SZ

Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt
Täter lernen Empathie und Verantwortung

Im Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt lernen die Täterinnen und Täter, ihre eigenen Risikofaktoren besser erkennen und letztlich Verantwortung für sich und ihre Angehörigen übernehmen zu können und dabei Empathie zu entwickeln.
2Bilder
  • Im Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt lernen die Täterinnen und Täter, ihre eigenen Risikofaktoren besser erkennen und letztlich Verantwortung für sich und ihre Angehörigen übernehmen zu können und dabei Empathie zu entwickeln.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Katja Fünfsinn (Redakteurin)

goeb Weidenau. Es sind nicht unbedingt Verurteilte, die bei Nicole Sigmund und ihrer Kollegin beim Verein „Brücke Siegen“ anklopfen, um am Kurs teilzunehmen. „Oft ergibt sich ein Kontakt über das Jugendamt“, berichtet sie. Aber es sind auch Männer dabei, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten und vom Gericht bereits verurteilt worden sind. Als Auflage erhalten sie von der Justiz dann u. a. eine verpflichtende Teilnahme am TVHG. So lautet die Abkürzung für das Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt. Die „Brücke Siegen“, seit 1982 als gemeinnützig anerkannter Verein in der Sozialen Arbeit, der Strafrechtspflege und der Prävention von (Jugend-) Kriminalität tätig, ist seit September 2016 auch Träger für das TVHG. „Das ist eine faszinierende Arbeit“, bilanziert Nicole Sigmund, Dipl.

goeb Weidenau. Es sind nicht unbedingt Verurteilte, die bei Nicole Sigmund und ihrer Kollegin beim Verein „Brücke Siegen“ anklopfen, um am Kurs teilzunehmen. „Oft ergibt sich ein Kontakt über das Jugendamt“, berichtet sie. Aber es sind auch Männer dabei, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten und vom Gericht bereits verurteilt worden sind. Als Auflage erhalten sie von der Justiz dann u. a. eine verpflichtende Teilnahme am TVHG. So lautet die Abkürzung für das Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt. Die „Brücke Siegen“, seit 1982 als gemeinnützig anerkannter Verein in der Sozialen Arbeit, der Strafrechtspflege und der Prävention von (Jugend-) Kriminalität tätig, ist seit September 2016 auch Träger für das TVHG. „Das ist eine faszinierende Arbeit“, bilanziert Nicole Sigmund, Dipl.-Sozialpädagogin mit Zusatz-Qualifikation. „Der Bedarf“, sagt sie, „ist groß. Viel größer, als man denkt.“ Die Männer, die tätlich geworden sind gegen ihre Frauen, Kinder oder sonstigen Familienangehörigen, kommen oft zunächst mit großer Skepsis zu den Treffen, zu deren Teilnahme sie die Richterin oder der Richter verpflichtet hat.

Der Bedarf ist groß. Viel größer als man denkt.
Nicole Sigmund
„Brücke Siegen“

„Es sind ganz unterschiedliche Menschen“, berichtet Nicole Sigmund. Sie üben ganz verschiedene Berufe aus, besitzen einen ganz verschiedenen Intellekt, und auch das Alter ist breit gestreut. Wobei man schon sagen kann, dass das Gros, das die Räumlichkeiten an der Weidenauer straße 165 in Weidenau aufsucht, zwischen 20 und 40 Jahren alt ist. Wobei: „Ab Februar dieses Jahres haben wir auf ein Online-Angebot umgestellt“, präzisiert Nicole Sigmund und ergänzt: „Die Umsetzung funktioniert besser als gedacht, auch wenn wir in Telefonaten und Videokonferenzen nicht alle Methoden anbieten können.“
Weil die im vergangenen Jahr bezogenen neuen Räume mehr Platz bieten und man Luftreiniger zur Verfügung hat, kann sogar mit kleineren Gruppen nach Bedarf in Präsenz gearbeitet werden.
Was ist das für eine Klientel? Die Täter haben oftmals nur begrenzte Fähigkeiten, ihre Konflikte ohne Gewalt zu lösen, skizziert die Sozialpädagogin. „Sie haben zu Beginn oft auch große Vorbehalte gegenüber Hilfsangeboten. Die Vorstellung, sich in einer Gruppe zu öffnen, fällt den Teilnehmern häufig schwer“, schildert sie. Aber: „Erfahrungsgemäß finden sie sich schnell zurecht und nehmen das Angebot aktiv an.“

Verhaltensveränderung der Teilnehmer

Manch einer wird zuvor nie die Möglichkeit gehabt haben, über seine Probleme zu sprechen. „Plötzlich merkt er: Andere haben ja genau die gleichen Probleme wie ich.“ Zwar finde viel Dynamik in der Gruppe vis-à-vis statt, beobachtet Nicole Sigmund immer wieder. „Und das können wir online natürlich nicht ersetzen. Aber die Distanz ist für einige auch nicht schlecht, um hereinzufinden.“ „Im Blickpunkt steht eine Verhaltensveränderung der Teilnehmer“, schildert Nicole Sigmund. Und zwar nachhaltig: Wer die Mechanismen erkennt, die zum Kontrollverlust geführt haben, wird sich nicht so leicht noch einmal in eine solche Situation begeben. „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht.“ 20 bis 25 Fälle übernehmen Nicole Sigmund und ihr Kollege Jochen Becker pro Jahr. „Das sind insgesamt 25 Termine à zwei Stunden.“ Nicht alle halten das gewaltzentrierte und konfrontative Unterstützungsangebot durch bis zum Schluss, setzt sie hinzu. Die meisten aber schon.

