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Corona verschärft die Lage
Tausende Studierende leiden unter Armut

Viele Studenten leben von der Hand in den Mund, sie müssen am Ende ihres Studiums immense Kredite abbezahlen.
  • Viele Studenten leben von der Hand in den Mund, sie müssen am Ende ihres Studiums immense Kredite abbezahlen.
  • Foto: Sarah Benscheidt
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

sabe Siegen. „Mir ist das peinlich“, sagt Simon F.. „Richtig unangenehm“, murmelt er leise, aber mit Nachdruck, während er seine abgetragene Beanie vom Kopf nimmt und sich die Hände am Café-Creme wärmt. „Zuhause gibts nur Filterkaffee“, sagt er. „Den von ,Ja’.“ Und das auch nur, wenn sein Mitbewohner eine Tasse für ihn mit aufgießt. Er selber, sagt er, kaufe sich selten Kaffee. „Dafür lieber ’ne Packung Nudeln. Davon wird man wenigstens satt.“ Er lacht, gibt sich scherzend. Schnell wird aber im Laufe des Gespräches klar: Die Selbst-Satire ist Schutz, allerdings ein sehr reflektierter: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“, zitiert der Physikstudent Joachim Ringelnatz. In der Freizeit ließt er gern, schaut alte Filme. „Das lenkt mich ein wenig ab.

sabe Siegen. „Mir ist das peinlich“, sagt Simon F.. „Richtig unangenehm“, murmelt er leise, aber mit Nachdruck, während er seine abgetragene Beanie vom Kopf nimmt und sich die Hände am Café-Creme wärmt. „Zuhause gibts nur Filterkaffee“, sagt er. „Den von ,Ja’.“ Und das auch nur, wenn sein Mitbewohner eine Tasse für ihn mit aufgießt. Er selber, sagt er, kaufe sich selten Kaffee. „Dafür lieber ’ne Packung Nudeln. Davon wird man wenigstens satt.“ Er lacht, gibt sich scherzend. Schnell wird aber im Laufe des Gespräches klar: Die Selbst-Satire ist Schutz, allerdings ein sehr reflektierter: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“, zitiert der Physikstudent Joachim Ringelnatz. In der Freizeit ließt er gern, schaut alte Filme. „Das lenkt mich ein wenig ab.“

Mit 600 Euro BAföG über die Runden kommen

Simon F. sieht man sie nicht an, die Armut. Sieht nicht, dass er im Supermarkt immer nur nach den günstigsten Spagetti greift. Sieht nicht, dass er vor einem Jahr seinen kleinen Polo verkauft hat, auf den er so lange gespart hatte, „um zumindest irgendwie über die Runden zu kommen.“ Die abgelaufenen Chucks, die verwaschene Jeans – dahinter steckt kein latent studentischer Hippigruß, sondern ein gähnend leerer Geldbeutel. Shoppen? Luxus. Ausgehen? Nicht drin. Urlaub? Undenkbar.
„Das hab’ ich mir alles ein bisschen anders vorgestellt, als ich das Studium begonnen hab.“ Seine Eltern, beide Geringverdiener, könnten nicht unterstützen. Klar, er bekomme BAföG. „Aber was sind 600 Euro im Monat, wenn davon die Hälfte für die Miete drauf geht?“ Eine Frage, die sich nicht nur Simon F., stellen dürfte: Mehr als jeder zehnte Studierende hat, einer Umfrage folgend, monatlich weniger als 600 Euro zur Verfügung. Tausende Studierende leiden demnach deutschlandweit unter Armut – und das nicht erst seit Corona, wie auch Simon F. erzählt. Allerdings: Die Pandemie habe die Schieflage „richtig verschärft“. Sein Nebenjob in einem kleinen Restaurant in der Innenstadt sei stillgelegt. Auch die Nachhilfe, die er sonst anbiete, laufe schlecht. „Viele haben halt Angst.“

