Trip in das dunkle Herz der Nacht

Mit den »Klangschürfern« über den Borgopass / Im Lÿz auf den Spuren Draculas

Siegen. »Hören Sie die Kinder der Nacht? Was für eine Musik sie machen!« Alles eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber dem relativ normalen Europäer läuft beim Heulen eines Wolfsrudels eher ein kühler Schauer über den Rücken. Und wenn er sich dann noch vorstellt, er brettere in einer von schwarzen Pferden gezogenen Kalesche über den Borgopass, dann kann er durchaus schon einmal das eiskalte Geisterhändchen im Nacken spüren. Immerhin geht es ihm da weitaus besser als Jonathan Harker, einem der Helden aus Bram Stokers »Dracula«, der Mutter aller Vampir-Romane. Der gute Jonathan spürte nämlich den modrigen Odem des blutgierigen Grafen im Nacken. Im Herzen von Transsylvanien, im Schloss des Grafen Dracula, wo die nur vermeintlich sicheren Grenzen zwischen Nacht und Tag, zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmen.

Einen Trip in das dunkle Herz der Nacht unternahm am Dienstagabend das Publikum der Reihe LÿzLit im Kleinen Theater des Siegener Medien- und Kulturhauses. Rot und Schwarz waren die Farben. Schwarz wie die Finsternis, rot wie das Blut oder die Lippen des Vampirs und seiner Brut. Nun ist eine Expedition nach Transsylvanien kein Sonntagsausflug zur Ginsburg am hellichten Tag. Das Rendezvous mit dem Vampir erfordert sorgfältige Planung. So wurden die Besucher/innen bereits am Eingang mit Knoblauch ausgerüstet, der einem bekanntlich Nosferatu&Co von der Pelle, genauer gesagt vom Hals, halten soll. Dazu kamen mit Martin Daske, dem Mann an der Musikmaschine, und dem Sprecher Rainer Rudloff zwei sachkundige Reisebegleiter.

Relativ unspektakulär nennen sie sich »Die Klangschürfer«, aber in ihrem »Dracula«-Programm sind sie den diffusen Ängsten und geheimen Wünschen des Menschen auf der Spur, die nicht nur in Bram Stokers (1845 bis 1912) viktorianischem Britannien unter den Bettdecken schlummerten. Natürlich geht es um Sex, aber auch um Macht und Unsterblichkeit – ob die nun wirklich so reizvoll ist oder nicht. Mit Sphärenklängen, Wolfsgeheul, knarrenden Türen, Pferdegewieher, Dampfeisenbahnzischen und Windgejammer bereitet Martin Daske Rainer Rudloff einen üppigen Soundteppich, auf dem der Sprecher akustisch lustwandelt. Ob als Jonathan Harker, Van Helsing (mit holländischem Akzent), Dracula persönlich oder liebestolle bzw. blutgierige Vampirette trifft er den richtigen Ton. Den »Klangschürfern« gelingt etwas, was heutzutage den allerwenigsten Horrorfilm-Machern (Gebt uns Bela Lugosi wieder!) mit ihrem ganzen technischen Brimborium allzu selten gelingt. Sie schicken die Phantasie der Zuhörer auf eine Reise, die nicht an den Grenzen Transsylvaniens endet. Das Unmögliche scheint möglich – zumindest in den Köpfen.

Und wenn ganz zum Schluss der gerafften »Dracula«-Lesung in einer englischen Gruft mit kräftigen Hammerschlägen (Daske lässt es krachen und schmatzen, dass es jedem Werwolf Angst um sein Fell wird) der erlösende Pflock in das Herz des zum Vampir gewordenen blonden Engels getrieben wird, dann greift man vorsichtshalber doch mal in die Jackentasche, um zu fühlen, ob der Knofel noch an seinem Platz ist. Das Publikum, das rund zwei Stunden gebannt gelauscht hatte, spendete Beifall (kein Blut!) und machte sich auf die Reise durch die stürmische Nacht. Das war doch nur ein Hund, der da geheult hat – oder...?

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