Therapie als Auflage

pebe Siegen. Wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen wurde gestern ein 51-jähriger Kreuztaler von der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Siegen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt. Die Strafe setzte das Gericht jedoch für drei Jahre zur Bewährung aus. Außerdem muss der 51-Jährige dem Sohn seiner früheren Lebensgefährtin ein Schmerzensgeld von 3000 Euro bezahlen. Zudem muss er während der Bewährungszeit eine Therapie beginnen. Dem hatte der 51-Jährige vorher zugestimmt.

Dem Angeklagten war zur Last gelegt worden, seine damalige Freundin während eines Streits gewürgt und am Auge verletzt zu haben. Schwerer wog jedoch der Vorwurf, er habe dem Sohn der Frau mit einem Messer einen tiefen Schnitt an der Hand versetzt – mit langwierigen Folgen (die SZ berichtete mehrfach). Die Anklage war auf dem Tisch der Kammer gelandet, weil die Frage im Raum stand, ob der 51-Jährige möglicherweise in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden müsse. Dies hatte jedoch ein psychiatrischer Sachverständiger im Verfahren nicht ausdrücklich bejaht. Vielmehr wies er nur darauf hin, der Angeklagte bedürfe dringend einer Therapie, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Wolfgang Münker stellte auf´grund der Hauptverhandlung fest, dass der Angeklagte bei einem lebensgefährlichen Motorradunfall in jungen Jahren ein Schädel-Hirn-Trauma davongetragen habe. Die Folge dessen: eine „organische Persönlichkeitsstörung“, die den 51-Jährigen zu dem gemacht habe, der er jetzt sei: „Er ist ein Mann, der ein Strafgericht zur Verzweiflung bringen kann.“ Sein Verhalten – Abwesenheit, Desinteresse am Verhandlungsgang, ausufernde Erklärungen, die sich längst nicht immer auf die Sache bezogen – sei aber Folge seiner Erkrankung.

Diese, so Münker, mache auch die Ereignisse im Jahr 2008 verständlich. Er habe sich sozial zurückgezogen, auf die Familie seiner Lebensgefährtin konzentriert. Sein Verständnis seiner Mitverantwortung im Alltag sei von den anderen jedoch als ein „Drangsalieren“ erlebt worden. Die „gestörte Impulskontrolle“des 51-Jährigen habe immer mehr zu Streitigkeiten geführt, die letztlich in den angeklagten Taten mündeten.

Die Kammer ging in beiden Fällen von minderschweren Fällen aus, beim Übergriff auf die Lebensgefährtin sei die Auswirkung der Tat nicht so gravierend gewesen, beim Übergriff auf den jungen Mann spiele besonders die eingeschränkte Schuldfähigkeit eine Rolle.Für Staatsanwalt Stephan Krieger bestand zuvor in seinem Plädoyer „kein Zweifel“, dass die Vorfälle sich wie angeklagt zugetragen hätten. Die Zeugen, besonders die Geschädigten, hätten keine Belastungstendenz gezeigt. Aufgrund seiner Erkrankung sei der Angeklagte zwar in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, aber nicht schuldunfähig. Minderschwere Fälle nahm Kreiger nicht an. Er forderte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die jedoch trotz Bedenken und einer einschlägigen Vorstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden solle. Denn eine Wiederholungsgefahr sei nicht anzunehmen. „Er braucht aber eine enge Betreuung.“ Für den verletzten jungen Mann als Nebenkläger schloss sich Rechtsanwältin Bagdat Kerman (Dortmund) dem Antrag Kriegers an und wies darauf hin, dass ihr Mandant heute noch physisch und psychisch unter dem Vorfall leide.Einen anderen Argumentationsweg beschritt Verteidiger Wilhelm Weinknecht. Er forderte nämlich einen Freispruch für seinen Mandanten im Fall des Übergriffs mit dem Messer und eine Einstellung des zweiten angeklagten Falls. Weinknecht skizzierte den 51-Jährigen als „Siegerländer Patriarchen“ mit einem „restlos missglückten“ Stiefvater-Stiefsohn-Verhältnis. Mit Blick auf die Taten stehe Aussage gegen Aussage. So könne es sein, dass beide Männer „in etwas reigeraten sind, das zur Verletzung führte“, der junge Mann also nach dem Messer gegriffen und nicht etwa eine Abwehrbewegung vollzogen habe. Und mit Blick auf den zweiten Fall meinte Weinknecht, hier sei nicht von einer Lebensgefahr für die frühere Freundin des Angeklagten auszugehen, auch blieben Zweifel an der Atemnot der Frau. Überhaupt, „es bleiben Zweifel, mir reicht das nicht für eine Verurteilung“.In seinem langen letzten Wort versuchte der Angeklagte das Gericht noch einmal davon zu überzeugen, dass er nichts von alledem gewollt habe. Es habe sich um Unfälle gehandelt. Müdigkeit und Resignation schwang mit, als er, mit Blick auf die dauernden Streitigkeiten und Missverständnisse der früheren Jahre, meinte; „Ich bin es leid.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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