Mehr als eine Gruppenstunde
Sonntagsschulen im Siegerland

In Wilgersdorf feierte die Sonntaqsschule ihren Weihnachtsgottesdienst am vierten Advent. Um die 40 Kinder sind selbst in Corona-Zeiten dabei, vorher versammelten sich sogar rund 60 Kinder ab drei Jahren. Sonntagsschulleiterin Sibylle Thomas freut sich, dass der Zusammenhalt trotz Pandemie nicht zerbrochen ist. Sieben Mitarbeiter sind mit großem Einsatz bei der Sache.
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  • In Wilgersdorf feierte die Sonntaqsschule ihren Weihnachtsgottesdienst am vierten Advent. Um die 40 Kinder sind selbst in Corona-Zeiten dabei, vorher versammelten sich sogar rund 60 Kinder ab drei Jahren. Sonntagsschulleiterin Sibylle Thomas freut sich, dass der Zusammenhalt trotz Pandemie nicht zerbrochen ist. Sieben Mitarbeiter sind mit großem Einsatz bei der Sache.
  • Foto: Kay-Helge Hercher
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ihm Siegen. „Die Kleinste war Emma. Sie trug noch eine Windel, wenn sie sonntags ins Vereinshaus kam.“ Petra und Michael Braukmann aus Grund erinnern sich an ihr jüngstes Sonntagsschulkind, das mit drei Jahren kam. Die „Großen“ lächelten wohl über den Dreikäsehoch, aber Emma gehörte genauso dazu wie alle anderen. Das ist eben auch Sonntagsschule: Hier ist jeder willkommen.

Sonntagsschule auch während der Corona-Zeit

Das fromme Siegerland hat eine lange Sonntagsschul-Tradition, die immer noch lebendig ist. In 35 Dörfern und Ortschaften im Bereich des ev. Gemeinschaftsverbandes wird noch Sonntagsschule gehalten. In Corona-Zeiten haben es 29 Sonntagsschulen geschafft, weiterzumachen. Nicht immer in Präsenz und nicht während des strengen Lockdowns. Aber sie haben den Kontakt zu den Kindern nicht abreißen lassen. Warum Sonntagsschule? Jutta Schischke als hauptamtliche Mitarbeiterin und Dirk Hesse als Ehrenamtler sind beim Gemeinschaftsverband für diesen Zweig zuständig.

Die Aufgabe ist für sie ganz klar: Kinder zum Glauben führen. Im Mittelpunkt einer Sonntagsschulstunde steht immer eine biblische Geschichte, also Gottes Wort. Dann wird anhand dieses Themas weiter gearbeitet:
geschrieben, gemalt, gebastelt, gespielt, diskutiert, gesungen. In der Regel beginnt die Sonntagsschule um 10 Uhr – oft parallel zum Gottesdienst, den die Eltern besuchen. Kinder vom Kindergartenalter bis zur Konfirmation (manchmal auch nur bis zur Katechumenenzeit) sind dabei. In Grund, wo die Sonntagsschule 1938 von Karl Völkel gegründet und später mehr als 50 Jahre von Fritz Völkel („Onkel Fritz“) geleitet wurde, erinnert sich Petra Braukmann, die seit 1990 mitarbeitet, an viele prägende Erlebnisse.

Wir wollen die Kinder einladen in die Gemeinschaft, wir wollen eine Beziehung mit ihnen leben.
Jutta Schischke
Kindermissionarin

Kindergottesdienst ist immer aufregend

„Der Höhepunkt war immer die Weihnachtsfeier mit dem Krippenspiel.“ Dann sitzen Eltern, Großeltern und Paten gerührt im Publikum und staunen, wenn der so maulfaule Sohn wider Erwarten seinen Text fehlerfrei und ausdrucksstark vorträgt. Manchmal war es auch anders. Der kleine Engel wollte partout nicht vor den vielen Leuten sprechen und versteckte sich hinter der Schwester. Sonntagsschul-Weihnachtsfeiern sind aufregend – für Eltern, Kinder und Verantwortliche! Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kindergottesdienst und Sonntagsschule? Der Kindergottesdienst findet in der Kirchengemeinde statt, die Sonntagsschulen gehören unter das Dach des ev. Gemeinschaftsverbands. In wenigen Ortschaften existieren beide Formen der Kinder-Evangelisation nebeneinander. Meist aber gibt es entweder die Sonntagsschule oder den Kindergottesdienst. Es gab immer wieder Überlegungen, ob der Name „Sonntagsschule“ noch zeitgemäß ist. Manche Gruppen nennen sich „Kid‘s Club“, „Kindertreff“ oder „Bibelentdecker“.

Wie es begannDer Ursprung der Sonntagsschulen liegt in England. Hier gründete der Zeitungsverleger Robert Raikes 1780 die erste Sonntagsschule für Kinder, die in den Bergwerken schuften mussten und deshalb nicht zur Schule gehen konnten. Sie sollten wenigstens sonntags Lesen und Schreiben lernen. Als Lesebuch diente die Bibel. Die erste deutsche Sonntagsschule wurde 1825 in Hamburg eingerichtet. Die Anfänge der Sonntagsschulen im Siegerland datieren auf das Jahr 1838, als der Lohgerber Tilmann Siebel in Freudenberg mit der christlichen Kinderarbeit begann. Damit waren keineswegs alle einverstanden, wie Jürgen Müller 1988 in der Chronik schreibt. Es gab einen Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung über den „neuen Religionsunterricht“. Auch manche Lehrer in der weltlichen Schule sahen das „Sonntagsschul-Laufen“ gar nicht gern. Aber die Kinder kamen in Scharen.

Sonntagsschulen werden immer weniger besucht

Jutta Schischke: „Wir haben uns aber entschlossen, am Namen ,Sonntagsschule’ festzuhalten.“ Mit strengem Regiment, Stillsitzen und seitenweise Auswendiglernen hat die Sonntagsschule von heute nichts mehr zu tun. Die Zeiten sind vorbei. Jutta Schischke: „Wir wollen die Kinder einladen in die Gemeinschaft, wir wollen eine Beziehung mit ihnen leben. Das ist mehr als die Gruppenstunde. Wir nehmen die Kinder persönlich in den Blick.“ Dazu müssen sie aber erst einmal kommen. Und das geht nicht ohne die Unterstützung der Eltern, die sie sonntags schicken. Dirk Hesse, der in Deuz in der Sonntagsschule arbeitet, erlebt, dass das Häuflein der regelmäßigen Sonntagsschüler immer kleiner wird.

150 Jahre Sonntagsschulen im Siegerland

Viele Eltern haben kaum noch Berührungspunkte mit dem Glauben. Dirk Hesse: „Um so wichtiger ist die Arbeit. Und wenn wir nur ein Kind dadurch für Jesus gewinnen.“ Weniger Kinder und nicht genug Nachwuchs bei den Mitarbeitern – das sind die Probleme der Sonntagsschule von heute. Dass es schon vor Jahrzehnten nicht einfach war, kann man im Jubiläumsbuch „150 Jahre Sonntagsschule im Siegerland“ nachlesen, das 1988 erschien.

Dort beschreibt Jürgen Müller, womit man zu kämpfen habe: „Vermehrte Unruhe in den Gruppen, arbeitshemmende Unlust, Überreizung durch Medien, fehlende Leitbilder, Verhaltensstörungen durch familiäre Verhältnisse“ und vieles mehr. Hätten die Brüder des Gemeinschaftsverbandes damals etwas geahnt von den heutigen Herausforderungen, von Whatsapp, Facebook, Instagram und Co. – sie wären wohl verzagt.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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