Sonaten und die Form-Suche

Pianist Oliver Drechsel überzeugte im Gläsersaal

ars Siegen. Verschiedene Sonatentypen aus drei Jahrhunderten stellte der junge, aus Langenfeld stammende Pianist Oliver Drechsel kürzlich im Gläsersaal vor. Im Rahmen der Reihe »Best of NRW« hörten die Konzertbesucher bekannte und unbekanntere Sonaten in einer technisch versierten und insgesamt klangschönen, durchsichtigen und moderaten Interpretation. Oliver Drechsel vermied allzu krasse Tempo- und Dynamikschwankungen, verzichtete auf nachträglich aufgesetztes Modernisieren, spielte in einer fast didaktisch zu nennenden Weise die Stimmen und Strukturen, sozusagen das Skelett der Partitur, frei, machte gar nicht erst den Versuch, von hier aus noch einen »romantischen" Wanderer-Fantasie-Schubert in dunkel abgeschatteter Rundheit und hochgesteigerter Innerlichkeit zu treffen: Es blieb durchsichtig, hell, nachvollziehbar, aber nicht als Aufklärungsgebärde, eher im Sinne einer an Mozart orientierten Klassizität.

Mit Mozarts Klaviersonate c-Moll KV 457 begann dann auch fast programmatisch das Konzert, und zwar von den ersten Takten an in einer schönen, überzeugenden Balance emotionaler und formgebändigter Elemente, federnd und tänzelnd, ohne die Austriazismen zu übertreiben, nah am Notentext, durch die Stimmendurchsichtigkeit auch die Verfahrensweise einer durch und durch klassischen Sonate mit Binnenvielfalt bei gleichzeitiger folgerichtiger, auf ein organisches Ganzes zielender Konstruktion verdeutlichend. Alle Eintrübungen und Störungen im Verlauf der Sonate werden abgearbeitet, alle menschlichen Stimmungen finden im Ganzen ihren Platz und am Ende ihre Auflösung – ein Wunder an Inhaltsfülle und Stringenz, eine hörenswerte Darstellung eines jungen, viel versprechenden Pianisten.

Die darauf folgenden Klaviersonaten von Samuel Barber und von Alberto Ginastera orientieren sich an klassischen Sonatenmustern, ohne im Entferntesten die traumwandlerische Stimmigkeit Mozarts zu erreichen. Form und Ausdruck driften auseinander, atonale Themen werden eingeführt, sprengen aber ebensowenig wie percussionsartige Passagen die alte Form ganz, führen sie nicht, wie etwa bei Bartok, höhnisch als nackt und substanzlos vor. Deutlich wurde auch das Auseinanderbrechen der Form Sonate in einzelne, sehr verschiedenartige Sätze, die erst nachträglich zur Sonate verbunden scheinen. – Drechsel konzentrierte sich auf das Pianistische im engeren Sinn, stellte Leidenschaft und Bewältigung der enormen Schwierigkeiten in den Mittelpunkt, und das ungemein überzeugend.

Franz Schuberts »Wanderer-Fantasie« ist eine an Expressivität schier zerbrechende viersätzige Sonate, die keine leere Zeit zwischen den Sätzen mehr zulässt, eine Wagner vorarbeitende, ewige Melodie ausbreitet, die an allen Ecken und Enden die Substanz der Form Sonate aufzehrt. Drechsel spielte nicht die Musik einer grundstürzenden Weltanschauung; sein Schubert verblieb in moderater Balance: nicht zu ungestüm und hart, nicht zu sentimental, nicht zu technisch glatt, und das alles bei angemessenen Tempi und der eingangs erwähnten Stimmendurchsichtigkeit. Ein wenn nicht romantischer, so doch sehr gut hör- und aufnehmbarer Schubert mit der nötigen dynamischen Feinjustierung zur Verdeutlichung der seelischen Regungen, mit einem schwungvollen Zug zum Ganzen.

Eine etwas deplatzierte, witzig-virtuose Zugabe hätte nicht nach diesem Schubert erklingen sollen. Ansonsten: ein feiner Auftritt!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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