Programm des Bildungsministerium ist ausgelaufen

Die Überbrückungshilfen, die das Bundesbildungsministerium (BMBF) für Studierende in Pandemie-bedingten Notlagen auf den Weg gebracht hat, hat Simon F. in Anspruch genommen. Er hat Glück gehabt, sein Antrag ist durchgegangen. „Ich kenne auch einige, bei denen das nicht geklappt hat und ich weiß, die hätten die Kohle dringend gebrauchen können.“
Die Soforthilfen des BMBF setzten sich aus längerfristig angelegten KfW-Studienkrediten (zinslose Darlehen), die bis zum 31. März 2021 beantragt werden können, und aus der kurzfristigen Möglichkeit zusammen, für die Monate Juni, Juli, August und September dieses Jahres jeweils einen (nicht zurückzuzahlenden) Zuschuss bis zu 500 Euro beim Studentenwerk vor Ort beantragen zu können. Das Programm ist ausgelaufen. Der Blick auf die (abgelehnten) Anträge auf Überbrückungshilfe untermauert Not und Notwendigkeit: Rund 237 000 Anträge sind bei den Studentenwerken eingegangen. Mehr als 135 000 Studierende kamen bereits in den Genuss der Hilfe, zwei Drittel erhielten die Höchstsumme. Insgesamt wurden so 61,6 Millionen Euro ausgezahlt.

Viele Studierende aus Siegen in dauerhaft prekärer Lage

Das Studierendenwerk Siegen beobachtet einen ähnlichen Verlauf: In den vorgesehenen Monaten wurden insgesamt rund 12 000 Mal Überbrückungshilfen (Monatsbeträge) ausgezahlt. Die Antragszahlen sind dann seit dem Start der Hilfen kontinuierlich rückläufig gewesen.
Also: Doch kein Bankrottalarm bei der angehenden Bildungselite? Ganz so einfach geht die Rechnung leider nicht, wie die Uni auf Anfrage der SZ erklärt: „Die Studierendenwerke, die mit der Bearbeitung der Anträge betraut waren, haben eine nicht Pandemie-bedingte, strukturelle Notlage von Studierenden festgestellt.“ Das heißt im Klartext: Bei mehr als der Hälfte der abgelehnten Anträge sei bei den Studierenden nämlich eine eindeutige finanzielle Notlage ersichtlich gewesen, die allerdings schon vor Corona bestanden habe. Sie sind in einer dauerhaft prekären Notlage, da hilft auch keine Überbrückungshilfe.

Hilfe und Unterstützung Studenten und Studentinnen, die in finanzielle Notlagen geraten sind, will die Universität Siegen durch verschiedene Konzepte und Projekte stützen. Anfang Mai wurde hierzu beispielsweise gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde und Förderer und dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) die Spendenaktion „Siegen hilft Studierenden“ gestartet, um ein Zeichen für gelebte Solidarität zu setzen. Das Ergebnis: Mehr als 46 000 Euro sind durch Spenden zusammengekommen, sodass mehr als 100 Studierende mit Einmalzahlungen in Höhe von jeweils 450 Euro unterstützt werden konnten. Außerdem beschäftige die Universität momentan mehr als 500 studentische Hilfskräfte und böte diesen so als Arbeitgeber ein verlässliches Einkommen, erklärt Pressesprecher André Zeppenfeld auf SZ-Anfrage. Außerdem gebe es – neben den oft bekannten Bildungsfinanzierungen wie dem BAföG oder anderen Kreditaufnahmen, weitere Möglichkeiten der Studienfinanzierung beim Erfüllen bestimmter Parameter, wie etwa den sogenannten Härtefallantrag. Darüber hinaus bietet die Universität Siegen psychologische Beratungsgespräche und regelmäßig Workshops zu verschiedenen Themen an, um Studierende zu unterstützen. „In Notlagen können sich Studierende außerdem an die Sozialberatung des AStA wenden“, so André Zeppenfeld.

Das Armutsrisiko unter Studenten – unabhängig von Corona – Simon F. kennt das. Von sich selbst, von Kommilitonen. Die Abhängigkeit der Bildungsfinanzierung vom Einkommen der Eltern sieht er dabei als größtes Problem. „Viele fallen bei dem Modell BAföG durchs Raster.“ Große Probleme hätten die, deren Eltern für den Höchstsatz zu viel und für die volle Finanzierung zu wenig verdienten. F. weiter: „Ich habe jetzt schon Bauchschmerzen, wenn ich an die Summe denke, die ich nach dem Studium zurückzahlen muss.“ BAföG, klar. Jetzt kommt noch der Studienkredit hinzu. Den habe er eigentlich nicht aufnehmen wollen, sagt er. „Die jetzige Lage hat mich aber dazu gezwungen.“

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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