Region ist ein „Infarktpatient“ (Update 18.40 Uhr)
Talbrücke muss abgerissen werden / Neubau wird Jahre dauern

Die Rahmede-Brücke muss abgerissen werden.
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+++ Update 4 / 18.40 Uhr / Stimmen aus der Region +++

schn/tin Siegen/Olpe. Die Nachricht, dass die Rahmede-Talbrücke nie wieder für den Verkehr freigegeben werden kann, ist in der heimischen Region wie eine Bombe eingeschlagen. „Die Region ist zum Infarktpatienten geworden“, lautet ein markantes Zitat des Tages.

„Die Bypässe sind verstopft“

Dieses Bild benutzt Christoph Heuel, Inhaber der Spedition Heuel Logistics (Drolshagen/Meinerzhagen). „Das war der zweite Herzinfarkt in wenigen Wochen“, findet Heuel deutliche Worte. Im Unternehmen sei man davon ausgegangen, dass zumindest Pkw die Autobahnbrücke wieder würden nutzen können. „Das bedeutet jetzt, dass auch die Bypässe verstopfen“, bleibt Heuel im medizinischen Bild. Die Verzögerungen für seine Lkw seien unkalkulierbar, immerhin summierten sich zu den 13.000 Lkw rund 55.000 Pkw auf der Strecke. „Das ist ein Riesenrückschlag für alle. Wir hatten uns auf einige Monate eingestellt“, so Heuel, der auch auf seine Mitarbeiter schaut. Da müssten jetzt Lösungen gefunden werden. Er denkt zum Beispiel an neue Standorte auf der anderen Seite der Brücke. Auch mit Kollegen will sich Heuel abstimmen, um Wege zu sparen. Die Unterbrechung wirke wie die Chinesische Mauer. Das Hindernis törne dermaßen ab, dass man am liebsten gar nicht mehr auf die andere Seite wolle. „Das ist auch ein Angriff auf die Grundfeste der heimischen Industrie.“

„Den Supergau haben wir jetzt“

Solchen Aussagen kann sich Klaus Gräbener anschließen. „Das ist der schlimmste anzunehmende Fall“, lässt sich der Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen zitieren. Das Ganze nehme Ausmaße wie bei der Leverkusener Brücke an. „Den Supergau haben wir jetzt.“ Dass die Rahmede-Talbrücke nicht mehr genutzt werden könne, habe massive Auswirkungen nicht nur auf die Pendler, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Die IHK formuliert bereits jetzt klare Forderungen an die Politik. „Das Tempo bei Abriss und Planung einer neuen Brücke muss jetzt bis zur Schmerzgrenze ausgeweitet werden“, fordert Gräbener.

Das ist ein absolutes Desaster
für die Region.
Johannes Vogel
FDP-Bundestagsabgeordneter

Das bedeute auch, dass man schnellstmöglich Genehmigungen einholt. Gleichzeitig müssten jetzt auch Güter „mit Volldampf auf die Schiene“. Die Brücken auf den Ausweichstrecken (A4 und A1) habe man intensiv zu überwachen.
Der Ausfall der Rahmede-Talbrücke beschere der Industrie massive Kostennachteile. Gräbener hält es für notwendig, dass ganz Südwestfalen in dieser Situation „mit einer Zunge spricht“ und Druck bei der Politik ausübt – auf Landesebene und vor allem beim Bund. Er sei aber zuversichtlich, dass Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) das Problem angehe.

„Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit“

Der Siegen-Wittgensteiner Landrat, Andreas Müller, spricht von „einem schweren Schlag für die heimische Wirtschaft und die Pendler in der Region“. Man habe bereits gefordert, Verfahren zu vereinfachen und alle Möglichkeiten zu nutzen, damit der Neubau der Brücke nicht fünf oder mehr Jahre dauert. „Hier geht es um die Wettbewerbsfähigkeit und die wirtschaftliche Zukunft der drittstärksten Industrieregion Deutschlands!“


„Wir müssen alle Register ziehen“

Der Olper Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel (FDP) kommentiert die Situation so: „Das ist ein absolutes Desaster für die Region, die aufgrund mangelnder Ausweichmöglichkeiten so sehr auf diese Autobahn angewiesen ist. Wir müssen nun im Parlament und in der Regierung, auf Bundes- wie auf Landesebene, alle möglichen Register ziehen, um den Neubau so schnell wie möglich zu realisieren und die Belastungen für die Region durch den Ausweichverkehr zu reduzieren. Ich weiß, dass dieses Projekt mit höchster Priorität behandelt wird.“
Kollege Florian Müller (CDU-MdB Olpe/MK) tun die Anlieger in Lüdenscheid und an den Umleitungsstrecken leid. Den Unternehmen werde ein wichtiger Teil ihrer Logistik genommen.
Ganz überraschend kommt die Vollsperrung für die Firma Ejot in Bad Berleburg nicht. Andreas Wolf, Pressesprecher des Unternehmens, lässt durchblicken, dass man mit längerfristigen Verzögerungen schon kalkuliert hat. „Die Wege sind länger geworden, das muss man in der Logistik einplanen“, so Wolf. Er erkennt im Neubau ein richtungsweisendes Projekt: „An einem solchen Beispiel kann gezeigt werden, dass in diesem Land doch noch etwas schnell gebaut werden kann.“

+++ Update 3 / 16.30 Uhr mit weiteren Hintergrundinformationen u. a. zum Bauwerk +++ 

sz/dpa Siegen/Lüdenscheid. Die marode und seit 2. Dezember 2021 gesperrte Talbrücke Rahmede der A45 bei Lüdenscheid muss abgerissen werden. Damit kann der Autoverkehr auf der wichtigsten Verkehrsachse zwischen dem östlichen Ruhrgebiet und Frankfurt nicht wie geplant wieder freigegeben werden. Ursprünglich wollte die zuständige Autobahn GmbH des Bundes die Brücke mit zusätzlichen Metallplatten verstärken und in drei, vier Monaten wenigstens für den Pkw-Verkehr wieder freigeben.
Bei einer Kontrolle der Brücke zwischen Lüdenscheid und Lüdenscheid-Nord war der Schaden Anfang Dezember 2021 entdeckt worden. Per Laserscan waren Verformungen in einem Stahlträger festgestellt worden. Bei weiteren Untersuchungen fanden die Ingenieure zusätzliche Schäden.

453 Meter langes Bauwerk 1968 fertiggestellt

Die Fakten zur Talbrücke Rahmede: Das 75 Meter hohe und 453 Meter lange Bauwerk wurde 1968 fertiggestellt, es handelt sich um eine Stahlverbundkonstruktion. Beim Bau gingen die Planer von täglich 25.000 Fahrzeugen aus. 2010 wurden schon 64.000 Fahrzeuge täglich gezählt, darunter 13.000 Lkw. Auch die Tonnagen haben sich erhöht. 1960 durfte ein Lkw 32 Tonnen Gesamtgewicht haben, 1968 waren es schon 38 Tonnen, seit 2021 sind 40 Tonnen (11,5 Tonnen Achslast) erlaubt und gängig.
2011 und 2017 wurde die Talbrücke Rahmede jeweils einer sogenannten Brückenhauptprüfung unterzogen, beide Male mit der Note 3,0. Seit 2014 ist die Brücke nur eingeschränkt befahrbar. Das erlaubte Tempo wurde reduziert, ein Überholverbot für Lkw angeordnet, bestimmte Schwertransporte durften die Brücke seit dieser Zeit nicht mehr passieren.

Baubeginn von 2019 auf 2026 verschoben

Erste Pläne für einen Neubau sind offenbar 2016 bekannt geworden, 2019 sollte Baustart sein. Nach der Prüfung 2017 wurde der Baubeginn allerdings auf 2026 verschoben, zwei andere Autobahnbrücken auf der Sauerlandlinie (Kattenohl und Brunsbecke) sollen damals höher priorisiert worden sein.

