Tödliche Gaza-Eskalation: Ist der ESC in Tel Aviv in Gefahr?

Tel Aviv/Gaza (dpa) - In Israels sonniger Küstenmetropole Tel Aviv laufen die Vorbereitungen auf den Eurovision Song Contest (ESC) schon auf Hochtouren. Die ersten Delegationen aus insgesamt 41 Ländern proben bereits eifrig in der Veranstaltungshalle Expo im Norden Tel Avivs.

Doch die Vorfreude verwandelt sich angesichts einer neuen Eskalation der Gewalt zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen in große Sorge. Im Süden Israels hagelt es wieder Hunderte von Raketen, Israels Luftwaffe bombardiert Ziele in Gaza. Erstmals seit dem Gaza-Krieg 2014 gibt es in Israel zivile Opfer bei den Raketenangriffen, auch im Gazastreifen sterben Menschen.

Was bedeutet das für die Vorbereitungen auf den ESC und für den Wettbewerb selbst in gut einer Woche? Wie sieht es mit der Sicherheit der Musiker und Fans aus? Ist womöglich sogar eine Absage des ESC zu befürchten?

Die Europäische Rundfunkunion (EBU), Veranstalterin des ESC, reagiert zu Beginn der neuen Runde der Gewalt betont besonnen auf die Gefahr aus dem Süden. «Sicherheit steht für die EBU immer an erster Stelle», teilte die Anstalt am Sonntagmorgen mit. Man arbeite mit der israelischen Rundfunkanstalt KAN und der Armee zusammen, «um die Sicherheit all jener zu gewährleisten, die mit uns in der Veranstaltungshalle Expo Tel Aviv zusammenarbeiten und sich uns anschließen». Man verfolge die Lage aufmerksam und die ESC-Proben gingen normal weiter.

Gerade Normalität in Israel wollen die militanten Palästinenser jedoch verhindern. «Die Eurovision kann nicht in Tel Aviv stattfinden, wenn es in Gaza keine Erleichterungen gibt», sagte ein namentlich nicht genannter Repräsentant der im Gazastreifen herrschenden Hamas der israelischen Zeitung «Haaretz». «Es kann nicht sein, dass sie singen und Spaß haben, während wir leiden.»

Man werde verhindern, dass der ESC in Israel ein Erfolg wird, sagte auch ein Sprecher der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad am Samstag. Der Hamas-Führer Mahmud Al-Sahar erkläret am Sonntag vor Journalisten in Gaza: «Wir werden die Angriffe nicht stoppen, die Gleichung Ruhe im Gegenzug für Ruhe gilt nicht mehr.»

Nach einer ähnlich schwerwiegenden Eskalation der Gewalt im November hatte Ägypten zwischen den Seiten eine Waffenruhe erzielt. Dagegen gab es aber bereits mehrere Verstöße, Kairo bemüht sich nach Medienberichten weiterhin um eine dauerhafte Vereinbarung.

Die Hamas stand zuletzt wegen der schlechten Lebensbedingungen der rund zwei Millionen Einwohner im Gazastreifen immer stärker unter Druck. Ihre Forderung nach Aufhebung der seit mehr als einem Jahrzehnt herrschenden Blockade des Küstenstreifens konnten sie bislang nicht durchsetzen - trotz blutiger Proteste an der Grenze zu Israel, die seit mehr als einem Jahr andauern. Israel und Ägypten rechtfertigen die Blockade mit Sicherheitserwägungen.

Proteste im Gazastreifen gegen die desolaten Lebensumstände wurden von der Hamas im März zwar brutal unterdrückt. Sie gelten jedoch als weiterer Hinweis auf die wachsende Frustration der Bevölkerung in Gaza.

Am Montag beginnt auch für Muslime im Gazastreifen der Fastenmonat Ramadan. Traditionell kaufen Palästinenser für das gemeinsame Essen nach Sonnenuntergang üppig Lebensmittel ein - doch heute fehlt den meisten Gaza-Einwohnern dafür das Geld. Israel hatte Anfang April die Fischereizone vor dem Gazastreifen erweitert, nach neuen Raketenangriffen aus dem Palästinensergebiet jedoch wieder eingeschränkt. Die Hamas wirft Israel auch vor, Geld aus Katar für die Gaza-Herrscher zurückzuhalten - dies hat Israels Außenministerium allerdings dementiert.

In Israel wird am Mittwoch der gefallenen Soldaten gedacht, am Abend beginnen die Feiern zum 71. Unabhängigkeitstag. Der ESC beginnt in der folgenden Woche, die beiden Halbfinale sollen am 14. und 16. Mai und das Finale am 18. Mai ausgetragen werden. Für Israel ist der ESC ein besonders prestigeträchtiges Event, eine Absage könnte seinem Image schwer schaden. Angesichts dieses sensiblen Zeitraums erhofft sich die Hamas offenbar, dass Israel erpressbarer und zu größeren Zugeständnissen bereit sein könnte.

Dies gilt als Grund für die neuen massiven Raketenangriffe. Nach Schätzungen der Armee verfügt die Hamas über rund 20.000 Raketen und Mörsergranaten. Ein Teil der Raketen kommt nach israelischen Informationen aus dem Iran, andere werden im Gazastreifen selbst produziert. Zu den durch Tunnel aus Ägypten in den Gazastreifen geschmuggelten Waffen gehörten auch Panzerabwehrraketen des Typs Kornet. Eine solche Rakete traf am Sonntag ein israelisches Fahrzeug an der Gaza-Grenze. Die meisten Geschosse, die dicht besiedelte Wohngegenden bedrohen, kann jedoch Israels Raketenabwehr Iron Dome (Eisenkuppel) abfangen - auch wenn es zu Angriffen auf den Großraum Tel Aviv kommen sollte.

Wie geht es jetzt weiter, ist ein neuer Gaza-Krieg zu erwarten? Oder verständigen beide Seiten sich bald wieder auf eine brüchige Waffenruhe? Der ehemalige nationale Sicherheitsberater Jaakov Amidror meinte am Sonntag, Israel habe letztlich kein Interesse an einer größeren Militäroperation im Gazastreifen. «Wir wollen nicht die Verantwortung für zwei Millionen Menschen in Gaza übernehmen, und es ist in unserem Interesse, dass die Hamas nicht zerstört wird, damit man weiter einen Ansprechpartner hat.»

Bericht der Zeitung Haaretz, kostenpflichtig

Eurovision Song Contest 2019

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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