Wichtiger Beitrag zum Opferschutz

Die Täterarbeit leistet somit einen wichtigen Beitrag zum Opferschutz. Es ist ein Geben und Nehmen: Der Staat gewährt den Männern die Möglichkeit, sich zu verbessern, er nimmt sie aber auch in die Pflicht. „Denn es gibt für sie alternative Handlungsmöglichkeiten. Das lernen sie hier bei uns.“
Sie sollen eigene Risikofaktoren besser erkennen und letztlich Verantwortung für sich und ihre Angehörigen übernehmen lernen und dabei Empathie entwickeln. Sie erhalten im Training die Möglichkeit, ihr bisheriges Verhalten in partnerschaftlichen Beziehungen zu reflektieren und neue gewaltfreie Reaktionsmuster einzuüben. 

Bis zu einem Jahr im Kurs

Häusliche Gewalt ist ein Verstoß gegen das Verfassungsrecht des Menschen auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Es sind ganz verschiedene Wege, die die Teilnehmer zur Weidenauer Straße 165 führen: Vielleicht sieht ein Familiengericht eine Kindeswohlgefährdung und verpflichtet den Vater zur Teilnahme. Auch Staatsanwaltschaften können Beschuldigte im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens zur Kursteilnahme verpflichten. Schließt der Täter das Programm ab, erfolgt in der Regel keine weitere Sanktion. Bricht er ab oder wird er von der Teilnahme ausgeschlossen, soll gegen ihn Anklage erhoben werden. Hinzu kommt die präventive Wirkung bezüglich weiterer Gewalthandlungen, besonders bei Kindeswohlgefährdungen. Die Teilnehmer, die über die Weisung einer Staatsanwaltschaft in die Programme gelangen, sind in der Regel Beschuldigte eines Ermittlungsverfahrens wegen Körperverletzung. Die gesetzlichen Möglichkeiten wurden 2013 weiter verbessert. So ist es den Staatsanwaltschaften möglich, Täter bzw. Täterinnen bis zu einem Zeitraum von einem Jahr zur Teilnahme an einem sozialen Trainingskurs zu verpflichten statt wie bisher nur zu einem halben Jahr. Daneben kann diese Vorgehensweise zur Haftvermeidung beitragen und die Strafjustiz entlasten.

Häusliche Gewalt hat zugenommen

Auch die Siegener Zeitung berichtete mehrfach über die Zunahme der häuslichen Gewalt unter Bedingungen der Pandemie. In NRW, so zeigt die aktuelle Statistik, stieg die Zahl der gemeldeten Delikte um 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (29 155 Fälle). Im vergangenen Jahr sind 44 Menschen an den Folgen häuslicher Gewalt gestorben in Nordrhein-Westfalen. 70 Prozent der Opfer waren weiblich. Zur Anzeige kamen einfache Körperverletzung (64 Prozent), gefolgt von schwerer und gefährlicher Körperverletzung (14,3 Prozent) und Bedrohung 88,8 Prozent). 4,5 Prozent der Fälle drehten sich um sexuellen Missbrauch von Kindern oder Misshandlungen.

Im Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt lernen die Täterinnen und Täter, ihre eigenen Risikofaktoren besser erkennen und letztlich Verantwortung für sich und ihre Angehörigen übernehmen zu können und dabei Empathie zu entwickeln.
Nicole Sigmund und Jochen Becker, beide Sozialpädagogen mit Zusatzqualifikation, sind bei der „Brücke Siegen“ für den Bereich „Training zur Vermeidung Häuslicher Gewalt“ (TVHG) zuständig.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Spar-Abo der Siegener Zeitung
Schnell abonnieren und bares Geld sparen!

Das Abonnement der Siegener Zeitung ist der bequemste Weg, um jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten aus Siegen, dem Siegerland, Wittgenstein, Altenkirchen und Olpe zu in kompakter Form zu lesen ‒ als gedruckte Zeitung direkt aus dem Briefkasten oder als digitale Version in Form eines E-Papers. Das E-Paper lesen Sie bequem am PC oder ganz mobil mit unserer App für Android und Apple. Schnell Abo buchen und bares Geld sparenSchnell sein lohnt sich jetzt, denn je früher Sie bestellen, desto mehr...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen