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Einst größte Autobahnbrücke der Republik
Siegtalbrücke vor 50 Jahren dem Verkehr übergeben

In die Landschaft hineingebaut: die Siegtalbrücke über Eiserfeld.
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  • In die Landschaft hineingebaut: die Siegtalbrücke über Eiserfeld.
  • Foto: SZ-Archiv/Dirk Manderbach
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gmz Eiserfeld. 50 Jahre ist sie inzwischen alt, und in die Jahre gekommen: die Siegtalbrücke. Sie überspannt das Siegtal bei Eiserfeld mit fast lässig wirkender Eleganz, die leicht geschwungene Form und die elf, in unterschiedlichem, aber rhythmisiertem Abstand verteilten Pfeiler scheinen durch das Tal zu tanzen (die neuen, notwendigerweise massiven Betonleitwände mindern diesen Eindruck etwas). Von „harmonischer Feldteilung“ ist in der Literatur die Rede. Die leichte Profilierung der Pfeiler verleiht ihnen „Schlankheit und Leichtigkeit“, wie es in der Publikation zu „25 Jahre Straßenneubauamt“ von 1985 heißt.

gmz Eiserfeld. 50 Jahre ist sie inzwischen alt, und in die Jahre gekommen: die Siegtalbrücke. Sie überspannt das Siegtal bei Eiserfeld mit fast lässig wirkender Eleganz, die leicht geschwungene Form und die elf, in unterschiedlichem, aber rhythmisiertem Abstand verteilten Pfeiler scheinen durch das Tal zu tanzen (die neuen, notwendigerweise massiven Betonleitwände mindern diesen Eindruck etwas). Von „harmonischer Feldteilung“ ist in der Literatur die Rede. Die leichte Profilierung der Pfeiler verleiht ihnen „Schlankheit und Leichtigkeit“, wie es in der Publikation zu „25 Jahre Straßenneubauamt“ von 1985 heißt.Die Brücke ist (inzwischen) Teil Eiserfelds, sie gehört dazu: Das ist ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, bei Bauwerken, gerade auch bei solch massiven, auf die Ästhetik und die Einbindung in die Umgebung (Landschaft oder Stadtbild) zu achten. – Das, nebenbei bemerkt, wünschte man sich heute auch bei vielen Neubauten, die ohne Rücksicht auf ihre Umgebung gebaut werden. – Nichtsdestotrotz war ihre Errichtung natürlich ein enormer Eingriff in die Landschaft, das Ortsbild und auch das Leben der Menschen – und ist es bis heute.

Siegtalbrücke vor 50 Jahren eingeweiht

Am 20. Juli 1970 wurde die damals größte Autobahnbrücke Deutschlands eingeweiht, also vor 50 Jahren, mit einem großen Feuerwerk der damals noch selbständigen Stadt Eiserfeld. Sie hat, zusammen mit der gesamten, damals neuen A 45, das Leben des Siegerlandes, der Siegerländer entscheidend geprägt. Die Autobahn sorgte dafür, dass die vorher nur über Bundesstraßen erreichbare Region an das bundesweite Autobahnnetz angebunden wurde: Die A 45, ohne die Siegtalbrücke nicht denkbar, war eine äußerst wichtige Voraussetzung für die wirtschaftliche und auch gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung der Region. Sie ist heute als ein nicht zu überschätzender Wirtschafts- und Sozialfaktor etabliert und selbstverständlich!

Entwurf von Hans Wittfoht

Die Planungen für Autobahn und Brücke wurden Ende der 1950er-Jahre initiiert und von den Straßenbaubehörden vorangetrieben. Mitte der 1960er wurden die Arbeiten zum Bau der Brücke dann vom Autobahn-Neubauamt Sauerlandlinie II in Siegen im Auftrage des Bundesverkehrsministeriums und des Landes Nordrhein-Westfalen, vertreten durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster, ausgeschrieben. Ohne diese Brücke wäre die A 45 unvollständig geblieben …Entworfen hat sie Dr.-Ing. Dr.-Ing. E. h. Hans Wittfoht, gebaut die Firma Polensky & Zöllner, bei der Wittfoht beschäftigt war. Die Firma Polensky & Zöllner hatte sich in einem Bieterverfahren gegen die Mitbewerber/Bietergemeinschaften durchgesetzt, weil ihr Entwurf „am preisgünstigsten war und bezüglich Ästhetik, Konstruktion und Bautechnik die Vorstellung des Bauherrn erfüllte“. Eingereicht wurden damals 36 Entwürfe mit Stahl- und zwei Entwürfe mit Betonüberbauten von insgesamt 
17 Bietergemeinschaften. Die geschätzten Kosten beliefen sich auf damals 26 bis32 Millionen DM.

