SZ

SZ-Serie zum Jahreswechsel
Siegens Bürgermeister Steffen Mues zwischen Hoffen und Bangen

Nicht nur schön anzusehen ist Siegen in vielen Stadtteilen, hier die Altstadt. In allen Bereichen der „kleinen“ Großstadt macht Bürgermeister Steffen Mues (CDU) positive Entwichlungen aus.
2Bilder
  • Nicht nur schön anzusehen ist Siegen in vielen Stadtteilen, hier die Altstadt. In allen Bereichen der „kleinen“ Großstadt macht Bürgermeister Steffen Mues (CDU) positive Entwichlungen aus.
  • Foto: rt
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ch Siegen. Lockdown, Stillstand, Wiederbelebung, geänderte Pläne, veränderte Politik: Das vergangene Jahr war geprägt von Corona, das Virus wird auch den Jahreswechsel und die kommenden Monate maßgeblich bestimmen. Das gilt für jeden, auch für Steffen Mues, Siegens Bürgermeister. Der Christdemokrat an der Spitze des Oberzentrums musste gemeinsam mit Politik und Rathaus mitten im wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Wandel der Krönchenstadt der Pandemie trotzen und dennoch an der Zukunft der 103.000-Einwohner-Stadt arbeiten. „Das hat ganz gut geklappt“, so Mues im SZ-Interview zum Jahreswechsel.
Herr Mues, was ist Ihnen in der Rückschau auf das Corona-Jahr 2020 besonders in Erinnerung geblieben?
Zweierlei. Erstens: Verwaltungen sind lernfähig.

ch Siegen. Lockdown, Stillstand, Wiederbelebung, geänderte Pläne, veränderte Politik: Das vergangene Jahr war geprägt von Corona, das Virus wird auch den Jahreswechsel und die kommenden Monate maßgeblich bestimmen. Das gilt für jeden, auch für Steffen Mues, Siegens Bürgermeister. Der Christdemokrat an der Spitze des Oberzentrums musste gemeinsam mit Politik und Rathaus mitten im wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Wandel der Krönchenstadt der Pandemie trotzen und dennoch an der Zukunft der 103.000-Einwohner-Stadt arbeiten. „Das hat ganz gut geklappt“, so Mues im SZ-Interview zum Jahreswechsel.
Herr Mues, was ist Ihnen in der Rückschau auf das Corona-Jahr 2020 besonders in Erinnerung geblieben?
Zweierlei. Erstens: Verwaltungen sind lernfähig. Ob Kommunen, Kreise oder Landesregierung – wir alle waren auf die erste Infektionswelle nicht vorbereitet. Sie hat uns unvermittelt und hart getroffen. In Windeseile musste zur Entlastung des Gesundheitssystems ab März das alltägliche Leben runtergefahren werden. Hinter so einem Lockdown stehen viele Fragezeichen in den Krisenstäben, Abstimmungen zwischen Rathäusern und Ministerien, mit heißer Nadel gestrickte Allgemeinverfügungen. Das Schließen und das anschließende Wiederhochfahren im Mai war unheimlich anstrengend. Immerhin: Vor der zweiten Welle und dem erneuten harten Lockdown standen wir besser da, waren präpariert.
Vor allem, und damit bin ich bei dem zweiten Punkt, muss man jeden Schritt erklären, nämlich den Betroffenen. Dem Trauernden, der nur im kleinsten Kreise den Verstorbenen beerdigen konnte, dem Hochzeitspaar, das zu zweit vor dem Standesbeamten sitzen musste. Den Eltern z. B., die ihre Kinder nicht in Kita und Schule schicken konnten und können, was ich persönlich mit Blick auf die Corona-Zahlen für völlig notwendig erachtete und erachte. Genauso dem Gastronomen, der sein Restaurant nicht öffnen durfte und darf und der von unserem Ordnungsamt Kontrollbesuche bekam bzw. bekommt. Dabei konnten wir nicht immer alles erklären.

