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Experte erklärt Duell zwischen Trump und Biden
USA wählen ihren Präsidenten

Am 3. November wird in den USA gewählt. Der Ausgang ist nicht vorherzusehen.
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sabe Siegen. Die Spekulationen reichen weit. Von Hängepartie über gewaltvolle Ausschreitungen ist an möglichen Szenarien alles dabei. Die Aussagen der Wahlbeobachter überschlagen sich, die Debatten auch. Kurz vor der US-Wahl hält die Welt den Atem an. Kaum jemand glaubt noch an einen Erdrutschsieg für einen der beiden Kandidaten. Auch Dr. Marcel Hartwig von der Uni Siegen hält ein zeitnahes Ergebnis, wenn die Amerikaner am morgigen Dienstag über einen neuen Präsidenten abstimmen, eher für unwahrscheinlich. Mit der SZ hat der Amerikanist und USA-Experte über den Wahlkampf, das Wahlsystem, ein tief gespaltenes Land und die Kandidaten gesprochen.

Herr Hartwig, was glauben Sie – Joe Biden oder wieder Donald Trump?

sabe Siegen. Die Spekulationen reichen weit. Von Hängepartie über gewaltvolle Ausschreitungen ist an möglichen Szenarien alles dabei. Die Aussagen der Wahlbeobachter überschlagen sich, die Debatten auch. Kurz vor der US-Wahl hält die Welt den Atem an. Kaum jemand glaubt noch an einen Erdrutschsieg für einen der beiden Kandidaten. Auch Dr. Marcel Hartwig von der Uni Siegen hält ein zeitnahes Ergebnis, wenn die Amerikaner am morgigen Dienstag über einen neuen Präsidenten abstimmen, eher für unwahrscheinlich. Mit der SZ hat der Amerikanist und USA-Experte über den Wahlkampf, das Wahlsystem, ein tief gespaltenes Land und die Kandidaten gesprochen.

Herr Hartwig, was glauben Sie – Joe Biden oder wieder Donald Trump?

  • Das ist wirklich sehr schwer einzuschätzen, weil das Wahlverhalten in vielen Staaten auch jetzt noch überhaupt nicht festgelegt werden kann. Ich denke da zum Beispiel an Nevada, Arizona, Pennsylvania oder Florida. Der Wahlsieg führt über die Bundesstaaten. Das wird bis zuletzt ein Krimi werden. Ich rechne mit einem sehr knappen Ergebnis.

Wie rechnet sich das? Donald Trump ist doch in den Umfragen seit Monaten abgeschlagen.

  • Das stimmt. Die Umfragen sehen Biden vorn. Dass der aber neuer US-Präsident wird, ist längst nicht sicher. Das ist zum Teil auch auf das Wahlsystem zurückzuführen. Die Wähler entscheiden mit ihrer Stimme nicht direkt, sondern lediglich welche „Wahlleute“ ihres Bundesstaates im sogenannten Electoral College abstimmen. Erst dieses Gremium wählt Mitte Dezember den neuen Präsidenten. Wie viele Wahlleute ein Staat hat, hängt von seiner Bevölkerungsstärke ab. Dabei gilt in den meisten Staaten das Mehrheitswahlrecht: Sämtliche Plätze gehen also an die Wahlmänner und -frauen jenes Kandidaten, der in diesem Staat die Mehrheit errungen hat – egal, wie knapp das Ergebnis ist. Das kann im Extremfall dazu führen, dass ein Kandidat, der landesweit die meisten Wählerstimmen erreicht hat, trotzdem nicht Präsident wird. Nämlich dann, wenn der andere Kandidat viele bevölkerungsreiche Bundesstaaten gewonnen und damit alle Wahlmänner dieses Staates für sich beanspruchen kann. Nicht alle Stimmen wiegen gleich viel.

Deswegen werden auch die Stimmen nach einer Reformation im Wahlsystem immer lauter?

  • Ja. Das Wahlleute-Verfahren stammt noch aus den Gründerjahren der USA und hat schon einige Male dazu geführt, dass Kandidaten trotz weniger Stimmen die Wahl für sich entschieden. Ich denke da etwa an Bush, aber auch Trump verdankt seinen Sieg vor vier Jahren diesem System. Er könnte also auch jetzt wieder die Wahl gewinnen, obwohl Biden mehr Stimmen erhält. Meiner Meinung nach ist das Konzept antiquiert, allerdings tief verwurzelt. Historie ist vielen Amerikanern sehr wichtig. Daran hängt auch der Wahltag. Immer der erste Dienstag nach dem ersten Montag im November. Mitten in der Woche also. Viele Amerikaner müssen da arbeiten, können also am eigentlichen Wahltag nur schwer wählen gehen. Aber das Datum ist eben Teil einer identitätsstiftenden Tradition.

Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, seine Stimme abzugeben, zum Beispiel über die Briefwahl.

  • Genau. Es gibt das Verfahren des „Early Voting“, da können Stimmen persönlich seit dem 17. Oktober abgegeben werden, und natürlich ist in diesem Jahr aufgrund des Pandemie-Geschehens ein stark genutztes Instrument die Briefwahl. Deshalb ist ein zeitnahes Ergebnis auch eher unwahrscheinlich. Durch die Überlastung des Postdienstes kann es zu einer verspäteten Auszählung kommen, das hat man schon bei den Vorwahlen gesehen.

Trump outet sich offen als Briefwahl-Gegner. Warum?

  • Der Präsident befürchtet wohl Wahlfälschungen und hat schon des Öfteren kommuniziert, sollte es eine Wahlniederlage für ihn geben, sei die nur durch Betrug zu erklären. Die Demokraten werfen Trump vor, das Briefwahlsystem bewusst zu schwächen und so die Menschen vom Wählen abzuhalten.

Diese US-Wahl wird als eine stark emotional aufgeladene gesehen. Stimmen Sie da zu?

  • Ja, die Fronten sind sehr verhärtet, das Land stark gespalten. Diesen Kontrast spiegeln auch die Kandidaten. Trump, ein Mann aus der Wirtschaft, Biden, sein ganzes Leben lang Politiker.

Was sind Themen, die in in diesem Jahr besonders polarisieren?

  • Die schlimme Wirtschafts- und Gesundheitskrise, ausgelöst durch das Coronavirus. Die USA haben gerade eine extrem hohe Arbeitslosenquote – daran angeknüpft geht es auch um die Soforthilfen. Die Klimapolitik ist ein Thema. Ich denke da an den von Trump vorangetriebenen Austritt aus dem Pariser Abkommen. Biden will wieder einsteigen. Zudem: Die „Black Lives Matter“-Bewegung nach dem Mord an George Floyd polarisiert weiterhin stark.

Wie gespannt sind Sie auf die Wahlbeteiligung?

  • Sehr. Es erreichen uns Bilder von endlos langen Schlangen vor Wahllokalen, viele US-Bürger sehen aber weder Biden noch Trump als ihren Präsidenten. Trump hat bei marginalisierten Gruppen oder Anhängern der BLM-Bewegung einen sehr schlechten Stand. Aber auch Biden wird da von vielen als „Establishment Men“ wahrgenommen. Es bleibt sehr spannend.

Meinungen zur US-Wahl

Wer in den USA wählt, kommuniziert seinen Favoriten in der Regel gerne öffentlich. Anders als die deutschen Wähler sind Amerikaner in dieser Hinsicht ganz und gar nicht zurückhaltend. Die SZ hat drei verschiedene Meinungen eingeholt:

Der Demokrat: Meinung aus Minnesota von Dr. Paul Riedesel 

Dr. Paul Riedesel

Dr. Paul Riedesel ist Demokrat und bezeichnet sich selbst als treuen Unterstützer von Joe Biden. Dennoch, so sagt der promovierte Soziologe und Wirtschaftsforscher, behalte er, fernab seiner politischen Standpunkte „immer ein kritisches Auge auf die amerikanische Gesellschaft“. Den US-Wahlkampf nennt Riedesel, dessen Ur-Ur-Großeltern 1845 aus dem Wittgensteiner Wunderthausen nach Iowa umsiedelten und dort zum Kern eines „neuen Wunderthausens“ mit Namen „Wheatland“ gehörten, „crazy“ (verrückt). Für ihn, so formuliert der Demokrat, der nicht nur Mitglied im Wittgensteiner Heimatverein ist, sondern das kleine Örtchen mit seiner Frau vor Corona auch regelmäßig besucht hat, ist das Kreuzchen aber trotzdem gesetzte Sache: „Meine Werte haben sich immer an der demokratischen Partei ausgerichtet. Ich finde Donald Trump ist ein amoralischer Mensch. Er lügt mit jedem Atemzug.“ Nach der jüngsten Wahl habe er Wittgenstein besucht und von jedem Freund die gleiche Frage gestellt bekommen: „Paul, was soll das mit Donald Trump?“ Er selbst habe sich dafür geschämt. „Warum sind meine Mitbürger so naiv?“ 
Zur Stimmung im Land jetzt, kurz vor den Wahlen, sagt er: „Wegen Corona herrscht überall sehr viel Angst. Die politischen Spaltungen machen die Lage nicht einfacher. Die wachsende Zahl von Fällen und Todesfällen ist schlimm. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auch.“ Vor allem die Art und Weise, wie Trump mit Corona umgegangen ist, werde ihn besiegen, glaubt Riedesel. Vier weitere Jahre Trump würden „mehr Chaos in Washington und immer weniger Respekt für Amerika in anderen Ländern bedeuten“.

