"Catcallsofsiegen" geht mit Kreide gegen sexuelle Belästigung vor
Straßen der Stadt zurückerobern

Unter dem Hashtag #ankreiden veröffentlichen die Aktivistinnen Fotos von den Orten, an denen Frauen sexuell belästigt und beleidigt wurden.
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  • Unter dem Hashtag #ankreiden veröffentlichen die Aktivistinnen Fotos von den Orten, an denen Frauen sexuell belästigt und beleidigt wurden.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sabe Siegen. Während ich im Außenbereich des Extrablatts saß, konnte ich nicht eine Minute lang ruhig sitzen und wurde minutenlang von einem Mann bedrängt. Nach der zehnten Ablehnung sagte er zu mir: „Ich hau‘ dir auf die Fresse, du kleine Schlampe.“
Scrollt man durch das Instagram-Profil „catcallsofsiegen“, erhält man ein Archiv der Verstörung. Vor allem, weil es Alltag ist, was acht junge Frauen aus Siegen dort dokumentieren. In Text und Bild prangern sie sogenannte „Catcalls“ an, sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum, die sich vor allem gegen Frauen richten. Zum Repertoire gehören Kuss-, Zisch- und Pfeifgeräusche – Laute also, mit denen man tatsächlich Katzen anlocken könnte –, aber auch provokative Sprüche und sexuelle Erniedrigungen. Der Tatort: die Straße. Die Täter: meist Männer.

Die Aktivistinnen "kreiden an"

„Sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit sind auch in unserer Stadt Realität“, sagt Soph aus Siegen. Sie ist Teil des Zusammenschlusses, der Anfeindungen dieser Art von Betroffenen über Instagram sammelt und dann mit Kreide durch Siegen zieht, um sie an genau diese Straßenecken zu schreiben, wo sie passiert sind. Später fotografieren die jungen Aktivistinnen ihr Werk und veröffentlichen es wiederum auf Instagram. „Ankreiden“ nennt Soph diese Aktion, die ihren Ursprung in New York hat, mittlerweile aber von Frauen weltweit mitgetragen wird. Die Motivation dahinter: sensibilisieren, sichtbar machen, Statements setzen. „Die Sprüche und Übergriffe spielen sich zwar in aller Öffentlichkeit ab, werden aber dennoch oft überhört und übersehen“, sagt Soph, die nicht umsonst anonym bleiben will.
Tatsächlich sind die Ankreiderinnen selbst nämlich schon übel angegangen worden. Nicht jeder sieht es anscheinend gerne, wenn die Frauen sich die Straße zurückerobern – oder, nächste Variante: manche, „meist Männer“, verharmlosen die Sprüche als Schmeicheleien. „Wie du dich anziehst, willst du das doch!“ – Alles Komplimente?

Catcalls: unangenehm und beängstigend

Soph hat dafür eine einfache Regel. „Umgekehrt würde ich zu einem Mann ja auch nicht sagen: ‚Hey, lach doch mal.’ Denn es geht niemandem etwas an, ob ich lache oder nicht.“ Diese Bewertungs- und Kommentierungskultur sei eine geschlechtsbezogene, sagt sie, gewachsen aus einem männlichen Machtgefühl, aus dem sich die vermeintliche Legitimation des „Catcallings“ speise.
Wie unangenehm und beängstigend diese Situationen dann allerdings für die Opfer sind, darüber, so sagt Soph, mache sich der „Catcaller“ wenig Gedanken. Auf Instagram aber kann man spüren, wie verzweifelt, wütend oder verängstigt junge Frauen aus solchen verbalen Attacken herauskommen. „Ich habe es nicht geschafft, Konter zu geben, weil ich so schockiert war und sie in der Überzahl waren“, schreibt eine Followerin, die aus der Oberstadt kommend von einer angetrunkenen Männergruppe angegangen wurde. Einer habe versucht, sie zu küssen.

Nicht die Frau ist Schuld

Soph und der ganzen Gruppe ist dabei wichtig, die „Gecatcallten“ aus der Verantwortung zu ziehen. Nicht die junge Frau ist schuld, wenn sie mit kurzem Rock nach Einbruch der Dunkelheit durch Siegens Straßen läuft, sondern der, der übergriffig wird, der denkt, die Straße als öffentlicher Raum sei sein Revier. Mit dem Ankreiden, sagt Soph, gehe es demnach auch darum, sich die Straße ein Stück weit wieder zurückzuerobern.

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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