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Tagespflegen seit Wochen dicht
Soziale Kontakte lassen aufblühen

Schwester Michaela überbringt Doris Jung nachträglich den Geburtstagsgruß der Tagespflege.
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  • Schwester Michaela überbringt Doris Jung nachträglich den Geburtstagsgruß der Tagespflege.
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nja Buschhütten.  „Hallo Schüsselchen! Wie geht es dir?“ Der Umgangston ist freundschaftlich, herzlich, fühlt sich familiär an. Schwester Michaela Helmrath-Spannagel klingelt an der Haustür von Gudrun Schüssler und ruft den ersten Gruß schon durch den Briefschlitz. Mehr als fünf Wochen ist es her, dass sich die Altenpflegerin und die 86-Jährige in der Buschhüttener Tagespflege der Stiftung Diakoniestation Kreuztal getroffen haben. Eine lange Zeit für beide. Seit dem Corona-Lockdown sind alle Tagespflegen im Lande verwaist, müssen die Seniorinnen und Senioren zu Hause bleiben. Die SZ sprach exemplarisch mit der Buschhüttener Einrichtung und auch zwei betroffenen Gästen über die Auswirkungen der Schließung.

nja Buschhütten.  „Hallo Schüsselchen! Wie geht es dir?“ Der Umgangston ist freundschaftlich, herzlich, fühlt sich familiär an. Schwester Michaela Helmrath-Spannagel klingelt an der Haustür von Gudrun Schüssler und ruft den ersten Gruß schon durch den Briefschlitz. Mehr als fünf Wochen ist es her, dass sich die Altenpflegerin und die 86-Jährige in der Buschhüttener Tagespflege der Stiftung Diakoniestation Kreuztal getroffen haben. Eine lange Zeit für beide. Seit dem Corona-Lockdown sind alle Tagespflegen im Lande verwaist, müssen die Seniorinnen und Senioren zu Hause bleiben. Die SZ sprach exemplarisch mit der Buschhüttener Einrichtung und auch zwei betroffenen Gästen über die Auswirkungen der Schließung. Es zeigte sich recht bald: Das Ende der erzwungenen, sinnvollen Auszeit zum Schutz der Gesundheit wird von allen herbeigesehnt!

Das Leben ist einsamer geworden

„Ich wollte erst gar nicht dorthin“, erzählt Gudrun Schüssler im Gespräch auf Distanz. „Meine Kinder haben mich überredet, und jetzt besuche ich die Tagespflege schon seit rund anderthalb Jahren zweimal pro Woche.“ Sie will die Gemeinschaft nicht mehr missen – und muss genau dies nun schon seit Wochen ertragen. Das Leben sei deutlich einsamer geworden – obwohl sie regelmäßig mit Freundinnen und Freunden ihres Tagespflege-Stammtischs telefoniere. Es sind Bindungen entstanden, die über die gemeinsame Zeit an der Charlottenstraße hinaus gehen. „Gut, dass das Telefon nicht auch infiziert werden kann“, scherzt die Seniorin und wird wieder ernst: „Das war kein schöner Monat.“ Die Gespräche, die gemeinsamen Mahlzeiten, das vielfältige Beschäftigungsprogramm – all das vermisst sie schon sehr: „Man kann sich einbringen und wird auch gefordert. Hoffentlich ist die Gefahr bald vorbei: Ich bin aber auch für Sicherheit. Lieber vier Wochen länger warten, als zu früh zur Normalität zurückzukehren“, lautet ihr Credo.

Viele Besucher rufen  nun an

Auch wenn sich Betreuer und Gäste derzeit nicht in der Tagespflege treffen können, bleiben sie in Kontakt, erzählen auch Dietmar Braun als Geschäftsführer der Stiftung Diakoniestation, Schwester Silvia Knebel und Sozialpädagogin Patricia Braun. Rund 100 Frauen und Männer schauen normalerweise in der Woche vorbei, 32 Plätze stehen bereit.  „Immer wieder rufen unsere Gäste an und fragen, wann es denn wieder los geht. Und auch wir telefonieren jede Woche mit Gästen und/oder Angehörigen.“ Dabei gebe es aufmunternde Worte und das Signal: „Wir denken an euch und freuen uns auf euch!“ Für viele der Senioren seien die Besuche in der Tagespflege wichtige Termine im Kalender. Manche hätten daheim kein barrierefreies Bad, keinen Balkon oder Garten – vor allem aber fehlten die zwischenmenschlichen, sozialen Kontakte. Angehörige stehen nun natürlich vor der Herausforderung der Betreuung: Für Berufstätige kein leichtes Unterfangen.