"Harmonische Feldteilung"

Gerade die Ästhetik der Brücke spielte schon bei der Ausschreibung eine Rolle, denn man war sich bewusst, dass die „wegen ihrer Höhenlage weithin sichtbare Brücke“ „auch ästhetischen Ansprüchen genügen“ sollte, „zumal sie unmittelbar im Bereich der Ortschaft liegt …“, wie Hans Wittfoht in einigen seiner Artikel über die Eiserfelder Brücke schreibt, u. a. auch im „Bauingenieur“ von 1966. Diesen Ansprüchen genügte der Entwurf von Wittfoht in besonderem Maße: „Das Ergebnis ist eine harmonische Feldteilung, die der Weite des Tales angepasst ist.“

Lebensdauer: 100 Jahre?!

Konzipiert war die Brücke damals für eine Lebensdauer von etwa100 Jahren (schon seinerzeit übrigens mit einer möglichen dritten Spur, die aber nicht gebaut wurde!). Doch der unerwartet starke Anstieg der Verkehrslast – über 30 Prozent mehr an Pkw- und vor allem auch Lkw-Verkehr als prognostiziert – machen nach Aussage von Straßen NRW einen Neubau der Brücke erforderlich (die SZ berichtete ausführlich). Dazu kommen auch geänderte Anforderungen an die Auslegung der Bauwerke.

Brücke überspannt Siegtal bei Eiserfeld

Der Bau der Brücke war in mehrerlei Hinsicht eine Pionierleistung, die die Fachleute zur Bauzeit in Scharen anzog. Sie pilgerten zur Baustelle, um sich das besondere Herstellverfahren der großen Brücke anzusehen. Die Siegtalbrücke überspannt das Siegtal und den Ort Eiserfeld. Gut ein Kilometer ist sie lang, etwas mehr als 100 Meter ist sie hoch. Die größte Spannweite zwischen den Pfeilern beträgt 105 Meter: Diese enorme Spannweite, so Wittfoht, zeigte, dass mit Spannbeton noch größere möglich sein würden.

Neu: Bauweise mit Spannbeton

Und das war auch eine der großen Neuerungen: die Bauweise der Fahrbahnträger in Spannbeton. Die Europabrücke am Brenner (1963 fertiggestellt) zum Beispiel hat für die großen Spannweiten einen Stahl-Überbau, keinen Spannbeton-Überbau. Mit Spannbeton für den Brückenbau wurde bereits in den 1930er-Jahren experimentiert, aber solche Spannweiten waren damals noch nicht erreichbar. Kleinere Brücken gab es bereits, aber, so schreibt der Planer Wittfoht, erst in den 1960ern war die Zeit reif für dieses neuen Verfahren. Die elegante Gestalt der Brücke wurde durch den Spannbetonüberbau möglich.Auch wurde beim Bau der Eiserfelder Brücke erstmals mit dem Tabu gebrochen, dass man ein solches Brückenbauwerk keinesfalls über einem bewohnten Ort errichten dürfe. Zwar mussten (zum Beispiel) für die Pfeiler Häuser abgerissen werden, aber der Bereich unter der Brücke musste nicht komplett „geleert“ werden.

Sieg-Hochwasser im Sommer 1967

Am 1. März 1965 begannen die Arbeiten an der Brücke. Das heißt, zuerst wurden die Pfeiler gegossen. Profilierte Hohlpfeiler ohne mittlere Trennung im unteren Bereich, auf der die beiden parallelen Brückenüberbauten ruhten, also die Fahrbahnen. Die Pfeiler aus Stahlbeton wurden mittels Gleitschalung betoniert, die Pfeiler wuchsen pro Tag um fünf Meter nach oben, der Kletterkran rückte mit nach oben. Im Pfeilerinneren befinden sich Treppentürme, über die die Arbeiter nach oben gehen konnten. Die Gründungsarbeiten für einige der Pfeiler wurden durch die hohen Wasser der Sieg im Sommer 1967 erschwert, heißt es in der Literatur. Die Arbeiten an den Brücken-Überbauten begannen, während die „letzten“ Pfeiler noch gegossen wurden. Das war möglich dank des fast sensationell neuen Verfahrens zur Erstellung der Fahrbahn, die mittels einer Vorschubrüstung gebaut wurde. Die Fahrbahn ruhte auf Hohlkästen, die in diesem neuen Verfahren mit Vorschubrüstung betoniert wurden. Dazu stützte sich die verschiebbare Vorschubrüstung auf bereits betonierten Teilen ab. In Streckenabschnitten von jeweils zehn Metern wurden die folgenden Hohlkästen betoniert: Hängebühnen unter der Vorschubrüstung trugen die Schalungen für die Hohlkästen, der Beton wurde über Rohrleitungen mittels Pumpen dorthin befördert (zum Verfahren: s. unten). Neben der Baustelle befand sich ein eigenes Betonwerk. Die Arbeiten schritten zügig voran, sodass die Siegtalbrücke am 20. Juli 1970 eingeweiht werden konnte. – Nach diesen 50 Jahren steht der Neubau an. Die ästhetischen Ansprüche dieser Siegtalbrücke müssen ein Maßstab für die neue Brücke sein!

