Krönchenstadt Patin für Lufthansa-Maschine
"Siegen" verbindet Kontinente (mit Video)

Arbeitsplatz in luftiger Höhe: So sieht das Cockpit der "Siegen" aus.
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js Frankfurt/Siegen. Vorfreude, Aufregung, Stress, hier und da auch wachsende Nervosität: Die Passagiere, gebucht auf den Lufthansa-Flug LH630 an diesem Nachmittag im Februar, treffen nach und nach am Frankfurter Flughafen ein. Sie haben ein gemeinsames Ziel vor Augen: Nach Dubai soll die Reise gehen, die Millionenmetropole am Persischen Golf. Für die Touristen, Geschäfts- und Weiterreisende heißt es schon ab dem späten Vormittag einchecken, Gepäck aufgeben, ab durch Sicherheitsschleuse und Duty-Free-Shops zum Wartebereich ihres Abflug-Gates. 300 Meter Luftlinie entfernt herrscht ebenfalls emsiges Treiben: Unzählige blau Uniformierte tummeln sich in der Lufthansa-Basis, nehmen noch schnell einen Snack zu sich, treffen sich mit Kollegen und bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Die Crews der zahlreichen Flüge, mit denen die größte deutsche Fluggesellschaft den Rhein-Main-Airport in Atem hält, beginnen ihren Arbeitstag. Auch das Dutzend, das die Kabine des Dubai-Flugs betreuen soll, muss knapp zwei Stunden vor Start parat stehen.

Vorbesprechung mit stets neuem Team

In Besprechungsraum 14 treffen sechs Flugbegleiterinnen und ein Flugbegleiter mit ihren beiden Chefinnen Annette Delorette (Purser 2) und Claudia Kübler (Purser 1) zusammen. Freundlich stellen sie sich vor, nennen sich beim Vornamen. Duzen und respektvoller Umgang gehören zum guten Ton, gesehen haben sich die Flugbegleiterinnen und -begleiter zuvor aber noch nicht. Für die Lufthansa ist das ein wesentlicher Baustein der Qualitätssicherung: Die Crews werden für jeden Flug neu zusammengesetzt, standardisierte Arbeitsabläufe sollen vor mitunter fehlerhaften Routinen „eingespielter“ Teams bewahren. Angesichts von 22 000 Flugbegleitern ist ein weiteres Zusammentreffen schon ein ziemlicher Zufall.

Zwei gemeinsame Flüge, einen Umlauf also, gilt es für das Team zu begleiten, Annette Delorette stimmt die Kollegen darauf ein. In die Vereinigten Arabischen Emirate geht es an diesem Wintertag, die Aussichten auf ein paar Stunden wärmende Sonne in dieser frischen Jahreszeit jedoch sind es nicht, auf die sich die Crew einzustellen hat. In erster Linie dreht es sich in den kommenden Stunden um die Sicherheit an Bord des Airbus 330-300 mit der Kennung D-AIKD („Airbus Industries Kilo Delta“), der seit 2004 den Namen „Siegen“ in die Welt trägt. Die erste nach der Krönchenstadt benannte Maschine wurde 1990 von Bürgermeisterin Hilde Fiedler getauft - die Patenschaft feiert also 30-jähriges Bestehen. 

Die erste "Siegen" tourte durch Europa (mit Video)

255 Passagiere sind gebucht auf diesen Flug, 42 davon in der komfortablen Business Class, 28 in der Premium Economy Class und 185 im Economy-Bereich. „Wir haben heute Familien mit insgesamt 15 Kindern an Bord“, erinnert die Purserin an die Möglichkeiten, die jungen Gäste mit kleinen Aufmerksamkeiten bei Laune zu halten.

Piloten werten Daten aus

Szenenwechsel: Wenige Räume weiter stecken drei Piloten ihre Köpfe zusammen, Kapitän Ralf Felten, Erster Offizier David Karl und Stefan Wiss, der den Flug als Prüfer begleiten wird. Mit modernen Flugplanungstools, ergänzt von eigenen Erfahrungswerten, legen sie die Route fest, werten Wetterdaten und -prognosen aus, besprechen Besonderheiten wie die politische Lage, wegen der die Lufthansa seit Januar den Luftraum über Irak und Iran meidet. Für Flug LH630 bedeutet die Tabuzone einen teuren Knick in der Route. Statt über die Türkei und den Irak muss auch die „Siegen“ zunächst direkten Kurs auf Ägypten nehmen und über dem Sinai in Richtung Osten abdrehen. Etwa eine halbe Stunde extra kostet das pro Strecke, dazu Termindruck im unveränderten Flugplan und zusätzlichen Kerosinbedarf.

Die Piloten tauschen sich über Alternativflughäfen aus – auf dieser Strecke übrigens in beruhigender Zahl vorhanden – und berechnen die benötigte Kerosinmenge. Rund 33 Tonnen Treibstoff werden benötigt, Kapitän Felten bestellt 38,5 Tonnen, die vorgeschriebene Ausweichreserve inklusive. Die Vorbereitung des Jets auf dem Rollfeld selbst, Sicherheitschecks, Betankung, Catering-, Gepäck- und Cargobeladung eingeschlossen, liegt im Verantwortungsbereich der Flight-Managerin.

