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Tankstellen kämpfen mit Verlusten
Trotz günstiger Preise kaum Kunden an den Zapfsäulen

Thorsten Ochel, Gerlingen: "Üblicherweise haben wir etwa 400 Zahlungsvorgänge am Tag, jetzt sind es nur noch 180 bis 200."
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  • Thorsten Ochel, Gerlingen: "Üblicherweise haben wir etwa 400 Zahlungsvorgänge am Tag, jetzt sind es nur noch 180 bis 200."
  • Foto: Yvonne Clemens
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ako Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Rund um die Uhr geöffnet hat der „Tankstellenservice & Zweiräder“ in Berghausen nicht, aber doch ziemlich lang: Normalerweise konnten Autofahrer an der Berghäuser Straße 55 an Werktagen zwischen 7 und 20 Uhr und samstags von 8 bis 20 oder sonntags von 9 bis 19 Uhr Kraftstoff tanken sowie einen Kaffee oder einen Snack kaufen. Auch jetzt, in Zeiten der Corona-Krise, Kontaktverboten und Abstandsregeln, wird all das weiterhin angeboten – aber unter anderen Umständen. Denn die Zahl der Kunden ist drastisch gesunken. So stark, dass Uwe Sonneborn, der Inhaber des familiengeführten Betriebs, die Öffnungszeiten angepasst und auch neue Schutzmaßnahmen eingeführt hat.
„Ja, es hat sich sehr viel verändert.

