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Zu Fuß durch die Feiertage
Spaziergänge liegen in der Pandemie im Trend

In den langen Lockdown-Monaten zieht es den Menschen in die Natur.

sabe Siegen. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Ein berühmter Spaziergänger war Goethe, ebenso Schiller, Eichendorff, Walser. Die Literatur ist voll mit wandernden Sinnsuchern, absichtslosen Schlenderern und flanierenden Glücksfindern. Vermutlich genauso voll wie die Breitenbachtalsperre, die Trupbacher Heide oder die Panzerwiese dieser Tage. Seit Corona ist das Flanieren und Schlendern verstärkt im Trend, das gute Wetter tut sein Übriges – „Wer recht in Freuden wandern will, der geh‘ der Sonn‘ entgegen“(Emanuel Geibel).
Beim Gehen geht alles besser„Kein Wunder“, findet Lea Sauer von der Universität Siegen, die im letzten Jahr das Seminar „Flanieren in Siegen“ gegeben hat, „den Menschen zieht es raus.

sabe Siegen. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Ein berühmter Spaziergänger war Goethe, ebenso Schiller, Eichendorff, Walser. Die Literatur ist voll mit wandernden Sinnsuchern, absichtslosen Schlenderern und flanierenden Glücksfindern. Vermutlich genauso voll wie die Breitenbachtalsperre, die Trupbacher Heide oder die Panzerwiese dieser Tage. Seit Corona ist das Flanieren und Schlendern verstärkt im Trend, das gute Wetter tut sein Übriges – „Wer recht in Freuden wandern will, der geh‘ der Sonn‘ entgegen“(Emanuel Geibel).

Beim Gehen geht alles besser

„Kein Wunder“, findet Lea Sauer von der Universität Siegen, die im letzten Jahr das Seminar „Flanieren in Siegen“ gegeben hat, „den Menschen zieht es raus.“ Er habe das (Grund)Bedürfnis zu sehen, zu verarbeiten, in Bewegung zu bleiben, für sich gesundheitlich vorzusorgen. Dass Spazierengehen diesen Effekt habe, sei ja nicht nur allgemein bekannt, sondern auch wissenschaftlich bewiesen – oder, um es mit Johann Gottfried Seume zu sagen: „Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“ Jetzt, in der Corona-Zeit, scheint das Schriftstellerwort aktueller denn je.

Der kurze Fußmarsch, so ist Sauer sicher, sei nämlich nicht nur deshalb zurzeit beliebt, weil es eine der wenigen Aktivitäten ist, die momentan überhaupt möglich sind, sondern biete auch rein psychologisch ein wichtiges Motiv: Indem das stetige Gehen den Menschen für kurze Zeit aus der zwanghaften Schlummerpause holt, wird er im wahrsten Sinne des Wortes in Gang gebracht. „Wir wollen vom Fleck kommen.“

Allegorien in der Literatur

Heraus aus dem monotonen Modus des Home-Office, hinein in neue Perspektiven, kreative Impulse, Entspannung und frische Gedankengänge, das sei also neben der sportlichen Betätigung ein Nebeneffekt, der sicherlich nicht zu vernachlässigen sei und der die Menschen in weite Flur vor der turbulenten Tristesse der Pandemie flüchten ließ. „Durch die Beobachtungen in der Natur, die frische Luft und das stetige Gehen schaffen wir uns neue Ressourcen.“ Sauer, die mit den Flaneur- und Spazierkonzepten von Baudelaire bis Büchner vertraut ist, erkennt dabei Parallelen zur Literatur. „Wir schaffen uns nicht nur körperlich einen neuen Raum, sondern auch im Kopf.“

Psychogramme der Innenwelt

„Nach innen führt der geheimnisvolle Weg“, wie in Ludwig Thieks Blüthenstaub, dabei allerdings am ehesten, wenn man sich alleine aufmacht, glaubt Sauer. Gerade das besinnliche, betrachtende, beschauliche Gehen a la Robert Walser – „Spazieren muss ich unbedingt, um mich und die Welt zu beleben und um die Verbindung zur lebendigen Welt aufrecht zu erhalten“ – verschaffe einem die Hinausreise über sich selbst, wie sie auch Søren Kierkegaard einst niederschrieb: „Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann.“

Aufbruch, Mühsal, Ankunft

Das stetige Gehen und Spazieren stehe dabei schon seit der Antike in literarischen Erzählungen großer Philosophen wie Seneca oder Platon für Aufbruch, Mühsal, Stillstand, Genuss und Ankunft – Wilhelm Meisters Wanderjahre lassen grüßen – und seien demnach als Kulturform stark verankert. Dabei galt seit jeher das konfuzianische Rezept, das das Spazierengehen während Corona einfasst: „Der Weg ist das Ziel.“

Viel Moderne in der Klassik

Allerdings, so die Expertin, habe der klassische Spaziergang in der derzeitigen Situation auch noch eine gänzlich neue Funktion bekommen – die des Corona-konformen, sozialen Mediums. Viele Menschen, so auch in der Region, nutzen den Fußmarsch an der frischen Luft nämlich nicht selten, um einen Freund oder eine Freundin zu treffen. Dass diese neue Art des Freunde-Treffens nach Lage der Schutzverordnung immer nur mit einem Haushalt funktioniert, kann die Expertin durchaus ins Positive drehen: „Manchmal gehen wir dann mit einem Freund sogar zwei oder drei Stunden. Das intensiviert die Beziehung, die geistige Intimität.“ So viel Zeit zum Gespräch im Gehen, glaubt sie, habe man sich vor Corona nicht gegönnt.

„Ich bin dann mal weg“

Das trendverstärkende dabei: Der Spaziergang zu zweit (und alleine) an der frischen Luft ist nicht nur erlaubt, sondern kann auch spontan unternommen werden, kostet nichts und braucht nicht mehr als ein „einfach losgehen“. Darin, so schrieb es schon Mark Twain, liegt sowieso der ganze Zauber: „Das Geheimnis des Vorwärtskommens besteht darin, den ersten Schritt zu tun“, und – immer dran denken – „Ist der Berg auch noch so steil, a bisserl was geht allerweil“ (österreichisches Sprichwort).

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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