Sprung im Teller und gerissenes Glas

Dieser Dosendruck in der Dose von Reinhold Koehler ist als Auflagenobjekt ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.  Foto: gmz
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gmz Siegen. Man meint wirklich, diese Dosen seien „echt“. So metallisch glänzen Reinhold Koehlers berühmte „Dosendrucke“ aus ihren Rahmen, so haptisch herausfordernd, also ungeheuer plastisch, treten die Falten, Vertiefungen und Markierungen der Konservenbüchsen dem Betrachter aus dem Abdruck entgegen. Zu sehen sind sie ab heute, 19 Uhr, im Kunsthandel Weiss, im Zusammenhang mit der „Kunst-Küche“.

Wie hat er das bloß gemacht? Dieser metallische Effekt geht weit über den normalen „Hell-dunkel-Effekt“ der Drucktechnik hinaus. Er ist täuschend – genial. Reinhold Koehlers Dosendrucke gehören sicher zu den wegweisenden Arbeiten der zeitgenössischen Kunst, mit denen der in Siegen lebende Künstler experimentierte, lange bevor „der Alltag“ Einzug in die Kunst anderer, auch überregional bekannterer Künstler hielt. Sein früher Tod im Alter von nur 50 Jahren hat Reinhold Koehler sicher um einen großen Teil seiner überregionalen und internationalen Etablierung gebracht. Das belegen auch die beiden Sandbilder, die Wolfgang Weiss in seiner Ausstellung zeigt (sie stammen aus der Sammlung Heinrich Vormweg, der mit Koehler eng befreundet war) und die in ihrer zufällig wirkenden, aber natürlich absichtsvollen Formung des eigentlich haltlosen Materials Sand faszinieren.

Überhaupt bestechen im gezeigten Werk Koehlers die Planung des Zufalls und sein Spiel mit dem „Feuer“ der Auflösung. So wie er in den Sandbildern das Feuer zur Gestaltung der Fläche zu nutzen scheint, so nutzt er die Bruchkanten planvoll „zerschmissener“ Teller, um eine gestufte Berglandschaft zu schaffen, deren geschichtete Balance ebenso zerbrechlich wirkt, wie sie Festigkeit suggeriert. In dem Décollage-Glasbild, in dem Koehler medizinische Fachtexte u. a. über die „Balance des Darmes“ und die „tragende Aufgabe“ der „Wirbelsäule“ zerschnitten und neu zusammengesetzt, übereinander geklebt hat, verbirgt er diese collagierten Texte unter einer Glasscheibe, der er spiralförmige Risse und Sprünge (teils an den Kanten bräunlich eingefärbt) zugefügt hat. Die „Urtier“-Anmutung und die unverständlich gewordenen, ursprünglich komplexen Texte ergeben ein klares Bild von der Unverständlichkeit des Alltags. Dem Alltag verleiht er mit seinen teilweise eingefärbten Dosendrucken (in der Ausstellung ist übrigens auch ein original „Druckstock“ zu sehen, zusammen mit dem dazugehörigen Druck) eine gewisse Poesie. Die technisch anmutenden Abwicklungen der Dosen-Zylinder und der Böden bzw. Deckel verbindet Koehler zu spannenden Balance-Akten: Ein Kreis, nicht überall ganz rund, trägt ein Rechteck, das einen Kreis trägt. Jede Bewegung könnte das Gebilde zum Einsturz bringen, aber die ungeheure Spannung der Einzelteile mit ihren Mustern, Faltungen oder Gebrauchsspuren und dem „verstärkten“ Zentrum in der Mitte der Böden sorgt für eine wenn auch prekäre Stabilität. Zart in Rot oder verschiedenen Orangetönen eingefärbte Druckstöcke unterstreichen die Zerbrechlichkeit der Konstruktionen.

Spinnt man diesen Gedanken weiter, ausgehend von der Tatsache, dass Reinhold Koehler Konservendosen verwendet hat, eine fortschrittliche Erfindung, die vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg Verbreitung fand, so könnte man leicht zu sehr kritischen Fragen kommen, die Reinhold Koehler an die umwelt-, die familien- und gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die in „der Dose“ Gestalt gewinnen, gestellt haben könnte … Das Gleichgewicht der Kräfte ist immer in Gefahr, gestört zu werden!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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