In der Krise wirken alle miteinander

Warum nicht?
Die Kommunikation ist in der Pandemie alles andere als einfach, nur allmählich formten sich die Informationswege. Kreishaus, Bürgermeisterkonferenz, Bezirksregierung, Städtetag, Ministerien. Alle haben ihre Interessen, und an der Landesgrenze ist dann so oder so Schluss. Geeint hat uns, Gott sei Dank, der Schrecken vor der Situation, dass die Intensivstationen in den Krankenhäusern „voll laufen“. Das ist bislang ausgeblieben, weil am Ende doch alle miteinander wirken.
Gilt das auch für den Schulbereich?
Na ja. Hier haben wir uns oft über Düsseldorf geärgert. Die Anweisung im Frühjahr etwa, überall in den Grundschulen Hygienespender zu installieren, wohl wissend, dass die Erstklässler mit dem Desinfektionsmittel im besten Fall spielen und es im schlechtesten Fall trinken werden, haben wir angeleiert und praktikabel zu machen versucht; über Nacht, eine Riesenaktion. Die Spender für die rund 1000 Klassenräume in Siegens Schulen hatten wir. Die Weisung wurde ebenso über Nacht vom Schulministerium rückgängig gemacht. Hingegen mussten wir Wochen auf die Entscheidung warten, ob wir nun Lüfter anschaffen oder die Fenster zum Durchlüften öffnen sollen. Von diesen Beispielen gibt es viele …

Digitalisierung verschlafen

Wenn wir schon beim Thema Schulen sind: Die schlechte Digitalausstattung, die ordentlichen Hybrid- bzw. Online-Unterricht verhindert, ist durch Corona offenkundig und von Eltern, Schülern, Lehrern und Erziehungsgewerkschaften zum wichtigsten Thema für die Zukunft ausgemacht worden. Wie lernfähig ist die Krönchenstadt hier?
Die Lektion haben wir sowohl in der Politik wie auch in der Verwaltung schon lange verstanden. Das Zur-Verfügung-Stellen von Laptops, WLAN und Glasfaserverkabelung ist keine Sache des mangelnden Umsetzungswillens, sondern der Möglichkeiten. Ja, das Geld ist da. Aber die Beschaffungsmärkte sind wie leergefegt, Ausschreibungen laufen ins Leere, die Dienstleistungsunternehmen vertrösten uns. Mit „uns“ meine ich nicht allein die Krönchenstadt als Kommune, sondern alle Städte und Gemeinden. Ganz NRW, nein ganz Deutschland hat der Digitalisierung im Bildungsbereich nicht die notwendige Bedeutung beigemessen. Das ist aber nicht die einzige Corona-Baustelle.
Welche großen Baustellen gibt es denn noch?
Wenn ich an die Folgen und Schäden durch die Pandemie für die Entwicklung des Oberzentrums denke, gelange ich räumlich sofort in die leere Innenstadt und gedanklich zum kulturellen Leben und zum Gastgewerbe. Das Herz der Stadt steht beinahe still, jede Woche Lockdown wird irgendeinen Einzelhändler, ein Restaurant oder eine Kneipe in die Insolvenz treiben, auch wenn die Stadt mit ihren begrenzten Mitteln – Stichwort: freie Bewirtschaftung der Außenflächen irgendwann mal wieder ab Sommer – zu helfen versucht. Jeder Tag Stillstand wird einen Künstler von der Bühne oder von der Bildschirmfläche verschwinden lassen. Das tut weh. Und der oder die wird, wenn das gesellschaftliche Leben wieder hochfährt, nicht die Besucher und Kunden in die Stadt ziehen!

Nothaushalt droht trotz Finanzhilfen

Mit welchen wirtschaftlichen Folgen?
Die sind noch gar nicht absehbar. Aus den Unternehmen erhalten wir aus den verschiedenen Branchen ganz unterschiedliche Signale. Ja, klar, die Gewerbesteuerausfälle werden immens sein, auch im Jahr 2021. Für 2020 hatte der Kämmerer 63 Millionen Euro an Einnahmen veranschlagt. Am Ende werden es wohl 50 Millionen Euro sein. Aber dieses Minus wird mit Geld vom Bund und vom Land ausgeglichen, zudem kann die Kämmerei die kommunalen Corona-Schäden ab dem Jahr 2025 für einen Zeitraum von 50 Jahren abschreiben.
Problem vertagt also?
Nicht ganz. Ob die Finanzhilfen im nächsten Jahr die Corona-bedingten Einnahmeausfälle auch nur annähernd ausgleichen können, ist aktuell ebenso wenig vorauszusehen wie die Dauer der Pandemie-verursachten Einschnitte. Uns droht durchaus, dass wir die für 2022 angepeilte schwarze Null verpassen und in den Nothaushalt schlittern. Dann werden andere vorgeben, was Siegen zu tun und zu lassen hat, und vor allem der Kommunalpolitik enge Fesseln anlegen.
Das klingt dramatisch …
… aber noch ist kein Drama angesagt. Beispiel Gewerbeflächen: Hier werden wir unsere Politik fortsetzen, neue Flächen erschließen. Etwa die Martinshardt II. Die Nachfrage ist groß. Denn die Unternehmen verschieben vielleicht ihre Investitionen, werden sie aber schleunigst nach der Krise nachholen und dann expandieren bzw. neu bauen. Das hat die Vergangenheit schon oft gezeigt, ich denke da an die Finanzkrise 2008.

