BIS AUF WEITERES
Unser Schicksalstag

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.
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Wir haben einen Tisch ergattert in Siegens neuestem Bistro am Obergraben, und ich genieße meinen Cappuccino auf der Terrasse im Schatten der Synagoge. Wenn nur diese Horden von Touristen nicht wären, die Siegen jeden Sommer überfluten, um durch eine der besterhaltenen Altstädte Deutschlands zu flanieren. Etwas weniger täte uns gut.

Für mich ist der 3. Juli der Schicksalstag der Deutschen, und zwar der von 1866, als in der Schlacht von Königgrätz, östlich von Prag, sich Österreicher und Preußen mit ihren jeweiligen Verbündeten zur zahlenmäßig größten Schlacht des 19. Jahrhunderts (über 400 000 Mann) gegenüberstanden und – verdammte Axt! – leider die Preußen doch noch gewonnen haben.

Wie man weiß, ist auf die Deutsche Bahn schon früher wenig Verlass gewesen. Der preußische Militärstratege Graf von Moltke ließ erstmals in der Geschichte ein Drittel seiner Truppen (unter Befehl des Kronprinzen) nicht in Eilmärschen laufen, sondern mit dem Zug transportieren. Weil die Weichen falsch gestellt waren, verspäteten sich die Truppen und tauchten erst am Nachmittag auf, als die Österreicher den Gegner fast bezwungen hatten.

Wäre die Heeresgruppe nur zwei Stunden später eingetroffen, schreibt der in Freudenberg geborene Hans-Ulrich Wehler († 2014), einer der einflussreichsten deutschen Historiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hätten sie in der Dunkelheit nicht mehr angreifen können. Wenn die Östereicher gewonnen hätten, hätte es in Europa keinen preußisch eingefärbten Nationalstaat gegeben, der vor Kraft kaum laufen konnte. Es hätte den Siegeszug des preußischen Militarismus nicht gegeben, von dem nicht wenige sagen, er sei das Treibhaus für Hitlers Nationalsozialismus gewesen. Es hätte die Kaiserkrönung in Versailles nicht gegeben, nicht Bismarck, nicht den Völkermord an den Herero, nicht den blinden Taumel in den Ersten Weltkrieg durch den Brandstifter Wilhelm II., nicht die Weimarer Republik und nicht Hitler und den Holocaust. Der 16. Dezember 1944 wäre ein ganz normaler Wintertag gewesen. Keine Zeile wert.

So sitze ich heute inmitten dieser herrlichen gepflegten Häuser und träume bei meinem Cappuccino.

a.goebel@siegener-zeitung.de

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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