Herzlichkeit, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie: Annette Delorette im Briefingraum ist zufrieden mit den Antworten ihrer Crew auf die Frage, was die Fluggäste von ihnen erwarten. „Seid mit allen Sinnen dabei“, schwört die erfahrene Purserin die Kollegen auf die kommenden Stunden ein. „Seht euch die Leute genau an, setzt auf eure Menschenkenntnis und fragt nach!“ Wenn ein Gast Schweißperlen auf der Stirn habe, könne dies sehr unterschiedliche Gründe haben. Hektisches Herbeieilen, Flugangst, Stress – oder auch ein medizinisches Problem.

Ein Arzt ist allem Anschein nach nicht an Bord bei diesem Flug, das hat die P2 bereits gecheckt. Ein Doktorgrad deutet nicht unbedingt auf einen Mediziner hin, eine kurze Nachfrage beim Promovierten aber kann nicht schaden. Doch auch ohne studierten Gesundheitsexperten gibt es keinen Grund zur Sorge: „Wir setzen einfach auf unsere exzellente Ausbildung“, ruft Delorette der Crew noch einmal das eine oder andere Prozedere nach Protokoll ins Gedächtnis. Kommunikation sei wichtig: „Wenn euch etwas auffällt, sagt Bescheid!“ Nicht die Essensausgabe sei Kernaufgabe der Kabinencrew, auch wenn es den Anschein habe. „Unser Job ist, für die Sicherheit an Bord zu sorgen.“ Dennoch gilt es auch, den Einsatzbereich der Flugbegleiterinnen und des -begleiters festzulegen – nach Seniorität, also Berufserfahrung, werden die Wunschpositionen vergeben. Wer kümmert sich um die Business-Passagiere, wer um die Economy Class? Wer macht den Küchendienst? Die P2 selbst behält den Überblick, steigt erst zu einem späteren Zeitpunkt selbst in den Service ein. Die P1, ihre Assistentin, hat das Sagen im hinteren Bereich. Eine Mahlzeit zu Beginn des Flugs und ein Imbiss vor dem Landeanflug, das steht heute auf dem Plan. Glutenfreie oder koschere Speisen werden auf Vorbestellung serviert, auch die Rücksicht auf muslimische Passagiere spielt auf dem Flug nach Arabien eine wichtige Rolle.

"Schöne Reise, nette Gäste!"

„Schöne Reise, nette Gäste!“, wünschen die beiden Purserinnen den Kollegen, die in diesem Moment Verstärkung bekommen. Die Piloten stoßen hinzu, haben wichtige Eckdaten mitgebracht. Auf 5 Stunden und 55 Minuten haben sie die Flugzeit berechnet, über Saudi-Arabien könnte es ein bisschen wackeln. Der Wetterdienst hat ordentlichen Rückenwind und relativ starke Windfelder angekündigt. „Meldet euch im Cockpit, wenn euch irgendetwas auffällt“, bittet Kapitän Felten. „Sicherheit geht vor. Wir fliegen erst, wenn alle ein gutes Gefühl haben.“

Die Theorie ist abgehakt, auf in die Praxis: Gemeinsam bricht das Zwölfer-Team auf, begibt sich durch eigene Sicherheitsschleusen zum Crew-Bus, der über das Rollfeld zur „Siegen“ fährt. Dort übernimmt der Kapitän den zweistrahligen Airbus von der Flight-Managerin, unternimmt selbst einen Kontrollgang um den Flieger, prüft die Reifenprofile und verschafft sich einen optischen Eindruck von der Maschine. Abhaken auf der Checkliste.

Betriebsamkeit kurz vor dem Boarding

Innen geht es nun betriebsam zu. Nur das Kabinenpersonal, Techniker und Reinigungskräfte sind zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug – die Passagiere fiebern indes dem Moment entgegen, wenn die Türen des Gates geöffnet werden und der Weg über die beiden Fluggastbrücken frei ist. Von dem emsigen Treiben in der Maschine bekommen sie nichts mit. Jeder Platz muss kontrolliert werden. Befinden sich die Sitze in aufrechter Position, sind die Monitore verstaut, liegen Decken, Kissen und Flugmagazine bereit? Sind die Gepäckfächer ladebereit? „Ein Techniker in Reihe 35 bitte“, ruft die Purserin durch die Sprechanlage. Es gibt noch zu tun.

Im Cockpit haben die Piloten inzwischen Stellung bezogen, übertragen die vorbereiteten Flugdaten in das System der D-AIKD, halten Kontakt zum Tower, damit der Slot für den Start besprochen werden kann. Der Passagierbereich ist fertig, die vorderen Kabinentüren öffnen sich, die ersten Passagiere strömen herbei, werden beim Einstieg mit einem Lächeln willkommen geheißen. Noch einmal ist etwas Geduld und Rücksichtnahme unter den 255 Mitreisenden gefordert. Dann sind alle Taschen verstaut, die Passagiere sitzen, die Gurte auch.

