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„Nachbar in Not“ unterstützt querschnittgelähmte Frau
Tragisches Ende einer Poolparty

Der Wagen ist weiß, nicht gelb – aber Sara Überall (l.) sitzt nun „beim Fahrer vorn“, wie es im Liede heißt. Diesmal sitzt Sabine Göbel (Pflegedienst Weingarten) am Steuer.
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  • Der Wagen ist weiß, nicht gelb – aber Sara Überall (l.) sitzt nun „beim Fahrer vorn“, wie es im Liede heißt. Diesmal sitzt Sabine Göbel (Pflegedienst Weingarten) am Steuer.
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  • hochgeladen von Klaus-Jürgen Menn (Redakteur)

tile Siegen/Haigerseelbach. Es hätte der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt werden sollen. Als Sara Überall im August 2014 nach Barcelona aufbrach, hatte sie einige Pläne. Nach einer Zeit der beruflichen Neuorientierung wollte die gelernte Einzelhandelskauffrau nach dem Sommerurlaub wieder eine Festanstellung in ihrem Ausbildungsberuf antreten, wollte Karriere machen, ihr Leben in geordnete Bahnen lenken. Sie träumte von einem kleinen Eigenheim. Doch schon am ersten Abend in Spanien zerplatzten all diese Träume. Sie war gerade 30 Jahre jung.
Auf einer Poolparty stürzte sie in das nur 1,10 Meter tief gefüllte Becken, schlug mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf, trieb bewusstlos im Wasser. Im Hospital Vall d’Hebron folgte die erschütternde Diagnose: Fraktur des 4. und 5. Wirbels.

tile Siegen/Haigerseelbach. Es hätte der Auftakt zu einem neuen Lebensabschnitt werden sollen. Als Sara Überall im August 2014 nach Barcelona aufbrach, hatte sie einige Pläne. Nach einer Zeit der beruflichen Neuorientierung wollte die gelernte Einzelhandelskauffrau nach dem Sommerurlaub wieder eine Festanstellung in ihrem Ausbildungsberuf antreten, wollte Karriere machen, ihr Leben in geordnete Bahnen lenken. Sie träumte von einem kleinen Eigenheim. Doch schon am ersten Abend in Spanien zerplatzten all diese Träume. Sie war gerade 30 Jahre jung.
Auf einer Poolparty stürzte sie in das nur 1,10 Meter tief gefüllte Becken, schlug mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf, trieb bewusstlos im Wasser. Im Hospital Vall d’Hebron folgte die erschütternde Diagnose: Fraktur des 4. und 5. Wirbels. Das Rückenmark war nicht durchtrennt, aber gequetscht. Sie wurde operiert und ins künstliche Koma versetzt. Ihre Vater ließ zu Hause alles stehen und liegen und kam nach Spanien. Als sie drei Wochen später wieder aufwachte, lag sie in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt.

„Ich war in meinem eigenen Körper gefangen“

„Ich war in meinem eigenen Körper gefangen“, beschreibt die heute 37-Jährige das Gefühl, das ihr durch Koma und starke Medikation erst nach und nach bewusst wurde. „Erst als ich einer Freundin, die mich besuchte, zum Abschied winken wollte, stellte ich fest: Du hältst die Hand ja gar nicht hoch.“ Tetraplegie nennt sich ihre Form der Querschnittslähmung, bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Zu Beginn konnte sie kaum den Kopf drehen. Trotzdem ließ der Schock noch lange auf sich warten. „Ich habe das einfach so hingenommen.“
Bis Oktober 2015 blieb die BGU Saras Zuhause. Für ihre Wohnung meldete der Vermieter in dieser Zeit Eigenbedarf an. Ihr Hund, den sie vor dem Barcelona-Tripp in die Betreuung gegeben hatte, „wurde mir weggenommen“, klagt sie. „Das war das Schlimmste!“ Die Betreuer weigerten sich, das Tier wieder abzugeben – trotz gerichtlicher Anordnungen, schildert die Haigererin. Es gab aber auch kleine Erfolge: Konnte sie anfangs den elektrischen Rollstuhl nur mit einer Kinn-Steuerung bedienen, kehrte nach und nach etwas Muskelkraft und Mobilität in Arme und Hände zurück. „Alleine fahren ist mein allergrößtes Glück.“

