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Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts
Tod und Verderben für Familie Frank aus Weidenau

Ein Sommerfoto mit Inge Frank (r.), dem 19-jährigen Cousin Artur Neumann und einem unbekannten Mädchen.
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  • Ein Sommerfoto mit Inge Frank (r.), dem 19-jährigen Cousin Artur Neumann und einem unbekannten Mädchen.
  • Foto: Sammlung Fries
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goeb Siegen. „Ich bin doch Weidenauer, die werden mir hier nichts tun!“ So sagte Samuel Frank, der Inhaber des Kaufhauses an der damaligen Unteren Friedrichstraße, oft beschwichtigend zu Freunden und Bekannten, nachdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren. Er sollte sich täuschen. Mit seiner Frau Paula und der verbliebenen Tochter Inge hatte er sich am 28. April 1942, einem Dienstag, am Siegener Hauptbahnhof einzufinden zwecks Abtransport in den Osten. Dort warteten Tod und Verderben auf sie. Dieser Zug, der um 10.20 Uhr von Gleis 4 rollte mit dem Ziel Zamosc, Polen, war der erste von insgesamt vier Deportationszügen, die die Siegener und Siegerländer Juden mitnahmen und damit das jüdische Leben in unserer Region auslöschten. Es folgten Deportationen am 27.

goeb Siegen. „Ich bin doch Weidenauer, die werden mir hier nichts tun!“ So sagte Samuel Frank, der Inhaber des Kaufhauses an der damaligen Unteren Friedrichstraße, oft beschwichtigend zu Freunden und Bekannten, nachdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren. Er sollte sich täuschen. Mit seiner Frau Paula und der verbliebenen Tochter Inge hatte er sich am 28. April 1942, einem Dienstag, am Siegener Hauptbahnhof einzufinden zwecks Abtransport in den Osten. Dort warteten Tod und Verderben auf sie. Dieser Zug, der um 10.20 Uhr von Gleis 4 rollte mit dem Ziel Zamosc, Polen, war der erste von insgesamt vier Deportationszügen, die die Siegener und Siegerländer Juden mitnahmen und damit das jüdische Leben in unserer Region auslöschten. Es folgten Deportationen am 27. Juli 1942 (Theresienstadt, CSSR), am 27. Februar 1943 (Birkenau, PO) und am 29. September 1944 (Kassel-Bettenhausen).

Geschichte von Familie Frank aus Weidenau gut recherchiert

Nachzulesen ist die mit viel Sorgfalt recherchierte Geschichte der Familie Frank in einem großformatigen Heft im Verlag der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland. Sie stammt aus der Feder des verstorbenen Klaus Dietermann und ist eine lebendige Schilderung der Ereignisse in Siegen zu jener Zeit. Sie sollte in keinem Haushalt, in keiner Schule fehlen.
Die Vorfahren der Franks waren aus dem kleinen Lenhausen bei Finnentrop nach Siegen gezogen. Siegen zog die Juden an, seit 1861 die Eisenbahn das Ruhrgebiet mit der Krönchenstadt verband. Im Jahr 1880 gab es 111 Personen jüdischen Glaubens in Siegen, nachdem es noch 1856 keine mehr gegeben hatte.
Samuel und seine Frau Paula übernahmen das Manufakturwarengeschäft von seinen Eltern. Sie hatten drei Kinder, Ruth, die älteste Tochter, Manfred und Nesthäkchen Inge. Inge behielten sie bei sich, weil sie noch so jung war. Ruth war 1935 mit ihrem Mann in die USA emigriert und Manfred hatte eine Bordkarte auf dem überall abgewiesenen Schicksalsschiff, der „St. Louis“, gelöst (12. Mai 1939). Als einer von 284 Personen kam er nach England und überlebte.
Bevor die Nazis die Macht übernahmen, war die Familie hoch angesehen in Siegen, und auch nach 1933 brauchten sie lange, um die Franks öffentlich so zu diskreditieren, dass auch manche Siegener die Achtung vor ihnen verloren und sie drangsalierten.

Kaufhaus mit bis zu 25 Angestellten in Weidenau

„Meine Eltern wohnten mit den Franks von 1933 bis 1941 unter einem Dach“, berichtet Traute Fries aus Geisweid. Sie ist vielen jüdischen Schicksalen nachgegangen. Wilhelm Fries, der Vater, mochte nicht mitansehen, wie aus der Nachbarschaft Leute kamen und die Privatwohnung der Franks kurz vor der Deportation regelrecht ausplünderten.
Das war der Endpunkt einer Entwicklung sozialer Ächtung, die sich über Jahre erstreckt hatte. Die Franks hatten Hausangestellte, der Vater war konservativ, die Kinder wuchsen mit den Nachbarskindern auf, sprachen denselben Siegerländer Dialekt.
1938 besaß Samuel Frank als einer der letzten Siegerländer Juden noch sein Kaufhaus mit bis zu 25 Angestellten, darunter vier oder fünf Lehrmädchen. Die meisten Juden in Siegen hatten bereits ihre Geschäfte an „arische Kaufleute verkaufen“ müssen.

Das Kaufhaus Samuel Frank in Weidenau stand an der heutigen Ecke Bismarckstraße/Weidenauer Straße.
  • Das Kaufhaus Samuel Frank in Weidenau stand an der heutigen Ecke Bismarckstraße/Weidenauer Straße.
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In Siegen brannte die Synagoge bekanntlich einen Tag später als in anderen Städten. Dazu hatte die Polizei alle jüdischen Männer in Arrest genommen. Am 10. November 1938, als das Feuer loderte, wurden auch Samuel Frank und sein Sohn Manfred für zwei Wochen ins KZ Sachsenhausen gebracht, ehe sie zurückkehren durften. Die Lage wurde für sie immer bedrohlicher. Man zwang Samuel Frank, das Warenhaus zu „verkaufen“ Es wechselte für 127 000 Reichsmark den Besitzer. Doch von der Summe hatte die Familie nichts, denn das Geld wurde auf ein Sperrkonto bei der Amtssparkasse Weidenau überwiesen. Bis auf den monatlichen Unterhalt von anfangs 500 und später 300 Reichsmark durfte Frank nichts abheben.

"Wüßte ich doch nur, wo meine lieben Eltern sind"

Was die Juden sonst noch hatten – Fotoapparate, Radios, Fahrräder, Schmuck etc. – wurde vom Finanzamt Siegen eingezogen, auch das Silberbesteck der Familie.
Demütigungen waren seit Langem an der Tagesordnung. Als Inge noch zur Schule gehen durfte, wurde sie vom Lehrer vorgeführt, später durfte öffentlich niemand mehr Kontakt zu Juden haben. Sie mussten einen Stern tragen und in der Straßenbahn selbst dann stehen, wenn Plätze frei waren.
Am letzten Tag vor der Deportation mussten die Franks mitansehen, wie ihnen die letzten Besitzgegenstände genommen wurden. Im Deportationszug wurden bereits in Dortmund die Alten von den Jungen getrennt. Inge gelang es noch, Postkarten aus einem Arbeitslager zu schreiben. „Wüßte ich doch nur, wo meine lieben Eltern sind!“, schreibt sie verzweifelt. Den letzten Brief schrieb die junge Frau am 18. Januar 1943. Adressat war ihr Verlobter Heinz Lennhof aus Netphen. Am 27. Februar 1943 schloss sich auch hinter Heinz Lennhoff die Zugtür.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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