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Umstrittener Professor zur Uni Siegen eingeladen
Siegener Wissenschaftler bieten „Cancel Culture“ die Stirn

Cancel Culture meint, dass Personen, die diskriminierende Aussagen treffen, sozial ausgeschlossen werden. Zwei Professoren der Uni Siegen halten dagegen.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ihm Siegen. Als vor drei Jahren Thilo Sarrazin und Mark Jongen an der Siegener Uni sprachen, marschierte Polizei auf, um die Referenten vor den aufgebrachten Verfechtern des politisch Korrekten zu schützen. Am 20. Januar könnten Uniformierte wieder einen Termin auf dem Haardter Berg haben. Dann soll Prof. Dr. Martin Wagener zum Vortrag nach Siegen kommen. Nicht so bekannt wie Sarrazin, aber mindestens genau umstritten. Ihn hält sogar der Verfassungsschutz für ein Problem.

Darf er trotzdem in Siegen vor der Hochschulöffentlichkeit seine Thesen vertreten? Zwei Professoren meinen ganz klar: „Ja!“ Prof. Dr. Dieter Schönecker (Praktischer Philosoph an der Fakultät I) und Prof. Dr. Gerd Morgenthaler (Verfassungsjurist an der Fakultät III).

ihm Siegen. Als vor drei Jahren Thilo Sarrazin und Mark Jongen an der Siegener Uni sprachen, marschierte Polizei auf, um die Referenten vor den aufgebrachten Verfechtern des politisch Korrekten zu schützen. Am 20. Januar könnten Uniformierte wieder einen Termin auf dem Haardter Berg haben. Dann soll Prof. Dr. Martin Wagener zum Vortrag nach Siegen kommen. Nicht so bekannt wie Sarrazin, aber mindestens genau umstritten. Ihn hält sogar der Verfassungsschutz für ein Problem.

Darf er trotzdem in Siegen vor der Hochschulöffentlichkeit seine Thesen vertreten? Zwei Professoren meinen ganz klar: „Ja!“ Prof. Dr. Dieter Schönecker (Praktischer Philosoph an der Fakultät I) und Prof. Dr. Gerd Morgenthaler (Verfassungsjurist an der Fakultät III). Sie haben Wagener eingeladen, gerade weil ihm der Wind derzeit so scharf ins Gesicht bläst.
Schönecker und Morgenthaler sind Mitbegründer des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“, in dem sich 600 Wissenschaftler zusammengeschlossen haben, die Sorge um das geistige Klima an den Universitäten haben. Gerd Morgenthaler sitzt im Vorstand des Netzwerks. Die SZ sprach mit den beiden Einladern.

Einsatz für die Wissenschaftsfreiheit

Herr Schönecker, Herr Morgenthaler, warum laden Sie einen so umstrittenen Wissenschaftler ein?
Schönecker: Neben Forschung (first Mission) und Lehre (second mission) gibt es ja auch eine dritte Aufgabe der Universität, nämlich u. a. das gesellschaftspolitische Engagement. Die Universität Siegen muss nämlich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Wir setzen uns in diesem Fall für die Wissenschaftsfreiheit ein. Damit geben wir auch der (akademischen) Öffentlichkeit die Gelegenheit, die Vorwürfe gegen Herrn Wagener zu überprüfen. Man kann über Wissenschaftsfreiheit abstrakt reden, aber wichtiger ist, dass man am konkreten Fall sieht, warum jemand so stark eingeschränkt wird.
Morgenthaler: Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit für das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit von dem Fall Wagener gehört. Wir wollen ihm Gelegenheit geben, seine Thesen vorzutragen, damit er nicht nur immer von außen, von überregionalen Medien, gegen die man sich schwer wehren kann, irgendwelche Vorwürfe gemacht bekommt. Wir sind zwar nur ein kleines Licht als Universität Siegen im Vergleich zu denen, die ihn da scharf kritisieren, aber es ist immerhin ein erster Schritt. Es gehört ja auch zum Leitbild der Universität Siegen, die öffentliche Diskussion und die Politik konstruktiv zu begleiten.

