So geht Inklusion

Beim Tag der offenen Tür in der AWo-Werkstatt Deuz konnten nichtbehinderte Menschen von behinderten lernen. Foto: Michael Wetter
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wette - Wachsam, neugierig, gar aufgeregt schaut Sven nach links. Gerade erst ist wieder ein älteres Ehepaar eingetreten, das sich für seine Tätigkeit zu interessieren scheint. Man merkt, dass der 37-Jährige um die Aufmerksamkeit der beiden buhlt. Erfolgreich. Sie kommen näher, lächeln. Sven lächelt kurz zurück, konzentriert sich aber sofort wieder auf seine Arbeit. Jetzt bloß keinen Fehler machen beim Verschrauben der Fensterbeschläge. Es gelingt ihm. Seine Zuschauer scheinen zufrieden zu sein. Sie lächeln zum Abschied, verschwinden. Auch Sven wirkt zufrieden. Und wirft den Blick wieder nach links – auf der Suche nach neuen Gästen, denen er stolz seine Arbeit präsentieren kann. Denn heute gilt es, heute ist sein Tag. Es ist der Tag, auf den er sich bereits seit langer Zeit freut. Sven ist Autist – und arbeitet in der AWo-Werkstatt Deuz. Dort findet zum 36. Mal ein Tag der offenen Tür statt. Es ist sein Tag.

Sven ist keine Ausnahme. Er ist einer der 65 Beschäftigten, die an diesem Tag ihren Dienst verrichten. Freiwillig. Als Gegenleistung gibt es einen freien Tag. Ein Freizeitausgleich, erklärt Einrichtungsleiter Joachim Siebel. Viele der insgesamt 495 Beschäftigten in der AWo-Werkstatt brennen förmlich darauf, Familien und Freunden endlich (mal wieder) den eigenen Arbeitsplatz zu zeigen. Andere tun das eher nicht. Deshalb sind heute eben nur die Svens der Einrichtung an ihrem Arbeitsplatz. Die anderen bleiben zuhause. Zu viele Menschen, zu viel Unruhe, sagt Joachim Siebel. Verständlich, denn immerhin 1000 Besucher werden es am Abend sein, die sich über die Einrichtung und ihre individuellen Fördermaßnahmen erkundigen. Sven sitzt in einer der beiden Produktionshallen. Verschiedene Produkte sind in diesen ausgestellt. An der einen Stelle werden die ersten von insgesamt 120 000 Adventskalender verpackt, etwas weiter wird gezeigt, wie Vogelhäuser aus Holz entstehen.

An anderer Stelle gibt es Weihnachtsgestecke, wobei schon am Nachmittag nur noch wenige auf den Tischen zu finden sind. Fast alles ausverkauft, freut sich die zuständige Mitarbeiterin. In einem anderen Raum stehen selbstgemachte Leckereien. Liköre oder Chutneys beispielsweise. Auch sie haben eine Geschichte. Das belegen die Bilder, die hinter dem Verkaufsregal angebracht sind und auf denen arbeitende Menschen mit strahlenden Gesichtern zu erkennen sind. Bilder und Produkte zeigen, dass auch Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung produktiv sein können, sagt Joachim Siebel. Stimmt.

Jeder der 88 Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung kann sich einbringen. Ob beim Einkauf der Zutaten, später beim Kochen, beim Bedienen einer Stanzmaschine für das Logo der hauseigenen Taschen oder bei der Auswahl der Stoffe für eben diese. Die Behinderten wissen um ihre Aufgabe; für 40 regionale und überregionale Unternehmen produzieren sie. Eine Art von Integration ist das. An diesem Tag aber ist es auch Inklusion.

Behinderte und Nichtbehinderte kommen immer wieder ins Gespräch, lachen. An Kuchenverkaufsständen, an den Maschinen. Und wenn Menschen wie Sven mit Begeisterung von ihrem Arbeitstag sprechen, davon, dass sie sich schon beim Aufwachen auf die Werkstatt gefreut haben und den Besuch der Gäste kaum erwarten konnten – ja, dann können hier und da auch nichtbehinderte von behinderten Menschen lernen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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