Siegerländer Dreiklang

Der Nachrichtensender n-tv ist am Sonntagmorgen fest in Siegerländer Hand. Mein Gosenbacher Kollege Timo Latsch moderiert, der Eiserfelder Bob-Anschieber Christian Friedrich ist als Experte im Studio, ich, der Weidenauer, bin als Reporter hier im Deutschen Haus in den Bergen von Krasnaya Polyana, nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Sanki Sliding Center entfernt. Dort, wo Christian Friedrich auch gerne an den Start gegangen wäre. Und Katharina Heinz, die Skeleton-Pilotin. Auch dem Siegerländer Paar im Eiskunstlauf haben nur Nuancen zur Teilnahme an den Spielen gefehlt. Ich bin der einzige Siegerländer in Sotschi - schade, ich hätte die anderen gerne getroffen. Zur Entschädigung gab es also das Haubergs-Dreigestirn auf der Mattscheibe. Wir hätten uns mal mit "Nodda" als Codewort verständigen sollen. Auch die Frage "Stefan, aler Saujong, wie isset do hinne bi de Russe?" hätte ich mit einem gekonnten "He eh, en joa!" pariert...

"Full House" im Deutschen Haus. Die täglichen Pressekonferenzen mit DOSB-Athleten stoßen auf eher durchschnittliches Interesse. Es sei denn, große Prominenz kündigt sich an. Nach Ex-Kanzler Gerhard Schröder und "Kaiser" Franz Beckenbauer hat sich am Sonntag Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Ehre gegeben. Freitagnacht angereist, im Flugzeug geschlafen, Samstagmorgen direkt zum Super G gefahren, um Maria Höfl-Rieschs Silber-Coup zu sehen. Kämpferisch referiert de Maizière über die Spitzensportförderung in Deutschland. Kritische Fragen zum Gastgeberland beantwortet er diplomatisch, bezeichnet allerdings die Inhaftierung eines russischen Umweltaktivisten nach deutschem Rechtsverständnis als "unverhältnismäßig". Später treffe ich ihn zu einem kurzen Interview für n-tv. Er verrät mir, dass er sich extra viele Veranstaltungen herausgesucht hat, die er an den beiden Tagen besuchen möchte und dass er sich mehr Unterstützung der deutschen Unternehmen für die Sporthilfe wünscht. De Maizière, der Polit-Profi, schlendert lässig mit der offiziellen DOSB-Jacke durch den Garten des Deutschen Hauses. Ein paar Minuten stehen wir in einer Gruppe von drei bis vier Leuten mit unserer Kaffeetasse herum, schauen in den frühlingshaften Himmel. Man quatscht über Alltägliches, über Olympia. Dass einer der vieren ein Bundesminister ist, der in Deutschland stets einen Massenauflauf an Kameras und Journalisten auf sich zieht, wenn er auf die Straße geht, fällt nicht auf. De Maizière scheint die kleine Auszeit zu genießen. Montag in Berlin holt ihn, den Bundesinnenminister die Wirklichkeit ein, die Edathy-Affäre.

Mein Kollege und ich liefern uns eine kleine Schmuggel-Olympiade in der 0,5 Liter PET-Kategorie, die dem täglichen Gepäckröntgen an den Bahnhöfen einen lustigen Kick gibt. Seine Theorie: Legst du drei Flaschen (zwei volle, eine leere) in deine Tasche und der Alarm schlägt an, öffnest du freundlich deine Tasche, wirfst eine volle und eine leere weg und behältst die dritte volle. Bei ihm hat das immer geklappt. Seine Erfolgs-Quote: eine Flasche und eine Erfolgsaussicht von einem Drittel. Heute ist er abgereist. Heute will ich es toppen und nehme vier Flaschen mit: drei volle, die vierte trinke ich auf dem Weg zum Bahnhof in Krasnaya Polyana aus. An der Kontrolle eine junge Frau, Yulia. "Ja", jubele ich schon innerlich, deutscher Charme und das Dingen läuft. Es piept. Irritiert, als ob ich es vergessen hätte, öffne ich meine Tasche, werfe die Leere weg und will schon weitergehen, als Yulia ebenfalls schelmisch grinst. "How many of them do you have?" - "Ehm, two!?" - "Sure!?" In diesem Moment zeigt sie mir das Monitorbild. Verloren. Die Tasche sieht aus wie der Pfandcontainer montags früh beim Discounter. Ein letztes Mal setze ich mein "Böser-Junge-ist-eigentlich-doch-ganz-brav"-Gesicht auf. Eine darf ich behalten. Quote: ein Viertel. Nächster Versuch: morgen. Dann aber besser nicht mehr bei Yulia...

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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