Der Verweigerer: Einstellung aus Berlin von Dietmar Georg 

Dietmar Georg

Obwohl Dietmar Georg sich selbst keineswegs als apolitisch bezeichnet – „das bin ich ganz und gar nicht“ – , will der Diplom-Ökonom mit Lehrtätigkeit an der Georgetown University, der University of Central Florida und der Technischen Hochschule Aschaffenburg, sein Kreuzchen nicht setzen. Weder für Biden noch für Trump. Für den aus Würgendorf stammenden und jetzt teils in Berlin, teils in Florida wohnenden 65-Jährigen – „ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit“ – steht fest: Er wird keinen Brief abschicken.
Warum? „Weil ich die zur Debatte stehende, binäre Entscheidung zwischen einem Clown (insbesondere auf dem Gebiet der Ökonomie …) und einem korrupten und zur Demenz neigenden Politiker für unmöglich erachte. Die Alternative zwischen zwei Männern dieser Art in den späten 70er-Jahren ist für mich inakzeptabel.“
Das, so Georg weiter, sei auch einer der Gründe, weshalb er sich entschieden habe, selbst in Coronazeiten, Ende September nach Deutschland zu kommen. „Ich wollte dem amerikanischen Wahlkampf entkommen.“ Beispielsweise drehten sich fast 70 Prozent im öffentlichen Fernsehen nur darum. „Das ist so ermüdend. Immer wieder die gleichen Lügenmärchen zu sehen …“
Deshalb der Plan des gebürtigen Siegerländers: „Im Januar geht mein Flug erst wieder zurück.“ Bis dahin heißt es: „Eine Woche Siegerland, 13 Wochen Berlin“ – um danach dann auch wieder gerne in die USA zurückzukommen.
„Ich bin zwar froh, gerade, Zeitpunkt jetzt, nicht in den USA zu sein, was aber nicht heißt, dass ich dort nicht genau so gerne lebe wie in Deutschland. Ich würde sagen, fünfzig-fünfzig. „Dem kann auch der verrückte Wahlkampf nichts anhaben.“

Der Republikaner: Standpunkt aus Nevada von Heiko Effenberger

Heiko Effenberger

Niemand, sagt Heiko Effenberger, mache in Amerika, seiner Wahlheimat, ein Geheimnis daraus, wen er wählen wolle. Er auch nicht. Effenberger gibt seine Stimme Donald Trump, wie vor vier Jahren auch. Er glaubt fest daran, dass der Republikaner Biden schlagen wird. „Trump ist für das Land die bessere Option.“
Effenberger, stammend aus Sinsheim, mit der hiesigen Region durch intensive Freundschaft nach Siegen verbunden, steht vor allem hinter Trump, weil er „einiges geleistet und viele seiner Wahlversprechen eingehalten hat – von wie vielen Politikern kann man das schon behaupten?“ „Vor Corona“, sagt der Surveillance Agent (Überwachungsmanager) in einem großen Casino, „da war die Wirtschaft hier am boomen“. Er wisse, so der ehemalige US-Soldat, dass in Deutschland ganz anders über Trump berichtet werde. „Sehr einseitig, da kann er machen, was er will.“
Mit Trumps Corona-Politik zeigt sich Effenberger zufrieden. „Ich denke, er hat uns ganz gut durch die Situation gebracht.“ Mit Grauen blickt er jedoch einem Biden-Erfolg entgegen: „Wenn er gewählt wird, will er einen erneuten Lockdown. Ein zweites Mal können wir uns das nicht erlauben, besonders hier in Las Vegas nicht.“ Trotzdem: Ob nun Biden oder Trump, die starke Spaltung des Landes für den Pro-Trump-Mann eine „traurige Situation“, die, da ist er sich sicher, „so oder so zu Ausschreitungen führen wird. Auf beiden Seiten des Lagers“. Die Menschen, sagt Effenberger, hätten wirklich Angst vor Krawallen nach der Wahl. „Der Waffenverkauf in den USA ist nach oben ,gecrashed’. Die Menschen rüsten auf.“

Autor:

Sarah Benscheidt (Redakteurin) aus Siegen

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