TuS Ferndorf im DHB-Pokal-Achtelfinale

 Mit Trikotsatz Nr. 2 zog Ferndorf gestern ins Endspiel gegen Emsdetten und hatte im Hünen Branimir Koloper einen Abwehr-Champion und einen Torschützen zugleich dabei.
  • Mit Trikotsatz Nr. 2 zog Ferndorf gestern ins Endspiel gegen Emsdetten und hatte im Hünen Branimir Koloper einen Abwehr-Champion und einen Torschützen zugleich dabei.
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geo  -  Eine Viertelstunde nach der Sensation Nr. 1 tippte Michael Lerscht am Samstag hektisch auf seinem Smartphone: eine Herberge musste auf die Schnelle gefunden werden, denn an so etwas Unfassbares hatte niemand gedacht. In der riesigen (und doch fast leeren) Kampa-Halle des Bundesligisten GWD Minden spielte der Zweitliga-Absteiger im Halbfinale des Vorrunden-Vierer-Turniers rotzfrech auf und hatte am Ende die größeren Reserven im Kopf, in den Armen und in den Beinen. Doch selbst wenn schon so etwas im Handball extrem selten vorkommt: das dann einen Tag später noch einmal zu bestätigen und auch den etablierten Zweitligisten TV Emsdetten im Finale geradezu vorzuführen, wie es heute die Emsdettener Volkszeitung titelte - einfach Wahnsinn!

Zwischen den beiden Spielen wurde eilig improvisiert und die schon oft zitierte Ferndorf-Familie „auf Trab“ gebracht In einem Mindener Drogerie-Markt freute man sich am frühen Samstagabend über erstaunlich regen Absatz von Zahnbürsten und -pasta. Derweil rauschte ein Teil der Teamkleidung schon in Richtung Kindelsberg. Dort wurde die Waschmaschine angeworfen, und gestern zum Spiel erhielten die TuS-Spieler, die dann im nahen Vlotho übernachtet hatten, schon wieder frische Wäsche.

Soviel zu den Improvisationskünsten der „Delegation“. Auf dem Hallenparkett musste das Team um die beiden Kroaten Marijan Basic und Branimir Koloper sowie die vielen TuS-Eigengewächse aber selten improvisieren. Vieles wirkte schon tief einstudiert. Überragend indes die Abwehrarbeit. Lucas Schneider meinte nach dem 23:22 (10:12) über GWD Minden: „Unsere Abwehr ist eine Einheit, und sie wird in der neuen Saison ganz sicher unser Prunkstück sein.“ Dabei musste man wissen, dass Lucas’ Bruder Julian krankheitsbedingt erst gar nicht mit nach Ostwestfalen gefahren war. Innen blockten wahlweise Koloper und Thomas Rink, die beiden neuen Kreisläufer, oder auch Patrick Bettigt. Auf den halben Positionen wechselten sich Lucas Schneider, Jonas Faulenbach und Marijan Basic ab. Da hinter ihnen ein sehr gut aufgelegter Lucas Puhl das Tor hütete, konnte sich der gastgebende Bundesligist vor nur 187 Zuschauern in der 1. Halbzeit nicht absetzen. Selbst drei verworfene Siebenmeter brachten Ferndorf nicht aus dem Konzept. Und als Faulenbach mit einer listigen Täuschung in der letzten Sekunde der 1. Halbzeit auf 10:12 verkürzte, hatte sich der TuS bereits prächtig verkauft.

Nach dem Wechsel zog GWD kurzzeitig auf 16:12 davon. Vielleicht eine Schlüsselszene, weil alle in der Halle - auch die grün-weißen Profis - nun glaubten, jetzt breche der zwei Klassen tiefer beheimatete Gast wohl endgültig ein. Doch 1.) ist eine Ferndorfer Mannschaft erst dann geschlagen, wenn der Bus abfährt, und 2.) zauberte Michael Lerscht dann noch seine „Joker“ aus dem Ärmel: sage und schreibe neun der 13 TuS-Tore in der zweiten Hälfte erzielten Spieler, die in Ferndorf das Handballspielen erlernten! Erst hämmert Patrick Bettig in seiner typisch-ansatzlosen Art vier Tore fast hintereinander ins Netz, dann traf Kevin John.Plötzlich tauchte auf halbrechts Erik Irle auf, der dem norwegischen Nationalkeeper Espen Christensen zwei Hammer um die Ohren ins Eck pfiff. Und dann kam Michel Sorg - doch dazu später.

Minden schwante jedenfalls nun irgendwie Böses, denn Trainer Frank Carstens beorderte spät noch Akteure seiner allerersten Reihe aufs Feld (Doder, Rambo). Doch die Katze war da längst aus dem Sack, Ferndorf wie im Rausch. Als Christoffer Rambo einen Siebenmeter versemmelte und Irle im Gegenzug auf 20:21 verkürzte, kippte die Partie endgültig. Thomas Rink brachte mit zwei Toren den TuS in der 56. Minute mit 22:21 erstmals in Führung. 100 Sekunden vor dem Ende Siebenmeter für Ferndorf: zum zweiten Mal trat Michel Sorg gegen Christensen an. Zum zweiten Mal landete das Ding unhaltbar im Netz - 23:22. Danach hielt Puhl noch einen Rambo-Heber - Aus die Maus!

Das komplette Spiel hatten auch die Emsdettener gesehen, die hernach den Drittligisten Oranienburger HC mit 36:24 aus der Halle putzten. Sie gingen gestern im Endspiel auch mit 2:0 in Führung, doch dann spielte fast nur noch der TuS Ferndorf, zog auf 8:2 davon, hatte auf alles eine Lösung parat und zog am Ende mit 29:23 (14:11) als einziger Drittligist sehr souverän ins Achtelfinale ein, das am 17. und 18. Oktober gespielt wird.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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