Tagesstruktur und geistiger Input

Die Tochter eines dementen Gastes habe berichtet: So lange ihre Mutter regelmäßig zur Tagespflege kommen konnte, sei es ihr besser gegangen als nun. „Der geistige Input, die Tagesstruktur, schon allein die Fahrt im Bus hierher, auf der man viel sieht – all das sind wichtige Impulse, die nun fehlen“, sagt Schwester Michaela. Neu im Angebot seien Spaziergänge mit einzelnen Gästen; der Freundeskreis biete einen Einkaufsservice an. Dass dieser nicht so stark nachgefragt werde wie gedacht, liege offensichtlich an einem gut funktionierenden Nachbarschaftsgefüge, so Patricia Braun.
Einmal im Monat erhalten die Gäste und Angehörigen üblicherweise einen Brief – analog oder digital –, in dem auf die vergangenen vier Wochen zurückgeblickt wird. Patricia Braun ist hier federführend tätig. „Dieses Schreiben wird heiß und innig geliebt“, weiß das Diakonie-Team. Auch in Zeiten der Corona-Schließung wird es solche Post geben, ohne Rückblick natürlich: worauf auch? Persönliche Grußbotschaften, Rätsel und Berichte z. B. darüber, wie es der in der Tagespflege brütenden Kohlmeise geht, die eigentlich via Kamera beobachtet wird – all das hilft, in Kontakt zu bleiben.

Kurzarbeit für Betreuungskräfte

Freitags kam im März aus Düsseldorf die Anweisung, montags nicht mehr zu öffnen. Seitdem baut das Team freie Tage ab, hat vor Ort aufgeräumt, Hausmeister Arno Weidemann schwingt den Farbpinsel. Das Pflegeversicherungsgesetz sei geändert worden, ruft Dietmar Braun in Erinnerung: So würden den Pflegeeinrichtungen Einnahmeausfälle größtenteils erstattet.  Für die Betreuungskräfte wurde Kurzarbeit beantragt, die Pflegekräfte helfen im mobilen Dienst aus. Im Team herrscht große Skepsis darüber, ob der Betrieb am 4. Mai wieder anlaufen kann. Schließlich hat man es ja ausschließlich mit Angehörigen einer Risikogruppe zu tun. Andererseits seien die weitläufigen räumlichen Gegebenheiten gut geeignet für einen sukzessiv verlaufenden Start. Viele Gäste zeigten Verständnis für die Auszeit, bei anderen überwiege die Sehnsucht nach der Normalität: „Das bisschen Corona bringt mich nicht um“, sei ein Satz, der so und auch ähnlich immer wieder mal falle.

Korken sollen knallen

Auch Doris Jung aus Osthelden sehnt sich die Wiedereröffnung herbei: „Ihr fehlt mir alle sehr – deshalb rufe ich ja auch so oft an“, sagt sie gerührt, als Schwester Michaela und Patricia Braun ihr an der Haustür einen Blumenstrauß überreichen: Nachträglich zum 80. Geburtstag, der nicht gemeinsam gefeiert werden konnte. Ein Schwätzchen halten, basteln, tanzen und singen: Auf all das freut sie sich sehr. Die Geburtstagssause soll auf jeden Fall nachgeholt werden: „Dann bringe ich Kuchen mit“, sagt die Seniorin. Schwester Michaela fügt hinzu: „Und ich besorge Sekt: Dann lassen wir die Korken knallen!“

Autor:

Anja Bieler-Barth (Redakteurin) aus Siegen

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