Subtiles Kammerspiel

Unheimlich-geheime Abhörsituation: Luc Feit als Stasi-Scherge Wiesler.  Fotos: aww
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aww Siegen. Stasi-Hauptmann Wiesler sitzt auf dem Dachboden und lauscht. Das, was unter ihm vor sich geht, da, wo der Schriftsteller Georg Dreyman und die Schauspielerin Christa-Maria Sieland ihr Leben, „Das Leben der Anderen“, leben, das kann er nur hören. Auch das Publikum am Montagabend im voll besetzten Siegener Apollo-Theater muss in erster Linie gut zuhören. Ihm wird die Handlung erzählt. Die Bilder dazu muss es sich, ähnlich wie man es sich bei Wiesler vorstellen könnte, im Kopf ausmalen. In vier breit angelegten Monologen der beteiligten Personen bekommen die Zuschauer/-hörer Einblicke in die Abgründe dieser berührenden Geschichte um Liebe, Machtmissbrauch, Repression, Emotion, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Unrecht, Egoismus …

Eigentliche Bühnenhandlung gibt es in Albert Ostermaiers Theaterversion von Florian Henckel von Donnersmarcks mit höchsten Auszeichnungen bedachtem Film „Das Leben der Anderen“ wenig, kaum einmal begegnen sich zwei Figuren auf der Bühne. Das Stück, das erst Ende September im luxemburgischen Théâtre des Capucins seine Premiere und am Tag der deutschen Einheit in Lingen seine Erstaufführung hierzulande erlebte (Produktion: Euro-Studio Landgraf), ist vielmehr ein psychologisch subtiles Kammerspiel, das das Publikum mitnimmt in die inneren Erlebniswelten der Protagonisten. Dem Theaterbesucher obliegt es, ihre Gefühle, jene Motivationen und Triebfedern für Handlungen, mitzuempfinden, nachzuvollziehen.

Da ist der DDR-Kulturminister Hempf, eine elende Mischung aus Prahlhans und armem Würstchen, der der Schauspielerin Christa-Maria Sieland verfallen ist und es nicht erträgt, als sie ihn, der im Hotelzimmer wartet, versetzt. Skrupellos spielt er seine Macht aus, lässt sie festnehmen. Schon zuvor hatte er den „Lauschangriff“ auf den Autoren Dreyman initiiert, der freilich der Lebensgefährte der Schauspielerin und somit sein Konkurrent ist. Erbärmlich, wie Hempf (angemessen unsympathisch und fies dargestellt von Germain Wagner) im Hotelzimmer jede Handlung der überwachten Schauspielerin versucht, zu seinen Gunsten auszulegen, bis er endlich der Wahrheit ins Gesicht blicken muss.

Da ist Christa-Maria Sieland, „die schönste Perle der Deutschen Demokratischen Republik“, die immerhin ihr Gewissen plagt ob des Verrats, den sie an Dreyman begangen hat, die nichtsdestotrotz letztlich ebenso egoistisch motiviert handelt wie der Minister, denn ein Berufsverbot kann sie sich nicht vorstellen – sie braucht die Bühne. „Ich muss spielen, ich kann doch nicht anders als spielen.“ Sie sucht nach Ausflüchten, nach Entschuldigungen, von denen sie weiß, dass es sie nicht gibt. Den Zwiespalt, die tiefe Verzweiflung bringt Petra Zwingmann, dem Siegener Publikum bekannt durch verschiedene Apollo-Eigenproduktionen, ausdrucksstark auf den Punkt.

Da ist Gerd Wiesler, der Stasi-Scherge mit der widerwärtigen Aufgabe, andere Leute in ihrem Privatleben und ihrer Intimsphäre zu belauschen, dem mit der Zeit Skrupel kommen. Mit Haut und Haar, so sagt er rückblickend, habe er sich dem Dienst verschrieben, sich selbst in Haft genommen, wie er andere in Haft nahm. Doch da gibt es „die Macht der Liebe, die die Liebe zur Macht vergessen macht“. Auch er ist innerlich zerrissen, so sehr, dass er einen „Operativen Vorgang“ gegen sich selbst einleitete, sich selbst bespitzelte, sich sogar im Schlaf auf Tonband aufnahm. Er, der einsame Mann auf dem Speicher … Wer den Film gesehen hat, wird unwillkürlich Ulrich Mühe vor Augen gehabt haben. Der Luxemburger Luc Feit hat angesichts dieser brillanten Vorlage eine schwere Aufgabe – er meistert sie mit Bravour, spielt eindringlich (und lässt sich auch von einem allzu aufdringlichen Handyklingeln nicht aus dem Konzept bringen).Da ist schließlich der Schriftsteller Georg Dreyman, der nun, 20 Jahre nach dem Mauerfall, pleite und mit seinem Verleger uneins, auf die Scherben seines Lebens blickt. Seine Gefühle schreit er nur so hinaus (gekonnt hysterisch: Carsten Klemm), ist nahe dran, sich umzubringen. Vier Monologe, vier Perspektiven, die sich nach und nach puzzleartig zu einem Gesamtbild fügen. Ein tiefgehendes Stück, das die Konzentration des Publikums forderte, das keinesfalls hätte länger sein dürfen, das aber dank der kompetenten Akteure den anhaltenden Applaus verdiente.

Unheimlich-geheime Abhörsituation: Luc Feit als Stasi-Scherge Wiesler.  Fotos: aww
Petra Zwingmann spielte die Schauspielerin Christa-Maria Sieland.
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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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