Unmögliches erzählende Kunst

ne Siegen. Bis zum 10. Januar sind im Ausstellungsforum des Siegerlandmuseums, dem Haus Oranienstraße in Siegen, rund 60 Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken aus der renommierten Sammlung Axel Hinrich Murken, Düsseldorf, zu sehen – und Freunde und Liebhaberinnen aussagereicher, narrativer Kunst sollten einen Besuch in der schönen Jugendstilvilla einplanen. Denn in diesem Umfang und von so ästhetischer Qualität wird man Gezeigtes erst wieder zu sehen bekommen, wenn die vom Land NRW und dem Kultursekretariat Gütersloh geförderte Schau nach ihrem Auftakt in Siegen nach Gütersloh, Ratingen, Rheine, Bayreuth und Passau wandert.

Hier in schmuckem großbürgerlichen Ambiente wirken die meisterlich gemalten, teils hyperrealistischen Arbeiten von neun Künstlern aus drei Generationen wunderbar passgenau – entwickelte sich doch gerade in so bezeichneter Gesellschaftsschicht das intellektuelle Vokabular der surrealistischen Philosophie. Die ausgestellten acht Künstler und eine Künstlerin – das zahlenmäßige Missverhältnis illustriert den bemerkenswerten Umstand, dass Surrealistinnen selten sind und waren, nur ein paar Ausnahmekünstlerinnen wie Meret Oppenheim, Leonor Fini, Bele Bachem und auch Unica Zürn stürmten diese Männerdomäne – veranschaulichen die ganze stilistische Bandbreite: vom feinnervig geführten, fast unsichtbaren lasierenden Pinselstrich zum viril, entschieden formulierten Duktus, von der analog zur „Ecriture automatique“ spontan gesetzten grafischen Idee bis zum komplex komponierten Tableau.

Von Edgar Ende (1901–1965), dem Vater des literarischen „Momo“-Erfinders Michael Ende, sind Arbeiten ganz eigener Handschrift trotz gelegentlich in Bild gesetzter stil-üblicher Bildfindungen, etwa bühnenähnliche Landschaften, marionetten- oder gliederpuppenhafte Personage und düstere Farbigkeit in leisen apokalyptischen Szenarien, zu sehen. Ende und der ebenfalls ausgestellte Georges Spiro (1909–1984) sind international durchgesetzt, der jung gestorbene Uwe Lausen (1941–1970) wird gerade erst einem breiteren Publikum vorgestellt, denn nächstes Jahr will ihm die Frankfurter Schirn eine Retrospektive widmen.

Von Roland Delcol (geb. 1942) sind im ersten Stock magisch-hyperrealistische Frauenakte in Verbindung mit kunstgeschichtlichen Zitaten zu sehen, die manchmal mit Ironie die für den Surrealismus nicht existierende Linie zum sogenannten Kitsch streifen, und auch Karl Heidelbach (1923–1993) beschäftigt sich malerisch mit Frauenkörpern, die er bildhaft fragmentiert, zu Torsi formuliert oder deformiert. Eigene, also primär männliche Körperhaftigkeit, Objektinszenierung interessierte die ausgestellten Künstler nicht.

Spannend sind außerdem die Arbeiten der 1963 geborenen Christine Weber und des 1970 geborenen Frank Jacob Esser (der sogar zur Vernissage anwesend war). Weber inszeniert malerisch eindrucksvoll souverän Film-Stills, beispielsweise von Filmen der Regisseure Tarantino oder Godard, stellt deren Gewalt-Ästhetizismus in poppiger Buntheit bloß, und Esser traut sich wirklich malerischen Pinselduktus zu – im surrealistischen Genre selten, da er eine Welt der Malerei evoziert und keine irreale Wirklichkeit suggerieren möchte. Essers süffisant schmunzelndes fliegendes Krokodil und der fliegende Fisch verkörpern kindlichen Spaß am Surrealen, Märchenhaften. Niemals kindisch, aber uninszeniert naiv strahlen seine Arbeiten Fabulierfreude aus.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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