Homeoffice ändert Anforderungen auf Wohnungsmarkt

Gilt das auch für die Erschließung neuer Flächen für den Wohnungsbau?
Im Prinzip schon. Das Oberzentrum wächst, die Bevölkerung ebenso. Den Stillstand der 80er- und 90er-Jahre gibt es schon lange nicht mehr, jedes Jahr entstehen in Siegen rund 300 neue Wohneinheiten. Ich weiß, dass dies nicht genügt. Also müssen Politik und Verwaltung handeln. Die jüngst von der neuen CDU-SPD-Kooperation im Rat geforderten zusätzlichen 1000 Wohneinheiten sind ein Schritt in die richtige Richtung. Schließlich treibt Corona uns auch hier an.
Inwiefern?
Die Formen des Arbeitens in den Unternehmen werden sich ändern. Nicht so sehr im verarbeitenden Gewerbe, aber bei den Dienstleistern etwa. Das Homeoffice ist für viele Beschäftigte eine echte Option oder Anforderung geworden. Also: Wir werden erleben, dass immer mehr Menschen aus den Ballungsgebieten an Main, Rhein und Ruhr zu uns ziehen, hier leben und arbeiten. Zum Meeting werden sie in die Metropolen eilen, die günstigen Mieten und Grundstückspreise werden sie hier bezahlen!

Viel Solidarität erlebt

Das klingt optimistisch …
Das bin ich auch. Ich könnte noch viele andere Bereiche der Stadtentwicklung anschneiden, z. B. den Umzug der Universität Siegen in die City. Der wird dem Oberzentrum noch mal einen richtigen Schub geben und das Marketing für die Stadt, nein für die ganze Region erleichtern. Meine Zuversicht schöpfe ich zudem schlicht und einfach aus dem Blick auf meine Mitbürger. Wir haben in Siegen in diesem Jahr viel Solidarität erlebt. Etwa über unsere Nachbarschaftshilfe #coronabeSIEGEN. Da haben Menschen für andere eingekauft, einander Beistand gegeben, sich geholfen.
Und es hat sich mehr als einmal der Spruch „Not macht erfinderisch“ bewahrheitet. Denn wir haben Wege gefunden, trotz aller gebotenen Distanz die Nähe zueinander nicht zu verlieren. Es haben digitale Treffen, Veranstaltungen und Lesungen stattgefunden, die Siegener sind virtuell zum Firmenlauf angetreten und, und, und. Von daher glaube ich, nicht nur mit Blick auf die wieder länger werdenden Tage, dass die Dunkelheit bald ein Ende hat!
Eine letzte Frage mit Blick auf den Jahreswechsel: Was macht Steffen Mues am Silvesterabend?
Sie wissen, dass ich gerne in Gesellschaft bin, gerne feiere. In diesem Jahr aber werden meine Frau und ich den Silvesterabend mit einem befreundeten Paar verbringen.

Nicht nur schön anzusehen ist Siegen in vielen Stadtteilen, hier die Altstadt. In allen Bereichen der „kleinen“ Großstadt macht Bürgermeister Steffen Mues (CDU) positive Entwichlungen aus.
Siegens Bürgermeister Steffen Mues.
Autor:

Christian Hoffmann (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

8 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Spar-Abo der Siegener Zeitung
Schnell abonnieren und bares Geld sparen!

Das Abonnement der Siegener Zeitung ist der bequemste Weg, um jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten aus Siegen, dem Siegerland, Wittgenstein, Altenkirchen und Olpe zu in kompakter Form zu lesen ‒ als gedruckte Zeitung direkt aus dem Briefkasten oder als digitale Version in Form eines E-Papers. Das E-Paper lesen Sie bequem am PC oder ganz mobil mit unserer App für Android und Apple. Schnell Abo buchen und bares Geld sparenSchnell sein lohnt sich jetzt, denn je früher Sie bestellen, desto mehr...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen