„Traum ist mein Zuhause“

Bittersüß lächelnd gewährt Jörn Heller Einblick in die Singlewelt.  Foto: dima

dima Siegen. Entspannt, mit einer Blume zwischen den Zähnen, der Mann hat es sich bequem gemacht. Auf einer Parkbank. Mit Hut, im Schatten eines Baumes und auf dem Titel des Gedichtsbandes „Singelingeling“. Klein, fein und in strahlendem Sonnengelb: So präsentiert sich die Junggesellenlyrik. Sämtliche Verse stammen aus der Feder des Siegener Poeten Jörn Heller. Der lächelt ebenfalls sonnengelb. Und hat es dennoch faustdick hinter den Ohren. Ebenso wie die auf 125 Seiten versammelten Verse, die den Platz zwischen den Buchdeckeln mit Leben erfüllen.

In diesem Single-Biotop begegnet man zum Beispiel Barbara, dem Zeckenweib. „Barbara, Zeckenweib,/ schöne Parasitenbrut,/ hat einen wohlgeformten Leib/ und lebt von andrer Leute Blut./ Steht eine große Männerschar auf ihrem bunten Speiseplan,/ denn selber ist die Barbara/ so blutleer wie ein Sägespan.“ Bittersüß lächelnd gewährt Jörn Heller an dieser Stelle Einblick in die faunistisch-abenteuerlichen und schmerzhaften Lebensmomente eines einzelnen alleinstehenden Mannes.

Dabei könnte der 42-jährige Buchhändler und Diplom-Theologe eigentlich Werbung für die Sonnenseiten des Lebens machen. Heller singt, musiziert, komponiert, zeichnet, – der Singlemann auf der Parkbank entschlüpfte seiner Zeichenfeder – fotografiert, wandert als begeisterter Naturliebhaber mit Fernglas durch die Landschaft und wirkt bei alledem stets in sich ruhend, im Einklang mit sich und dem gesamten Kosmos. Der Mann kennt also auch die schönen Seiten des Singlelebens. Etwa wenn die „federleichte Grazie, strahlend wie der Morgenstern und duftend wie Akazie“ vor ihm steht. „Wer ist die holde Schönheit,/ dies lebende Relief?“ So fragt der Dichter und präsentiert die schmerzhaft-scherzhafte Lösung. „Das Fräulein ist die Gisela,/ die Frau von meinem Chef.“ Kein Zweifel, hier berichtet jemand aus dem wahren Leben. Zumindest an den meisten Stellen. Denn nicht alles existiert wirklich, so der Dichter. Poetisch, in federleichtem Versmaß, finden die Worte ihren Weg in die Leserohren. Oder, wie Jörn Heller sagen würde: „Kurz, kantig, kraftvoll.“

Selbstironie sei immer mit im Spiel. Und eine Portion Boshaftigkeit. Allerdings ohne dass es böse gemeint sei. Glaubt man sofort, oder? Am Wegesrand des Singlelebens lauern nämlich auch Gefahren. So wird der Leser Zeuge einer schauderhaften Begegnung mit der schönen Irene. „Täglich sitzt im Park Irene,/ eine schöne Schizophrene./ Riesig ist bei ihr die Spaltung/ zwischen Leib und Geisteshaltung./ Wenn sie kosend dich betört, deine Eitelkeit beschwört,/ ist im Grunde nichts dahinter:/ außen Frühling, innen Winter!“ Bittersüß auch die Begegnung mit der Nachtigall. „Nachtigall, du singst so schön,/ deine Augen funkeln./ Mich betörst du damit nicht,/ nicht einmal im Dunkeln.“

„Phantasie ist das Mittel, und Gedichte sind der Zweck, denn der Traum ist mein Zuhause, und das Wort ist mein Versteck“, klärt Jörn Heller gleich zu Beginn des Gedichtbandes auf. Mit diesem Motto habe er sich dem Junggesellenthema als Dichter genähert. So dicht, dass es bisweilen schmerzt. Doch alles ist nur halb so wild: Nicht alles habe er so erlebt. Vieles sei fiktiv. Nein, es gebe keine reale Barbara. Doch den Engel habe er schon durch den Buchladen schweben sehen; irgendeine Dame vom Ballett. Den Namen habe er allerdings nie erfahren.Mit „Singelingeling“ – erschienen im Jörn-Heller-Verlag und gedruckt im Hause Vorländer – liegt bereits das fünfte Werk des Wahl-Siegeners vor. Die vier Vorgänger erschienen während seiner Ulmer Schaffensphase. In diese Zeit fiel auch die einzige kirchliche Amtshandlung des Theologen. In Zürich traute Heller ein befreundetes Paar. Als Theologe. Unkonventionell, ohne auf romantische Farben zu verzichten, gerade so wie Hellers wunderschöner Gedichtband klingt. Der Organist sei Methodist gewesen, die Kirche anglikanisch, der Prediger freikirchlich und die Brauteltern eher atheistisch. Jörn Heller, selber landeskirchlich: „Eine ziemlich lustige Mischung.“

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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