Variationen im Blickfeld

ars Siegen. Im Apollino, dem kleinen Saal des Apollo-Theaters, erstaunte in der Reihe „Best of NRW“ ein junger Mann mit einem stimmigen Programm und einer reifen Wiedergabe am Flügel. Boris Radulovic, 1984 in Belgrad geboren, seit 2004 in der Klavierklasse von Arbo Valdma an der Musikhochschule Köln, nahm und nimmt erfolgreich an Musikwettbewerben für Klavierkammermusik, Klavier-Duo und Klavier-Solo teil. Vielleicht erklärt sich aus seiner Ensemble-Arbeit die reife, sachdienliche Auseinandersetzung mit den Partituren für Klavier allein, die zwei Stunden lang nie den Eindruck eines selbstverliebten Virtuosentums hinterließen.

Von Habitus und Wesen her korrekt und bescheiden, stand der enthusiastisch gefeierte Vortrag Radulovics ganz im Dienst der je eigentümlichen Partitur, der er mit stupender, aber nie zur Schau gestellter Technik und mit einem feinen, reifen Gespür für Farbe, Ausdruck und innerer Struktur gültig und beglückend darstellte.

Im Zentrum des durchdachten Programms stand das Variieren als einer ganz spezifischen, zeitgetränkten Form des Aneignens. Nicht die Objektivität des Gegebenen und nicht die Subjektivität des personalen Willens nach Expression, sondern ein Mittleres, das Verständnis, Aufnahmebereitschaft, Freude am Produktiven, das Zentrieren von Zufälligkeiten auf konstruktiven Punkt, voraussetzt, sind die geforderten geistigen und seelischen Tugenden dessen, der variieren will. Wolfgang Amadeus Mozarts zwölf Variationen über das zeitgenössische Spottlied „La belle Francoise“ KV 353 erklangen frisch und keck wie die Vorlage, dabei erstaunlich beseelt, technisch perfekt; theatralische Gesten wechseln mit selbstversonnener Innenschau, letztlich geht ein Lehrstück der selbstgewissen Variationskunst mit aller nur denkbaren Leichtigkeit unangestrengt in die einfache Anfangsmelodie zurück, als sei alles nur ein Kinderspiel gewesen.

Diese Leichtigkeit, die aus großen Reserven resultiert, blieb auch bei den folgenden vier Kompositionen das hervorstechende Charakteristikum der Wiedergaben. Mozarts Fantasie c-Moll KV 475 gefiel in der Bestätigung der klaren, klassizistischen Strukturen, die jederzeit das Fantasievolle bändigten und jede Einzelharmonie ins Ganze einbanden. Eine ganz andere Welt des Variierens entfalteten die an Franz Schubert geschulten „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel, acht noble und sentimentale Walzer in einer breiten Palette von Farbe und Ausdruck, hier mehr malend als konstruierend, was dem jungen Pianisten die Gelegenheit gab, sich als Meister der delikaten Zwischentöne auszuweisen.

Ganz anders wieder die Ernsten Variationen d-Moll op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy: Dieser große, Beethoven gedenkende Entwicklungszyklus auf eine klare, ausdrucksschöne Melodie gibt sich nicht nur vom Titel her ernst, denn von Ausdruck, Dichte, Anspruch und Intellektualität nimmt dieses herbe Werk Beethoven und die Idee der Musik als in der Zeit erscheinender Geist ernst. Der junge Pianist spielte im eigentlichen, strengen Sinn romantisch, in einer beseelten, kongenialen Interpretation entfaltete er ein von Wissen und Schmerz gesättigtes Seelendrama in einer großen, ununterbrochenen Spannungskurve.Hier wie auch bei der Darstellung der letzten Klaviersonate von Ludwig van Beethoven (c-Moll Nr. 32 op. 111), einer der wichtigsten Partituren der Musikgeschichte, ließ sich ein wenig erahnen, warum die deutsche Musik zwischen Beethoven und Schönberg eschatologisch aufgeladen zur Kunstreligion werden konnte. Die angriffslustige Bärbeißigkeit war unter Radulovics Händen immer als notwendiger Hindurchgang durch Widersprüchliches erlebbar, auch einem ungeübteren Hörer erschloss sich, dass hier bei aller Genialität nichts Subjektiv- Stimmungsmäßiges zum Ausdruck kam, wiewohl der berückende, wie aus einer anderen Sphäre herüberreichende Wohlklang sich mehr und mehr durchsetzte. Dynamisch ausgefeilt, immer um ein stimmiges Gesamtbild bemüht, mit einem Überschuss an Sehnsucht in den eindringlich-getragenen, kantablen Passagen, wohnten die glücklichen und beglückten Zuhörer einer außergewöhnlichen Leistung bei.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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