Umstritten: Prof. Dr. Martin Wagener sz Siegen/Berlin. Dr. Martin Wagener (51) ist Professor für Internationale Politik, Sicherheitspolitik und Ostasien am Fachbereich Nachrichtendienste der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. Er lehrt am Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung in Berlin. Mit zwei Buchveröffentlichungen hat Wagener sich politisch exponiert. 2018 kam das Buch „Deutschlands unsichere Grenze: Plädoyer für einen neuen Schutzwall“ heraus. Der Bundesnachrichtendienst (BND) ließ die Schrift von einem externen Gutachter auf Verfassungstreue hin überprüfen. Das Gutachten ergab, dass kein Dienstvergehen Wageners vorliegt. In diesem Jahr erschien das Buch „Kulturkampf um das Volk: Der Verfassungsschutz und die nationale Identität der Deutschen“. Daraufhin wurde die Sicherheitseinstufung Wageners herabgesetzt. Am 25. Oktober 2021 bekam er ein Zutrittsverbot zum Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung auf dem Gelände der BND-Zentrale in Berlin – de facto kann er damit seine berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben. Wagener publiziert in verschiedenen Medien, darunter auch die „Junge Freiheit“, „Cicero“, „Tichys Einblick“ und die Neue Zürcher Zeitung. In einer eigenen Podcast-Serie, abzurufen über Youtube, erläutert er seine politischen Ansichten und schildert die Vorgänge um seine Person auf eigener Sicht. Als verantwortlich für die gegen ihn gerichteten Maßnahmen sieht er das Bundesamt für Verfassungsschutz. Hier sei er diskreditiert worden. Der BND als Dienstherr habe daraufhin keine Wahl gehabt, als ihn in seiner Berufsausübung einzuschränken. Der Verfassungsschutz habe sich zur Causa Wagener bis jetzt weder öffentlich noch ihm gegenüber geäußert.

Ist der Verfassungsschutz bei Herrn Wagener auf dem falschen Dampfer?
Morgenthaler: Es gibt bisher keine offizielle Stellungnahme des Verfassungsschutzes. Der Vorwurf scheint darauf hinauszulaufen, dass Wagener einen Volksbegriff vertritt, den der Verfassungsschutz für extremistisch hält. Ich habe die beiden Bücher gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass es da nichts Verfassungswidriges gibt.

Sarrazin-Seminar Auslöser für Druck

Wollen Sie mit der Veranstaltung provozieren?
Schönecker: Wir wollen natürlich nicht provozieren um der Provokation willen. Es geht darum, nach außen zu zeigen: Wir setzen uns ein für Personen, die in ihrer Wissenschaftsfreiheit beschränkt werden. Ich habe übrigens auch Georg Meggle zu einem gemeinsamen Seminar eingeladen, der sich mit der Frage beschäftigt, ob Boykottmaßnahmen gegen Israel legitim sein können. Meggle kommt aus der linken politischen Richtung und vertritt als Sympathisant der BDS eine Position, die ich persönlich radikal ablehne. Das ändert nichts daran, dass Georg Meggle das Recht hat, solche Seminare abzuhalten. Ich sage das, weil im Zusammenhang mit der Einladung an Wagener wieder der Vorwurf kommen wird, der Schönecker verteidigt mal wieder irgendwelche Rechtsradikalen. Herr Wagener ist übrigens weit davon entfernt, rechtsradikal zu sein, genau wie Herr Sarrazin.
Morgenthaler: Ich habe in meinem Leben nie provoziert, sondern war immer sehr ruhig und habe meine Arbeit als Hochschullehrer gemacht. Ich bin nie an die Öffentlichkeit gegangen. Jetzt habe ich aber festgestellt, dass die Wissenschaftsfreiheit systematisch unter Druck gerät. Auslöser war eben dieses Sarrazin-Seminar. Das passiert, weil sich die breite Mehrheit der Bevölkerung und der Wissenschaftler nicht richtig wehrt. Wir wehren uns. Wir wollen zeigen: Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir schweigen nicht, wenn Kollegen durch diese Cancel Culture eingeschüchtert werden. Wenn das jemanden provoziert, liegt das nicht an uns. Wir fühlen uns nicht besonders wohl dabei, ständig gegen den Stachel zu löcken, aber ich sehe es als notwendig an.

Was an der Uni erlaubt sein soll - und was nicht

Sicherheitsdienst an Uni Siegen eingeschaltet

Erwarten Sie Störungen bei dem Vortrag am 20. Januar, der ja eventuell auch digital oder hybrid geplant werden muss, wenn die Corona-Lage das erfordert?


Schönecker: Wir legen Wert auf Öffentlichkeit, gerade weil wir die Debatte anregen und führen wollen. Man könnte Störversuche auch bei digitalen Veranstaltungen unterbinden. Aber wir planen eigentlich mit Präsenz.
Morgenthaler: Wir haben rechtzeitig den Sicherheitsdienst der Universität eingeschaltet.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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