Anwohner klagen über große Belastung

Die Vollsperrung der Sauerlandlinie zwischen den Anschlussstellen Lüdenscheid und Lüdenscheid-Nord hat auf den Umleitungsstrecken für teils chaotische Zustände gesorgt. Anwohner klagen über die große Belastung. Von Süden aus Siegen/Olpe kommend, wird der Verkehr durch die östlichen Randgebiete von Lüdenscheid geführt, tagsüber ist mit Verspätungen von 30 bis 40 Minuten zu rechnen (die SZ berichtete). Wer aus Norden über die A45 auf Lüdenscheid zufährt, muss die Sauerlandlinie in Lüdenscheid-Nord verlassen, die Umleitung führt mitten durch die Lüdenscheider Innenstadt am Rathaus vorbei. Verzögerungen durch dichten Verkehr summieren sich leicht auf 45 oder mehr Minuten.
Bundesweit wird der Verkehr seit 2. Dezember bereits ab Frankfurt in Richtung Köln und Kassel umgeleitet. Spätestens am Abzweig A45/A4 bei Olpe-Süd (Gerlingen) werden Lastwagen nach Köln gelotst, über Leverkusen (latente Staugefahr) geht es weiter zum Westhofener Kreuz bei Dortmund.

Talbrücke Rinsdorf wird im Februar gesprengt

Seit Jahren werden auf der Strecke Brücken saniert oder neu gebaut, vergangenes Jahr erst ist die neue Lennetalbrücke bei Hagen-Hohenlimburg nach mehrjähriger Bauzeit fertiggestellt worden. Im Februar soll die Talbrücke Rinsdorf gesprengt werden, eine Fahrbahn der Talbrücke Eisern ist bereits mit Sprengstoff beseitigt worden. Neubauten befinden sich bereits in der Realisierung.
Die neue Sperrung reiht sich in eine lange Reihe von Herausforderungen in NRW ein. Besonders die Autobahnbrücke bei Leverkusen ist nach wie vor ein Problemfall, außerdem gelten mehrere Rheinbrücken als sanierungsbedürftig. Hier wird der Verkehr reduziert und der Schwerlastverkehr zum Teil mit Sperren abgeleitet.

+++ Update 2 / 14.30 Uhr +++

mir Lüdenscheid/Siegen/Olpe. Der schlimmstmögliche Fall ist eingetreten: Die Rahmede-Talbrücke auf der A 45 bei Lüdenscheid kann nicht mehr saniert werden, sie muss abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Diese Nachricht hat die Autobahn GmbH um 13 Uhr am Freitag veröffentlicht.
Elfriede Sauerwein-Braksiek, Leiterin der Niederlassung Westfalen der Autobahn GmbH, hat für diese am Donnerstag in einer Expertenrunde festgelegten Entscheidung folgende Gründe genannt: „Neben den seit Dezember bekannten Beulen im Blech des Hauptträgers sind Risse in einem Längsträger und erhebliche Korrosionsschäden festgestellt worden. Diese Brücke kann nie wieder befahren werden, auch nicht von Autos. Die Brücke kann nicht mehr ertüchtigt werden.“

Zügiger Abriss ist das Ziel

Was will die Autobahn GmbH jetzt tun? Ein zügiger Abriss ist das Ziel, es laufen Gespräche für eine rasche Sprengung, wie sie für Februar auch an der Talbrücke Rinsdorf geplant ist. Sollte das nicht möglich sein, muss „in alpinem Gelände ein 70 Meter hohes, stabiles Gerüst aufgebaut werden, um die Brücke konventionell abzutragen“, sagt Sauerwein-Braksiek. „Alles andere scheidet aus, nicht mal mit Prüffahrzeugen gehen wir auf die Brücke.“ Einsturzgefährdet ist die Brücke deswegen nicht, es muss auch niemand mit abstürzenden Bauteilen rechnen.

