder Bedenken wegen des Duschverbots gegenüber der Schulleitung geäußert worden, erklärt Wolfgang Rohleder, stellv. Schulleiter der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule. Auch in den anderen Schulen der Stadt sei das seines Wissens kein Thema. An der „Bertha“ benutzten allenfalls Schüler der Oberstufe die Duschen. Die Einschränkungen für die Vereine, die die alte Giersberghalle ebenfalls benutzten, seien vermutlich höher. Weniger für die Sportler, die aus Siegen kommen und sich zu Hause abbrausen könnten, aber Spieler von Gastmannschaften müsse man auf die neue Turnhalle verweisen, berichtet beispielsweise ein Tischtennisspieler der DJK Siegen, deren Trainings- und Spielbetrieb auf dem Giersberg stattfindet.

Individuelle Gesundheitsgefährdung

Legionellen können Lungenkrankheiten verursachen, vor allem Lungenentzündungen. Das Einatmen bakterienhaltigen Wassers (Inhalation), etwa beim Duschen oder über Klimaanlagen, kann zu Infektionen führen. Bei Überschreitungen ab 10 000 KBE / 100 ml Wasser wird laut Kreisgesundheitsamt von einer möglichen Gesundheitsgefahr ausgegangen. Aber:

„Richtwerte bezüglich einer Gesundheitsgefährdung bestehen nicht. Bei Überschreiten des sogenannten technischen Maßnahmenwertes (100 KBE / 100 ml) muss das Gesundheitsamt informiert und die Anlage in hygienischer Hinsicht überprüft und verbessert werden. Einen Hinweis auf ein bestehendes Gesundheitsrisiko kann dieser Wert jedoch nicht direkt geben. So können Krankheitsfälle auch bei Werten weit unterhalb des technischen Maßnahmenwertes auftreten. Umgekehrt bedeutet die Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes nicht zwangsläufig, dass Erkrankungen auftreten müssen. (...) Gefährdet sind vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, chronisch Kranke, ältere Menschen und Babys. Bei hoher Keimzahl können sich auch gesunde Menschen infizieren.“

Kinder und junge Erwachsene bis zu einem Alter von 24 Jahren seien anhand der Daten des Robert-Koch-Instituts geringfügig betroffen, heißt es weiter. 2018 sind demnach bundesweit 1443 Personen mit Legionellen-Erkrankungen gemeldet worden, davon 302 aus Nordrhein-Westfalen. Im Kreis Siegen-Wittgenstein wurden 2018 und 2019 jeweils vier Erkrankungen (Personen im Alter von über 34 bzw. 46 Jahren) verzeichnet. Der Altersmedian der Erkrankten liegt bei 62,5 Jahren.

Die auffälligen Messwerte im Überblick

Über 10 000 KBE / 100 ml Wasser:

  • Hallenbad Weidenau (Anzahl der Proben*: 3 von 4): 2900, 3800 und 23 800 KBE / 100 ml – Duschverbot. Nachbeprobung (4 von 4): keine erhöhten Messwerte mehr – Duschverbot aufgehoben
  • Turnhalle Rüster Weg (2 von 6): 800 und 20 500 KEB / 100 ml – Duschverbot
  • Grundschule Auf dem Hubenfeld (4 von 5): 1600, 3800, 4700 und 17400 KEB / 100 ml – Duschverbot, bauliche Maßnahmen am Versorgungssystem geplant


Ab 1000 KBE / 100 ml Wasser:

  • Freibad Kaan-Marienborn (1 von 3): 8100 KBE / 100 ml – vorsorgliches Duschverbot nicht erforderlich, Bad geschlossen
  • alte Giersberg-Turnhalle Kolpingstraße (1 von 8): 7300 KBE / 100 ml – vorsorgliches Duschverbot
  • Sportplatz Trupbach (3 von 4): 300, 700 und 5100 KBE / 100 ml
  • Gesamtschule Eiserfeld Talsbachstraße (2 von 7): 900 und 4800 KBE / 100 ml
  • Realschule Am Schießberg (1 von 2): 2300 KBE / 100 ml
  • Hammerhütter Schule (3 von 4): 100, 800 und 1700 KBE / 100 ml
  • Birlenbacher Schule (1 von 3): 1100 KBE / 100 ml
  • Bismarckhalle (1 von 3): 1000 KBE / 100 ml
  • Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium (4 von 7): 300, 700, 800 und 1000 KBE / 100 ml

ab 100 KBE / 100 ml Wasser:

  • Hallenbad Eiserfeld (1 von 4): 800 KBE / 100 ml
  • Turnhalle Gosenbach (1 von 2): 800 KBE / 100 ml
  • Gesamtschule Am Schießberg (1 von 5): 800 KBE / 100 ml
  • Sonnenhangschule (1 von 4): 600 KBE / 100 ml
  • Siegerlandhalle (1 von 5): 500 KBE / 100 ml
  • Gesamtschule Eiserfeld Hengsbachstraße (2 von 7): 500 und 500 KBE / 100 ml
  • Leimbachstadion (2 von 6): 200 und 300 KBE / 100 ml
  • Hauptschule Achenbach (1 von 3): 200 KBE / 100 ml
  • Friedhofshalle Hermelsbach (1 von 4): 200 KBE / 100 ml
  • Feuerwehr Alchetal (1 von 3): 100 KBE / 100 ml

* In großen Gebäuden existiert nicht nur ein Warmwasserkreislauf. Die Stadt ließ alle in sich geschlossenen Systeme prüfen; so kommt es vor, dass im selben Gebäude ganz unterschiedliche Werte ermittelt wurden.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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