Um 13.15 Uhr soll es losgehen, sagen Flugplan und -ticket. Nicht der eigentliche Start ist damit gemeint, sondern der Zeitpunkt, an dem die Flugzeugtüren am Gate geschlossen werden. Einige Minuten ziehen also noch ins Land, bevor die „Siegen“ hessischen Boden verlässt. Die Freigabe kommt, der Airbus rollt zur Startbahn West. 13.52 Uhr: Kopilot David Karl gibt Schub, zieht hoch, der Flug beginnt.

Während im Cockpit volle Konzentration herrscht, um den Airbus auf komfortable Reisehöhe zu bringen, stellt sich die selbst noch angeschnallte Kabinencrew auf ihren ersten Serviceeinsatz ein. Getränke und Speisen müssen serviert werden, sobald die „Siegen“ über den Wolken Kurs auf die Emirate nimmt. Dass die Crew sich erst kurz zuvor kennengelernt und aufeinander eingestellt hat, ist ihr nicht anzumerken. Wie ein langjährig zusammenarbeitendes Team umsorgen die acht Frauen und der eine Mann ihre Gäste. Die Standardabläufe funktionieren.

Route führt um Iran und Irak herum

Zwei Stunden später, 39 000 Fuß hoch über der blauen Ägäis: Der Kopilot hat sich zur Rast zurückgezogen, Kapitän und Prüfer sitzen auf den Steuerplätzen. Ruhig ist es im beengten Cockpit der „Siegen“, entspannt die Atmosphäre, Zeit für einen Kaffee und die Fragen des SZ-Redakteurs. Hier und da ist ein anderes Flugzeug zu sehen, eines kreuzt die Route des Dubai-Flugs in nur 300 Metern Entfernung. Die Piloten haben die komplexe Instrumententafel der D-AIKD stets im Blick, gleichen die Displays mit dem ab, was sie auf der Route anzeigen sollen. Als „ständigen Augenscan“ bezeichnet Ralf Felten das, was er zu diesem Zeitpunkt der Reise durchgehend leistet. Per Funk steht der Kollege zu seiner Rechten in Kontakt mit einer griechischen Bodenstation. Sektor für Sektor wird das Flugzeug von einer zuständigen Überwachungsstelle an die nächste weitergereicht. Mindestens 25 Wechsel hat es zwischen Frankfurt und der soeben überflogenen Urlaubsinsel Rhodos bereits gegeben, viele weitere werden folgen bis zum Abend.

Die Sonne verschwindet hinter dem Horizont, die Zeitverschiebung macht sich auf dem Flug gen Osten bemerkbar. Auch die Kabinencrew ist inzwischen im Pausenmodus. Im Wechsel zieht sich jeweils eine Hälfte der Kollegen zurück, die Schlafplätze im Untergeschoss, auf Ebene der Gepäckkammern, stehen prinzipiell zur Verfügung. Auf einem „kurzen Langstreckenflug“ wie dem nach Dubai lohnt sich das Nickerchen allerdings nicht.

Charterflug mit Fußball-Nationalmannschaft

Flugbegleiter Frederik Trappmann nutzt seine Auszeit, um von einem prominenten Flug zu berichten, den er selbst vor knapp drei Jahren mit eben diesem Flugzeug erlebte. Im März 2017 hatte die Lufthansa-Maschine die Nationalmannschaft zum WM-Qualifikationsspiel nach Baku geflogen. Der Name „Siegen“, so die Intention, sollte Programm sein für die Passagiere des Sonderflugs.

Die erwarteten Turbulenzen bleiben aus, vor der saudischen Küste setzt die „Siegen“ zum Landeanflug auf Dubai International an. In der Kabine gab es keine besonderen Vorkommnisse, freut sich Purserin Annette Delorette. Eine Passagierin habe an Bord Kreislaufprobleme bekommen und musste versorgt werden, eine Powerbank war in einen Sitzspalt gerutscht. Routinefälle, mehr nicht.

Im Cockpit rückt das Lichtermeer der Golfmetropole näher, vor der Landung muss das Flugzeug über der Wüste eine 180-Grad-Kurve drehen, dann geht es runter zur sanften Landung. Die „Siegen“ ist angekommen in Dubai, wie schon oft. Genau 5 Stunden 52 Minuten hat sie gebraucht. Nur wenige Stunden später wird sie wieder zurückfliegen nach Frankfurt. Mit neuer Crew, neuen Gästen und den bewährten Standardabläufen. Für das Team von Flug LH630 geht es nach dem letzten Check ins Hotel. Ein Tag Ruhezeit, „Layover“ genannt, steht ihm zu, dann begleitet es den nächsten Flug zurück nach Frankfurt, diesmal mit der „Oldenburg“. Und die „Siegen“? Ist dann längst in Seattle.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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