Unfall und schnell noch Likör?

ILLUSTRATION - ARCHIV - Die Statue der Justitia steht am 25.01.2011 im Amtsgericht in Hannover. Die niedersächsischen Gerichte müssen über immer weniger Strafverfahren und Zivilstreitigkeiten verhandeln. Auch an den Verwaltungs-, Sozial- und Arbeitsgerichten sei der Trend leicht rückläufig, teilte das Justizministerium am 02.10.2012 mit. Ein möglicher Grund sei die wirtschaftlich entspannte Lage, die zu weniger Kündigungsschutzklagen und auch einem Rückgang an Kriminalität führe. Foto: Peter Steffen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
  • ILLUSTRATION - ARCHIV - Die Statue der Justitia steht am 25.01.2011 im Amtsgericht in Hannover. Die niedersächsischen Gerichte müssen über immer weniger Strafverfahren und Zivilstreitigkeiten verhandeln. Auch an den Verwaltungs-, Sozial- und Arbeitsgerichten sei der Trend leicht rückläufig, teilte das Justizministerium am 02.10.2012 mit. Ein möglicher Grund sei die wirtschaftlich entspannte Lage, die zu weniger Kündigungsschutzklagen und auch einem Rückgang an Kriminalität führe. Foto: Peter Steffen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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howe - Direkt am Pressetisch ein hochkarätiger, in Deutschland bekannter Rechtsmediziner: Das war gestern schon spannend, wie souverän der Bonner Prof. Dr. med. Gerhard Kernbach-Wighton seine Berechnungen anstellte. Mit Füllfederhalter und Taschenrechner ausgestattet arbeitete sich der Mann durch sein Gutachten, das er am Ende der Verhandlung im Bad Berleburger Amtsgericht vortrug. Zunächst aber tat das Gericht alles, um im vorliegenden Fall ein gerechtes Urteil sprechen zu können. Auf der Anklagebank saß ein 36-jähriger Mann aus dem Oberen Lahntal, der – wie er berichtete – im Juni von einem Gaststättenbesuch im Erndtebrücker Raum auf dem Nachhauseweg gewesen sei. Zwei Colabier und zwei Wodka Redbull habe er zu sich genommen. „Ich habe mich gut gefühlt und dachte, ich könnte noch fahren.“

Unterwegs platzte ein Reifen, wenig später landete er mit seinem Wagen in einem Wäldchen. Er habe sich den Schaden angeschaut und an Ort und Stelle gewartet. Es sei niemand gekommen, da habe er – so gegen Mitternacht – innerhalb von 20 bis 30 Minuten eine 0,7-Liter-Flasche Jägermeister geleert und irgendwo ins Gebüsch geworfen. Später sei er im Auto eingeschlafen – bis er von den Zeugen entdeckt worden sei. Etwas spanisch kam Richter Torsten Hoffmann die Geschichte des Angeklagten vor, schließlich hatte dieser bei der Polizei von seinem Jägermeister-Konsum überhaupt nichts gesagt, wie ein Beamter im Zeugenstand berichtete. Erst sechs Wochen nach dem Vorfall ließ sich der 36-Jährige mit der Jägermeister-Variante ein. Wobei die Intension natürlich klar war: Das Getrunkene in der Gaststätte müsse zugrunde gelegt werden, so der Verteidiger, nicht aber die 2,03 Promille, die am anderen Morgen ermittelt worden seien. Schließlich habe sein Mandant nach dem Unfall – wohlgemerkt nach – die Flasche Jägermeister geleert. Und das sei ja nicht strafbar.

Die Zeugen und Gutachter Prof. Dr. med. Gerhard Kernbach-Wighton trugen zur Aufklärung bei. Früh morgens sei sie an der Stelle vorbeigefahren und habe das Licht sowie die Person in dem Auto entdeckt. Der 36-Jährige habe drin gesessen, die Airbags seien alle ausgelöst gewesen und es habe gequalmt. „Der war geschockt. Das sah alles aus, als wäre es gerade passiert“, schilderte eine 41-jährige Zeugin. Auch deren Sohn erzählte, es habe in dem Wagen „stark verbrannt“, nicht aber nach Zigarettenqualm gerochen. Ein Polizeibeamter sprach von der Verwirrtheit des Angeklagten. Darum sei er auch ins Krankenhaus gebracht worden. „Die Versionen änderten sich bei dem Mann. Der erzählte immer was anderes.“ Interessant war, was Prof. Dr. Gerhard Kernbach-Wighton herausfand. Aufgrund der vorgenommenen Begleitstoffanalyse stehe fest, dass längere Zeit eine relevante Alkoholisierung vorgelegen haben müsse. Rein rechnerisch könnten die 0,7 Liter Jägermeister nach Mitternacht getrunken worden sein. Dann hätte man 207,2 Gramm Alkohol errechnen können, das wären 740 Milliliter gewesen. „Rechnerisch könnte man den Konsum also erklären. Ich betone rechnerisch.“ In der Tat schien das aber unmöglich. Denn es würden sich definitiv Probleme mit der Resorptionsgeschwindigkeit ergeben. „Eine Flasche Jägermeister in einer halben Stunde, dann wäre eine Bewusstlosigkeit zu erwarten gewesen.“ Der Gutachter reduzierte gestern die Geschwindigkeit auf den Maximalwert und kam zu dem Ergebnis: Unter Berücksichtigung des Nachtrunks komme man rechnerisch auf einen Gesamtpromillewert von 1,58. Und der Jägermeister-Nachtrunk könne auch nur in einer Größenordnung von 120 Milliliter erfolgt sein. „Das würde mit der Begleitstoffanalyse, dem Trinkverhalten und dem zeitlichen Ablauf zusammenpassen.“

Richter Torsten Hoffmann verurteilte den 36-Jährigen zu einer Geldstrafe von 35 Tagessätzen zu je 40 Euro. Außerdem muss der Mann weitere fünf Monate auf seinen Führerschein verzichten. „Die Einlassung des Nachtrunks ist eine Schutzbehauptung“, schlussfolgerte der Richter. Die Begleitstoffanalyse gebe die Werte nicht her. Der Angeklagte selbst habe sich eingelassen, die 0,7-Liter-Flasche fast leer getrunken zu haben. Tatsächlich seien aber – wenn überhaupt – nur 120 Milliliter getrunken worden. Aufgrund der Zeugenaussagen gehe er davon aus, dass der Unfall nicht zur angegebenen Mitternachtszeit geschehen sei.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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