Jeder Luftzug ist extrem unangenehm

Sara zog zunächst bei Verwandten in die Einliegerwohnung. Mit dem ersten Pflegedienst hatte sie Pech, es passte nicht. Da kam die Erkenntnis, nie wieder unabhängig zu sein: „Wenn dir bewusst wird, dass das nie anders wird – das ist ein Schlag.“ Sie wurde depressiv, aß kaum noch, wog bei 1,65 Meter nur noch 49 Kilo. Aber: „Ich war schon immer gut darin, mir den Kopf wieder zurecht zu rücken.“ 2019 hatte sie die schwerste Phase ihres Lebens überwunden. Heute habe sie „nicht andere Tiefs als andere Leute auch“, meint sie.
Nach wie vor leidet sie unter Schmerzen („Die sind immer da“) und ist übersensibel, jeder Luftzug ist extrem unangenehm. Mehr Körperfunktionen als jetzt, wird sie wohl nicht mehr zurückgewinnen. Auf der Haut hat sie kein Gefühl, aber sie spürt dennoch Berührungen, sagt Sara. „Das ist eine Art Tiefensensibilität.“ Es fühle sich an, als könne sie Finger und Zehen ansteuern, aber sie bewegen sich nicht. Gerne würde Sara wieder arbeiten, wenn man sie ließe. Eine Zeit lang hat sie sich um Fortbildungen bemüht. Aber die Rentenkasse habe ihr letztlich ein Berufsverbot erteilt. Jetzt lebt sie von der Grundsicherung und ihrer Erwerbsunfähigkeitsrente. Tag und Nacht wird sie vom Pflegedienst betreut. Ihr Tablet „ist meine ganze Welt“. Im Dezember 2019 zog sie nach Haigerseelbach in eine Wohnung mit ebenerdigem Eingang um; sie kann nun draußen einmal eine Runde drehen wenn ihr danach ist. Vor vier Wochen zog ihr neuer Schatz bei ihr ein: der zweijährige Ragdoll-Kater „Clooney“. Außerdem genießt die 37-Jährige jetzt eine ganz neue Art wiedergewonnener Freiheit: Vor einem Jahr trat ihre Freundin Carina Klopfleisch an die SZ heran. Die Pflegefachkraft im Marien-Hospiz hatte Sara durch ihren ehemaligen Job im Pflegdienst kennen gelernt und sammelte mit viel Engagement, Herzblut und Ausdauer Spenden, um ihrer Freundin den Kauf und den notwendigen Umbau eines Autos zu ermöglichen. Über „Nachbar in Not“, dem Hilfswerk der SZ und dem DRK, konnten 10.000 Euro Unterstützung für den behindertengerechten Umbau zugesichert werden.

Viele großzügige Spenden 

Zudem konnte die Chefredaktion eine weitere Großspende des Siegener Krematoriums in Höhe von 15.000 Euro über „Nachbar in Not“ vermitteln. „Wir spenden regelmäßig für soziale Zwecke. Als wir von Frau Überalls Fall hörten, wollten wir sie gerne unterstützen“, sagt Geschäftsführer Peter Schmidt. Auch der ADAC (15.000 Euro), weitere sieben Stiftungen und diverse private Einzelspenden, darunter eine von beträchtlicher Größe, zeigten sich großzügig. Am Ende stand ein Budget von 75.000 Euro zur Verfügung. Davon konnte ein Peugeot Traveller als Jahreswagen gekauft, von einer Spezialfirma in Heidelberg aufwendig um- und ein Kassettenlift für Sara und ihren Rollstuhl eingebaut werden. Der schnittige Van ist zwar nicht gelb, aber jetzt sitzt Sara beim Fahrer vorn. Der Beifahrersitz wurde entfernt, sodass sie dort in ihrem Rollstuhl Position beziehen kann. Auf der „Jungfernfahrt“ musste sich sich erst einmal wieder an die Geschwindigkeit „in der ersten Reihe“ gewöhnen. Bis dato musste sie Taxiunternehmen oder den Pflegedienst bemühen, wenn sie irgendwo hin musste oder wollte. Die neue Unabhängigkeit sei unbeschreiblich, „es ist ein schönes Gefühl im Bauch“. Sara ist überglücklich, diese Flexibilität und Mobilität und damit ein großes Stück Lebensqualität zurückgewonnen zu haben.

„Feuerwehrtopf“  der Region

sz Siegen. „Nachbar in Not“ heißt das kleine Hilfswerk, das die Siegener Zeitung seit 1993 mit dem DRK-Kreisverband Siegen-Wittgenstein und in Kooperation mit der Diakonie in Südwestfalen, dem Caritasverband Siegen-Wittgenstein, den hiesigen DRK-Frauenvereinen und dem Betreuungsverein Siegen-Wittgenstein betreibt. Die Idee: Eine schnelle, unbürokratische Hilfe für in Not geratene Menschen in der Region. In aller Regel sind keine hohen Summen zu verteilen, die Spendengelder sind nie ein dauerhafter Zuschuss zum allgemeinen Lebensunterhalt, sondern immer ein „Feuerwehrtopf“ für begründete Notfälle bis anderweitige Unterstützung greift. Immer wieder hat es aber auch Fälle gegeben, in denen auch eine größere finanzielle Unterstützung angezeigt war. Möglich machen dies seit den Anfängen von „Nachbar in Not“ zahlreiche sozial engagierte Firmen, Vereine und Menschen mit ihrer Spendenbereitschaft.

Autor:

Tim Lehmann (Redakteur) aus Siegen

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