Ein Feuerwerk zur Einweihung

Die Arbeiten schritten zügig voran, sodass die Siegtalbrücke am 20. Juli 1970 eingeweiht werden konnte. – Nach diesen 50 Jahren steht der Neubau an. Die Besonderheiten der „alten“ Siegtalbrücke sollten auch gerade in Sachen Ästhetik ein Maßstab für die neue Brücke sein!

Persönliche Erinnerungen gefragt

Viele Menschen in der Region verbinden mit dem Bau der Autobahn und der Siegtalbrücke Erinnerungen, gute wie schlechte. Beispiele: Der Verkauf des (Eltern-)Hauses, das abgerissen werden musste, weil es der Brücke im Weg stand. Die Spaziergänge, die ersten Rad- oder Kettcar-Touren auf den halbfertigen Autobahntrassen, die erste Autofahrt über die neuen Strecken nach Köln oder Dortmund oder Frankfurt … Schicken Sie Ihre Geschichten nicht nur zur Siegtalbrücke, sondern zu Ihren ersten Autobahnbau-Erfahrungen (am besten mit Bild). Sie werden (in Auswahl) auf einer der kommenden Heimatland-Seiten in der Siegener Zeitung veröffentlicht.

Verwendete Literatur (Auswahl):

  • 25 Jahre Straßenneubauamt, Siegen 1985
  • 100 Jahre Straßenbauverwaltung in Westfalen-Lippe, Münster 1971
  • Hans Wittfoht: Brückenbauer aus Leidenschaft, Verlag Bau & Technik, Düsseldorf 2005
  • Hans Wittfoht: „Die Autobahnbrücke über das Siegtal in Siegen-Eiserfeld“ in Der Bauingenieur, Oktober 1966
  • Hans Wittfoht: „Vom Bau der Siegtalbrücke Eiserfeld“ in DBV.

 

Dr.-Ing. Hans Wittfoht beschreibt das damals neuartige Bauverfahren: „An einem Widerlager beginnend wird zunächst ein Überbau feldweise fortschreitend bis zum anderen Widerlager erstellt. Die einzelnen Brückenfelder werden in Abschnitten von etwa zehn Metern Länge betoniert, und zwar jeweils von einem Pfeiler aus symmetrisch nach beiden Seiten. Hierzu wird ein stählernes Vorbaugerüst verwendet, das sich einerseits auf den jeweils benachbarten Pfeiler abstützt und ohne Demontage von Feld zu Feld vorgestreckt werden kann. Es trägt zwei verschiebliche Hängebühnen, auf denen die Schalung für die Betonierarbeit gebaut ist.Dieses Herstellungsverfahren eignet sich gleichermaßen für das Betonieren der Einzelabschnitte am Ort und für die Montage der Einzelabschnitte als ganz oder teilweise vorgefertigte Elemente. Bei Anwendung der Querschnittsvorfertigung wird die Schalungskonstruktion der Hängebühne ersetzt durch eine Aufhängevorrichtung für die Montage der Abschnittsblöcke. In jedem Fall dient die Vorbaurüstung gleichzeitig als Brücke für den Transport von Baustoffen, Geräten und Personal vom bereits fertigen Überbau zu den einzelnen Arbeitsstellen. Die Betoniereinrichtungen sind so dimensioniert, daß ein Überbauabschnitt innerhalb eines Tages betoniert werden kann. […] Nachdem der erste Überbau im Rohbau fertiggestellt ist, wird die Betonierrüstung auf dem Damm hinter dem Widerlager quer verschoben, um mit entgegengesetzter Arbeitsrichtung nunmehr die zweite Fahrbahn zu bauen. Die gewählte Bauweise hat vom zügigen Baufortschritt abgesehen noch den Vorteil, daß der größte Teil des Konstruktionsgewichtes statisch bestimmt auf die Pfeiler abgesetzt wird, bevor durch den Schluß der Feldmitten die Kontinuität hergestellt wird. …“ (aus: Hans Wittfoht: „Die Autobahnbrücke über das Siegtal in Siegen-Eiserfeld“ in Der Bauingenieur. Oktober 1966)

In die Landschaft hineingebaut: die Siegtalbrücke über Eiserfeld.
Ein Blick auf die Siegtalbrücke im April 1964. Der Bau war zu dieser Zeit noch in vollem Gange.
Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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