Straighter Sound hinter schweren Türen

Donnerstags wird in der JVA der »Jailhouse Rock« gespielt / Insassen-Combo nahm CD auf

Siegen. Die Jungs schlagen die härtere musikalische Gangart ein. Selten lupfen sie den Fuß vom Gaspedal. Der straighte Sound – eingängig soll er sein, damit der Funke schnell überspringt – geht in die Beine. Nicht umsonst heißt eine der selbstkomponierten Nummern »Vier Akkorde zum Erfolg«. Schaut-her-wie-toll-ich-bin-Saitengeschwurbel ist nicht ihr Ding. H.P.J.D. lassen es krachen, entpuppen sich als richtiges Power-Paket. Die Besetzung ist klassisch: zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Eng, wie hunderte andere vergleichbare Örtlichkeiten in der Republik, ist der Proberaum. Instrumente, Verstärker, ein paar Pullen Cola, Chipstüten, Zigarettenqualm. Auf den Drums steht allerdings nicht Sonor oder der Name der Combo sondern JVA Attendorn.– H.P.J.D. spielen den »Jailhouse Rock«. Und da kann der Musikfreak nicht einfach reinspazieren und sagen »Lasst mal hören, Jungs ...«

Es ist sicher einfacher in den Backstage-Bereich der Stones zu kommen, als zur Probe von H.P.J.D. in der Siegener Justizvollzugsanstalt (klingt irgendwie gar nicht nach Rock and Roll) am Unteren Schloss. Wenn die schwere Pforte hinter dem Besucher zugeschlagen ist, heißt es, Pass rausrücken, Handy einschließen. Dann drehen sich zig Schlüssel in eisernen Türen. Untersuchungshäftlinge– und Menschen, die bis zu zwei Jahre Strafe absitzen müssen, leben hier hinter dunkelgrünen Zellentüren. Klar, dass die Musik hier noch eine ganz andere Bedeutung hat, als draußen in der Freiheit.

Als Lydia Seidel, hauptamtliche Sozialarbeiterin der Siegener JVA, die letzte Tür öffnet, gibt es mächtig auf Ohren. Na klar, »if it's too loud you’re too old!« Und alt sind– sie – zwischen Mitte 20 und Mitte 30 Jahre jung – wahrlich nicht. Aber Musik gemacht haben sie schon immer. Im Chor gesungen, mit zehn begonnen, Gitarre zu spielen. Wie das eben so ist. Außer dem Drummer. Den haben sie hier im Proberaum erst so richtig in Form gebracht. Dafür schwingt der aber nicht nur die Schlagzeugstöcke, sondern auch die Kochlöffel. Ein vielseitiges Talent also. Was die Herren gourmettechnisch bevorzugen, ist nicht bekannt. Musikalisch schon. D.: »Von den Stones über AC/DC bis zu den Onkelz spielen wir alles.« 50 Prozent des Materials sind übrigens Eigenkompositionen. Auch ein Beleg für die Kompetenz –der Jailhouse-Rocker.

Unlängst haben H.P.J.D. übrigens ihre erste CD mit eigenen Stücken und Coverversionen von Metallica und den Onkelz eingespielt. Im Proberaum hinter Gittern – und der Titel lautet der Örtlichkeit angemessen– »Tales from Jail«. Märchen aus dem Knast... Ein Märchen ist es vielleicht– nicht gerade, aber sicher auch kein alltägliches Ereignis, dass in einer Justizvollzugsanstalt hart gerockt wird. Da sind die Siegener durchaus Vorreiter. Dank Julian Rosenbach. Der ist nämlich nicht nur das J. von H.P.J.D., sondern auch Sozialarbeiter im Anerkennungsjahr. Und als Bassist auch außerhalb der JVA aktiv. Da es verständlicherweise gerne gesehen wird, wenn die angehenden Sozialarbeiter eigene Programme anbieten, lag es für Rosenbach natürlich nahe, die Zellen zum Klingen zu bringen.

Bassmann Julian machte einen Aushang, und es meldeten sich Interessenten. Sicherlich gehörte Glück dazu, dass mit P. und D. (»Wir wollen auch später gemeinsam was mit Musik machen!«) zwei profilierte Cracks zur Stelle waren. Seit Mitte September 2002 wird immer donnerstags geprobt. Die Aufnahme der CD (leider nicht im Handel erhältlich) bildete jetzt den Höhepunkt, aber auch den Abschluss der H.P.J.D.-Story. Zwei der Musiker werden nämlich in den kommenden Tagen entlassen. Viel Glück und alles Gute! Das gilt aber auch für das Projekt »Jailhouse Rock«.– Dringend gesucht: Gitarrist und Drummer. Vielleicht gibt es ja in einem Jahr neue »Tales from the Jail«. »Denn die Musik«, bekräftigen die drei, »ist sehr wichtig.« Let it rock!

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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