Und Brel geht einfach weg

Irre und komisch: Severin Groebner solo im Lÿz

zel Siegen. Den Schenkelklopfer liefert der Künstler gleich zu Anfang ––im Dreivierteltakt. Das wäre dann erledigt für den Rest des Abends. Das weitere Programm knackt im Gehirn. Sein Best-of »Groebner gesammelt« gab Severin Groebner am Samstagabend im nicht ganz voll besetzten Kleinen Theater Lÿz. Es war sein Einzelgastspiel im Rahmen der »Spaß.Gesellschafts.Abende«. In der Eröffnungsrevue mit mehreren Kleinkünstlern konnte der Wiener (jetzt in München) nicht so hoch punkten (wir berichteten), aber jetzt! Wie vermutet, braucht es einen ganzen Abend, um in den »Flow« zu kommen: Groebners Solo, ein organischer Genremix aus Lesung, Schauspiel, Hörspiel, Erzählung und Gesang, war groß. Irrwitzig, hirnrissig, geistreich und bekloppt zugleich. So einer ist ja noch nie da gewesen!

Sein Wettermann, der durchaus Theologie studiert hat (und Geige) und sich im Dauerrotlicht der Fernsehkamera zum Hohepriester der Meteorologie aufschwingt, ließ die Zuschauer noch schwanken. Nicht so lustig (weil vielleicht zu realistisch), aber das Grinsgesicht, das sich Groebner bei Wallace (von »Wallace und Gromit«) ausgeliehen haben könnte, gefiel schon gut. Und das Schmäh-Idiom machte auch keine Probleme.

Wo auch immer der mit allen möglichen Kleinkunstpreisen dekorierte Groebner danach hinging, das Publikum ging mit: etwa zum Rauchen und frische Luft schnappen auf einem Party-Balkon, wo eine defätistische Schöne dem Großmaul und seiner Krise den Kopf verdreht. Oder ins Büro des Direktors, der seine Sekretärin beim weihnachtsfeierlich-alkoholisierten Geschlechtsverkehr so arg schaukelt, das sie... Argh! Lassen wir das. Frische Luft gab es wieder beim Kreuzverhör der Eltern der Freundin in deren Spießer-Kleingarten-Paradies. Groebner auf seinem Stuhl spielte alle Beteiligten so gut, dass es einem ganz eng ums Herz wurde.

Ein Gedicht waren Groebners Gedichte – gereimte (wie das vom Alltagsmonster der Liebe oder »Die Lösung« – Atheist werden!) oder konkret-poetische übers »Entweder – oder« und »Nichtsdestotrotz« im aggressiven Stempelrhythmus. Dazu gab es vorgelesene Geschichten (zu hören auch auf Bayern 2), z.B. seine Schilderung, wie er James Mason, Gwyneth Paltrow, Paul Auster und Jacques Brel getroffen hat (im Zug oder auf dem Markt in München) – sprachlich schön, stilvoll und saukomisch. Vor allem, wenn der Mann, den Groebner fortwährend im Behelfsfranzösisch mit »Ne me quitte pas« anschreit, einfach weggeht. Punkt. Ebenso softe wie dufte Lieder waren auch zu hören – den »Schweißtieren« im Publikum wurde es ganz heiß.

Groebner denkt groß und abseitig, warum auch nicht? Höhepunkt seiner gesammelten Werke war seine Story, an deren Anfang der Kleinkünstler Spaghetti arrabiata kocht. Im Verlauf verkündet Jesus den Tomaten das ewige Leben (»hammer scho«), und am Ende serviert der Sohn seinem Vater die Erde als Pizza ––»Schau Papa, das jüngste Gericht«. An welche »docking station« muss man sein Hirn anschließen, um solche Gedanken zu empfangen? Zu absurd für einen weiteren Schenkelklopfer. Aber gern genommen von einem staunenden Publikum, das herzlich und rundum erheitert applaudierte.

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