Spirituelles Problem konstatiert

Schweizer Prof. Dr. W. J. Hollenweger sprach über Zusammenhang von Kirche und Medizin

sz Siegen. Er ist Ruhe und Bewegung zugleich. Man erlebt ihn mal extrovertiert, mal introvertiert, sprudelnd vor Lebendigkeit, müde, oft heiter lachend, sachlich-rational und manchmal auch mit Tränen in den Augen vor Ergriffenheit und Bewegtheit. Ein Berührbarer im mehrfachen Sinne. Die ganze Bandbreite der menschlichen Gefühle scheint dem Schweizer Professor Dr. Hollenweger, der kürzlich eine Veranstaltungsreihe mit dem Jugendreferat des Kirchenkreises Siegen eingeleitet hatte, vertraut zu sein.

Während normalerweise solcherlei Gegensätze in einer Person wenn nicht verwirren oder irritieren, so doch zumindest nervös machen, bilden sie in Hollenweger ein harmonisches Ganzes. Das Zusammenspiel der Gegensätze wirkt auf seine Zuhörerschaft provozierend und beruhigend zugleich. Genauso lautet seine Ansicht über die Bibel: »Die Bibel ist widersprüchlich in ihren Aussagen wie das Leben selbst und dennoch verlässlich. Es gibt keine zusammenfassende christliche Theologie, sondern in den verschiedenen Konfessionen verschiedene Gewichtungen der teils widersprüchlichen Aussagen.« Der Streit um die »eine Wahrheit« zeige, dass die Kirche kein Finanzproblem, sondern vielmehr ein spirituelles Problem habe.

»Der Gottesdienst ist nicht in erster Linie eine Lehrveranstaltung«, proklamierte der ehemalige Bankkaufmann an der Zürcher Effektenbörse weiter, »sondern ein Ort, wo wir an Leib und Seele heil werden können.« Hollenweger betont das Wirken des Heiligen Geistes in der gesamten Schöpfung, im rationalen Denken und in der Kunst. Auch nichtchristliche Religionen spart er nicht aus »Auch außerhalb der christlichen oder anderer Religionen wirkt Gott, schließlich gehört jeder Mensch zur Schöpfung Gottes und hat damit Teil an seinem Odem.«

Als Mitbegründer einer Schule an der Universität Birmingham für schwarze Arbeiterpfarrer und als Mitbegründer der 120 Bände »Studien zur interkulturellen Geschichte des Christentums«, kann Hollenweger auf fundiertes faktisches und theologisches Wissen sowie auf Erfahrungen aus persönlichen Begegnungen mit Menschen aller Länder zurückgreifen. Auf dieser Basis versteht es der reformierte Pfarrer, die aktuelle Lebenswirklichkeit der heutigen Menschen mit der Theologie zusammenzubringen.

»Es tut sich etwas in Kirche und Medizin«, hieß es im evangelischen Gemeindehaus St.-Johann-Straße. »Die Medizin wird zu teuer und die Kirche irrelevant.« Aus diesem Grund öffneten sich inzwischen Ärzte und Krankenhäuser in der Schweiz einer Zusammenarbeit mit traditionellen Heilerinnen oder Heilern, deren Erfolge zwar erwiesen sind, aber außerhalb der wissenschaftlichen Erklärungsmöglichkeiten ständen.

»In England arbeiten Tausende von Heilerinnen und Heilern verschiedener Richtungen in den öffentlichen Spitälern«, berichtete der Referent. »In diesem Team sind auch die Spitalpfarrer integriert.« In Neuchatel in der Schweiz bietet der Pfarrer an der Universitätsklinik vor der Operation einen Salbungsritus für Patienten und das Operationsteam an.

Aufgrund einer Statusanalyse über Kirche und Medizin hatten sich in Basel Ärzte, Pfarrer und außerschulmedizinische Heilerinnen zum öffentlichen Diskutieren, Feiern und Beten zusammengefunden. Salben und Heilen müssten normale Bestandteile des kirchlichen Lebens werden, war man sich einig. Der urchristliche Ritus des Salbens solle so, wie er von der anglikanischen Kirche in England schon ganz selbstverständlich in den Hospitälern »zum Leben« praktiziert wird, auch woanders angeboten werden.

Welche Folgen die intensive Salbungszeremonie mit den körperlichen Berührungsanteilen hat, kann man nie vorhersehen. Versprechungen im Vorhinein sind daher absolut tabu. »Es passiert aber immer etwas«, so Hollenweger aus eigener Erfahrung. »Angefangen von der seelischen Wohltat bis hin zu wahren Wunderheilungen ist alles möglich.« Ein System oder eine Methode, die Wirkung zu beeinflussen, gebe es nicht. »Gott wird uns immer wieder überraschen.«

»Es gibt so viele Menschen, die krank und traurig sind«, erläuterte der Theologe. Wenn es in der Bibel heiße: Alle Hilfe kommt vom Herrn, dann seien alle Bereiche betroffen, auch der Körper. Gerade das Heilen von Kranken solle deshalb zur Aufgabe der Kirche gehören und ebenso sollten Mediziner die spirituelle Kraft der Kirche in ihre Arbeit einbeziehen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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