„Selbst ein Bau in fünf Jahren wäre Rekordzeit“

Einen superschnellen Neubau wie in Genua/Italien in nur zwei Jahren zu schaffen, das schließt die Chefin der Autobahn GmbH aus. „Selbst ein Bau in fünf Jahren wäre eine Rekordzeit.“ Zeitliche Prognosen hält Sauerwein-Braksiek für unrealistisch. Der Baugrund müsse untersucht werden, Ausschreibungen müssten EU-weit laufen. Angestrebt wird eine funktionale Ausschreibung an eine Art Generalunternehmer.
Alle übrigen Autobahnbrücken auf der A45 sind ebenfalls überprüft worden, auch die baugleiche Brücke „Brunsbecke“ – dort sind keine vergleichbaren Schäden gefunden worden.
Das Bundesverkehrsministerium in Berlin ist ebenso wie die Entscheidungsträger in ganz Südwestfalen über das Brücken-Desaster informiert worden.

Was sagt Berlin zum Problem A45?

+++ Update 13.55 Uhr +++

dpa/lnw Lüdenscheid/Siegen/Olpe. Die marode Talbrücke Rahmede der Autobahn 45 bei Lüdenscheid (die SZ berichtete mehrfach) muss abgerissen werden. Damit kann der Autoverkehr auf der wichtigen Verkehrsachse zwischen dem östlichen Ruhrgebiet und Frankfurt nicht wie geplant wieder freigegeben werden, wie die zuständige Autobahn GmbH des Bundes am Freitag mitteilte.

Risse an Längsträgern entdeckt

Nach Auskunft von Elfriede Sauerwein-Braksiek, Leiterin der Niederlassung Westfalen der Autobahn GmbH, wurden neben den bereits entdeckten Schäden noch Risse an den Längsträgern gefunden. Aus diesem Grund darf kein Fahrzeug mehr über das Bauwerk fahren. Ursprünglich hatte die Autobahn GmbH geplant, nach einer notdürftigen Verstärkung der Brücke den Verkehr nach rund drei Monaten zumindest für den Pkw-Verkehr wieder freigeben zu können.
Bei einer Kontrolle im Zuge der Neubauplanung für die Brücke zwischen Lüdenscheid und Lüdenscheid-Nord war der Schaden Anfang Dezember 2021 entdeckt worden. Dabei stellten die Experten Verformungen in einem Stahlträger fest. Der Verkehr wurde sofort gestoppt. Bei weiteren Untersuchungen fanden die Ingenieure weitere Schäden.

Lange Reihe von Problemfällen in NRW

Die A45 ist eine wichtige Achse vom Ruhrgebiet in den Süden Deutschlands in Richtung Frankfurt. Seit Jahren werden auf der Strecke Brücken saniert oder neu gebaut. Die neue Sperrung reiht sich in eine lange Reihe von Problemfällen in NRW ein. Mehrere Rheinbrücken sind baufällig. Hier wird der Verkehr reduziert und der Schwerlastverkehr zum Teil mit Sperren abgeleitet.

Vollsperrung sorgt für chaotische Zustände

Die Vollsperrung bei Lüdenscheid hatte auf den Umleitungsstrecken für zum Teil chaotische Zustände gesorgt. Anwohner klagten über die große Belastung. Bundesweit wird der Verkehr seitdem bereits ab Frankfurt in Richtung Köln und Kassel umgeleitet. Auf der A1 (Köln-Bremen) greifen die Umleitungen ab dem Westhofener Kreuz bei Dortmund. Von Süden aus wird der Verkehr über die A4 in Richtung Köln geleitet.

+++ Erstmeldung +++

sz Lüdenscheid. Die derzeit für den Verkehr voll gesperrte Rahmede-Talbrücke auf der A45 bei Lüdenscheid ist ein Totalschaden. Das Bauwerk muss komplett abgerissen werden, teilte Elfriede Sauerwein-Braksiek, Leiterin der Niederlassung Westfalen der Autobahn GmbH, am Freitagmittag in einer Pressekonferenz mit. Über die Brücke wird nie wieder ein Fahrzeug fahren. Die Industrie- und Handelskammern sind bereits informiert.

Wir berichten weiter.

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

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