ako Siegen/Bad Berleburg/Olpe. Rund um die Uhr geöffnet hat der „Tankstellenservice & Zweiräder“ in Berghausen nicht, aber doch ziemlich lang: Normalerweise konnten Autofahrer an der Berghäuser Straße 55 an Werktagen zwischen 7 und 20 Uhr und samstags von 8 bis 20 oder sonntags von 9 bis 19 Uhr Kraftstoff tanken sowie einen Kaffee oder einen Snack kaufen. Auch jetzt, in Zeiten der Corona-Krise, Kontaktverboten und Abstandsregeln, wird all das weiterhin angeboten – aber unter anderen Umständen. Denn die Zahl der Kunden ist drastisch gesunken. So stark, dass Uwe Sonneborn, der Inhaber des familiengeführten Betriebs, die Öffnungszeiten angepasst und auch neue Schutzmaßnahmen eingeführt hat.
„Ja, es hat sich sehr viel verändert. Abends um 19 Uhr kann man hier die Gehwege hochklappen, es kommt ja keiner mehr“, erklärt der Inhaber. Um seine Kunden und Mitarbeiter vor möglichen Infektionen zu schützen, habe er bereits vor zwei Wochen ein Gestell mit Scheibe im Türrahmen des Eingangsbereichs der Tankstelle installiert. „Dort sitzt jetzt der Kassierer“, sagt Sonneborn. In den Shop dürfe nun keiner mehr: „Wir müssen uns schützen, die Kunden kommen jetzt an die Tür. Das wird sehr gut angenommen.“
Dennoch beklagt der Tankstellebetreiber hohe Verluste. Beim Kraftstoff verdiene er derzeit 50 bis 55 Prozent weniger als üblich, das Shopgeschäft sei ebenfalls „um die Hälfte eingebrochen“ – obwohl weiterhin alle Speisen und Getränke angeboten werden. Vor allem Spontankäufer fielen in diesen Tagen weg, erklärt Uwe Sonneborn.
Probleme, die in Zeiten der Corona-Krise wohl die gesamte Tankstellen-Branche betreffen – und von denen auch Torsten Hermann von der gleichnamigen Esso Tankstelle in Siegen zu berichten weiß. Der Eigentümer muss im Kraftstoffgeschäft derzeit einen Umsatzrückgang von 50 Prozent hinnehmen, beim Shopgeschäft sind es sogar bis zu 70 Prozent.
Die Gründe dafür liegen laut Torsten Hermann auf der Hand: Die City-Galerie ist geschlossen. Viele Menschen, die dort arbeiten oder einkaufen, würde er normalerweise täglich zu seinen Kunden zählen: „Auf dem Rückweg tanken viele bei uns – das fällt jetzt natürlich weg.“ Auch bei der Laufkundschaft sowie Spontaneinkäufen verzeichne Herrmann einen deutlichen Rückgang. „Alle Geschäfte sind zu. Wofür sollen die Menschen noch in die Stadt kommen?“
Neben dem Kraftstoff- und Shopgeschäft bietet Hermann seinen Kunden weitere Serviceleistungen an. Dazu gehöre zum Beispiel die Innen- und Außenreinigung von Fahrzeugen, die oft von Bankangestellten, Einzelhändlern, etc. in Anspruch genommen werde. Derzeit sehe das laut Herrmann aber ganz anders aus: „Die meisten sind gerade im Home-Office oder in Kurzarbeit und kommen deshalb nicht nach Siegen.“
Auch Torsten Herrmann hat aufgrund der Krise seine Öffnungszeiten deutlich verkürzt. Noch vor Kurzem hatte seine Tankstelle an sieben Tagen bis 22 Uhr abends geöffnet. Nun sei an Werktagen um 19, am Wochenende bereits um 18 Uhr Schluss: „Ab 16 Uhr ist die Stadt leer, das rentiert sich nicht mehr.“ Seine fest angestellten Mitarbeiter versuchten nun die derzeit geltenden Schichten abzudecken, seine Aushilfen habe er bereits freistellen müssen: „Noch habe ich keine Kurzarbeit beantragt, aber wir beobachten die Situation genau.“
In diesem Monat hofft Herrmann nun auf die Reifentechnik, also den Reifenhandel sowie die Montage, die sein Betrieb ebenfalls anbietet. „Das Geschäft fängt gerade vor Ostern an, weil viele jetzt auf Sommerreifen umsteigen. Ich hoffe, dass uns das im April rettet.“
Auch Uwe Sonneborn vom Tankstellenservice in Berghausen hat einen Vorteil. Weil der Inhaber eine Tankstelle mit Fahrradhandel betreibt, seien die Umsatzverluste insgesamt „noch nicht so“, dass er mit einer Insolvenz rechne: „Der Fahrradshop läuft derzeit sehr gut. Jetzt kommt endlich das Wetter, das ist toll. Die Fahrradwerkstatt ist voll ausgebucht. Ein nettes Nebengeschäft – das rettet uns.“
Weil Tankstellen wie zum Beispiel Supermärkte zu den Versorgern gehören, dürfe weiterhin das komplette Sortiment verkauft werden. „Keiner darf ins Gebäude, alles steht draußen. Der Verkauf von Fahrrädern ist vom Ordnungsamt abgesegnet“, so Sonneborn.
Einbußen im Kraftstoffgeschäft stellt auch Simone Bellersheim, eine Geschäftsführerin von Bellersheim Tankstellen, fest: Der Rückgang sei unter anderem auf die Geschäftzeiten in den Orten zurückzuführen. Die private Nutzung von Fahrzeugen nehme ab, auch beruflich fuhren die Menschen weniger, betont die Geschäftsführerin.
Das Unternehmen mit Sitz in Neitersen umfasst ein Tankstellen-Netz mit insgesamt 51 Standorten in den Regionen Westerwald, Siegerland, Sauerland, Bergisches Land und in Teilen von Hessen. Man stehe in der Krisen-Zeit dabei vor den gleichen Herausforderungen wie der Einzelhandel: Abstandsregeln und Zutrittsbeschränkungen in den Shops, Hygienemaßnahmen, Spuckschutz, das Überdenken der Öffnungszeiten, das Zahlen von geringen Beträgen per EC-Karte, usw. „Wir stehen in ständiger Kommunikation mit unseren Partnern und versorgen diese mit allen Informationen des Robert-Koch-Instituts“, erklärt Simone Bellersheim.
Als besonders wichtige Präventivmaßnahmen habe man jetzt für alle Bellersheim Tankstellen 180 Türdrücker von einem Westerwälder Unternehmen geordert – diese werden beispielsweise an den Eingängen von Sanitäranlagen angebracht – oder auch 2200 Einwegbehelfs- Mund- und Nasenmasken bestellt, die derzeit an alle Mitarbeiter sowie Tankstellenpartner und deren Angestellte verteilt würden, erklärt Simone Bellersheim. „Wir stehen nicht nur selbst an vorderster Front, sondern – wie bislang immer – an der Seite unser Tankstellen-Partner, aber in dieser Krisenzeit ganz besonders.“
Thorsten Ochel, Inhaber der bft-Tankstelle Clemens und Ochel an der Koblenzer Straße in Gerlingen, hat wegen der Corona-Krise ebenfalls erst einmal Schutzmaßnahmen ergriffen: „Wir haben einen Spuckschutz für Mitarbeiter und wir desinfizieren sehr viel – beispielsweise die Griffe von Kühlschränken. Zudem haben wir alle zwei Meter ein rotes Band auf dem Boden angebracht. Damit der geforderte Abstand eingehalten wird.“
Auch Thorsten Ochel berichtet von erheblichen Umsatzverlusten. So stellt er im reinen Kraftstoffgeschäft einen Rückgang von 50 Prozent fest. Doch im Gegensatz zu seinen Kollegen laufe der Shopverkauf – vor allem die Warengruppe Tabak und Alkohol „erstaunlich gut“m sagt er. Aber: „Kraftstoff ist der Hauptumsatzbringer einer Tankstelle!“ Deshalb hat auch er seine Öffnungszeiten angepasst: „Wir schließen jetzt schon um 21 Uhr.“
Neben der Tankstelle und dem Shop betreibt Ochel noch eine Waschanlage. Unter normalen Umständen sei diese im März und April sehr rentabel – „da geht sonst die Post ab“ –, aber auch dieses Geschäft laufe derzeit „nicht gut“.
Um sich die Dimensionen genauer vorstellen zu können, führt Thorsten Ochel seine Kundenfrequenz auf: „Üblich haben wir etwa 400 Zahlungsvorgänge am Tag, jetzt sind es nur noch 180 bis 200.“ Existenzängste hat der Chef von zehn Mitarbeitern trotz Corona-Krise zwar noch keine, „aber wenn das acht oder neun Wochen so weiter geht, dann steigt natürlich die Spannung.“

Thorsten Ochel, Gerlingen: "Üblicherweise haben wir etwa 400 Zahlungsvorgänge am Tag, jetzt sind es nur noch 180 bis 200."
Um Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen zu schützen, hat Uwe Sonneborn im Türrahmen seiner Berghäuser Tankstelle nun ein Schutz-Gestell installiert.
Autor:

Alexander Kollek

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