Thilo Sarrazin als Störfaktor

Um einen geplanten Vortrag von Thilo Sarrazin gibt es bereits im Vorfeld Streit an der Uni Siegen. Foto: Archiv
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ihm - „Ich finde es perfide, dass die Universität mir unterstellt, ich wolle rechte Propaganda betreiben!“ Dr. Dieter Schönecker, Professor für Philosophie an der Universität Siegen, hat mit seinem Seminar „Denken und denken lassen. Zur Philosophie und Praxis der Meinungsfreiheit“ im gerade begonnenen Wintersemester einen tiefgreifenden Konflikt ausgelöst. Grund: Schönecker hat SPD-Mitglied Thilo Sarrazin und den AfD-Bundestagsabgeordneten Marc Jongen zu Vorträgen eingeladen.

Die Universität veröffentlichte am Montag auf ihrer Homepage eine Stellungnahme zu den Veranstaltungen, die schon vor Wochen vom AStA der Uni heftig kritisiert worden waren. Rektorat, Senat und philosophische Fakultät bekennen sich zur Wissenschaftsfreiheit, heißt es in der Mitteilung. Deshalb betrachte man es „grundsätzlich als legitim“, wenn sich Universitätsangehörige auf wissenschaftlicher Basis auch mit umstrittenen Positionen und Meinungen auseinandersetzten. „Selbstverständlich können und sollen an der Universität zu diesem Zweck unterschiedlichste Meinungen gehört werden, sofern sie sich im Rahmen des Grundgesetzes bewegen.“

Deshalb hätte man, so heißt es weiter, eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit vielfältigen Denkrichtungen im Sinne von Rede und Gegenrede bevorzugt. „Seminare aber, die durch die einseitige Einbindung von Politikern und Denkern bewusst einen ideologischen Standpunkt einnehmen, sind mit einer politischen Botschaft verbunden. Das widerspricht den Grundwerten der Universität Siegen.“ Die Hochschule stelle deshalb keine finanziellen Mittel für die Auftritte von Jongen und Sarrazin bereit.

Für Dieter Schönecker, der sich selbst als Liberalen bezeichnet – „Ich habe mit rechtem Gedankengut und AfD-Positionen rein gar nichts zu tun!“ –, sind die Vorwürfe und der Entzug der Finanzmittel ein eindeutiger Verstoß gegen die Freiheit der Wissenschaft. Ihm zu unterstellen, er wolle eine ideologische Botschaft in seinem Seminar vermitteln, sei „üble Nachrede“. Er habe in seiner akademischen Laufbahn noch nie davon gehört, dass einem Hochschullehrer untersagt wurde, die ihm zustehenden Finanzmittel für Vorträge auszugeben. Genau dies sei nun in Siegen geschehen. „Ich weiß noch nicht, wie das jetzt finanziert wird.“ Er dürfe übrigens Einladungen zu den Vorträgen noch nicht einmal über das fakultätseigene Netz verschicken.

Das Seminar soll sich mit der Frage beschäftigen, wie groß die Meinungsfreiheit bei Veranstaltungen sein sollte, die an Universitäten stattfinden. „Sollte es Grenzen geben, und wenn, wo liegen diese? Darf man Personen wie Thilo Sarrazin und Marc Jongen einladen?“, heißt es in der Ankündigung. Die anderen Vorträge halten zwei externe konservative Wissenschaftler sowie der Siegener Prorektor Michael Bongardt und Dieter Schönecker selbst. Für Sarrazin und Jongen wurde „aus Sicherheitsgründen und wegen zu erwartender höherer Besucherzahlen“ ein eigenes Anmeldeverfahren eingerichtet. Sarrazin steht unter dauerndem Personenschutz.

Dass die Mehrzahl der Referenten dem konservativen oder rechtsgerichteten Spektrum zuzurechnen sei, sei von ihm keineswegs beabsichtigt gewesen, sagte Schönecker der SZ. Er habe über ein Dutzend Wissenschaftler aus dem eher linken Spektrum eingeladen, aber nur Absagen bekommen. Nachdem einer der ursprünglich sieben angefragten Referenten kürzlich abgesagt habe, habe er seine Siegener Fakultätskollegen angeschrieben und gefragt, ob sie sich mit einem Vortrag beteiligen wollten. „Darauf habe ich noch nicht mal eine Antwort bekommen.“

Nicht ganz eindeutig ist derzeit die Frage geklärt, wie öffentlich das Seminar von Schönecker ist. In der Mitteilung der Hochschule, die übrigens auf der Homepage veröffentlicht, aber nicht an die Siegener Zeitung geschickt wurde, heißt es: Es handelt sich um ein universitätsinternes Seminar, das nichtöffentlich ist.“ Prof. Dr. Schönecker sagte hingegen, die Vorträge seien „hochschulöffentlich“, die Seminare abgesehen von den Vortragsteilen aber nur für die studentischen Teilnehmer (rund 30) zugänglich. Zum Ablauf der Veranstaltungen berichtete Schönecker, dass alle Referenten ihre Vorträge vorab schriftlich übermitteln würden. Die Studenten würden dann vor der Veranstaltung die Texte diskutieren und dazu Fragen vorbereiten.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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