Verbotene Saat

 Mohn ist in der modernen Landwirtschaft selten geworden – wie viele andere Acker-Wildblumen auch. Also versucht Christian T. mit seinen Seedbombs, kleine Nischen für Insekten zu schaffen. Fotos: damo   Insekten sind auf heimische Blühpflanzen angewiesen – die finden sie aber auch in vielen Gärten kaum noch.
  • Mohn ist in der modernen Landwirtschaft selten geworden – wie viele andere Acker-Wildblumen auch. Also versucht Christian T. mit seinen Seedbombs, kleine Nischen für Insekten zu schaffen. Fotos: damo Insekten sind auf heimische Blühpflanzen angewiesen – die finden sie aber auch in vielen Gärten kaum noch.
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damo - 75 Prozent weniger Insekten: Spätestens, seit die Krefelder Entomologen ihre Studie veröffentlicht haben, dürfte sich herumgesprochen haben, dass saubere Windschutzscheiben nach einer Urlaubsreise weder ein Zufall noch erfreulich sind. Vielmehr ist der enorme Rückgang der Insekten ein deutliches Indiz dafür, dass in der Welt der Sechsbeinigen einiges gewaltig aus dem Ruder läuft.

Ein Faktor, der das Insektensterben maßgeblich beeinflusst, ist schlichtweg, dass geeignete Lebensräume und damit Nahrung immer knapper werden. Blühende Randstreifen sind in der modernen Landwirtschaft ebenso selten wie Wildkräuter auf dem Acker. Brachflächen sind rar, und selbst aus vielen privaten Gärten verschwinden die Blühpflanzen – der Trend zu Gabionen statt Geranien ist allgegenwärtig.

All das weiß auch Christian T. (Name geändert). Und er will nicht tatenlos zusehen – also hält er dagegen: Er hat für sich das „Guerilla Gardening“ entdeckt. Klingt martialisch, beschreibt aber eine sehr sanfte Form des zivilen Ungehorsams: Der 37-Jährige sät Wildblumen, und zwar ungefragt und auf fremden Grundstücken.

Auf die Idee kam er vor drei Jahren: Da sind ihm in einem Wohngebiet auf einem Privatgrundstück ein paar Quadratmeter nackte Erde aufgefallen – dort hatte der Gartenbesitzer etwas abgerissen. Brachliegende Erde ist brachliegendes Potenzial, dachte der 37-Jährige. Und als er das nächste Mal in der Gegend war, hatte er ein Tütchen mit einer Wildblumen-Samenmischung in der Tasche. Gesät hat er im Vorbeigehen, und das Ergebnis war erstaunlich, erzählt Christian T. im Gespräch mit der SZ: Einige Wochen später pflückten dort die Leute Blumen, und der Gartenbesitzer machte mit seinem Rasenmäher einen Bogen um die blühende Pracht.

„Da hat aber auch alles gepasst“, sagt der junge Mann im Rückblick. Denn die Startchancen für illegal gesäte Blumen sind denkbar schlecht: „Eigentlich müsste man das Saatgut leicht in die Erde einbringen, damit die Vögel nicht alles aufpicken. Und wenn die jungen Pflanzen gekeimt haben, brauchen sie Wasser.“ Im heimischen Garten lässt sich all das problemlos realisieren – auf fremden Flächen hingegen müssen die Samen schon alleine zurechtkommen. „Ich kann schlecht nachts mit der Hacke auf fremden Grundstücken rumlaufen.“

Wohl aber mit großen Taschen voller Samen – so geschehen im vergangenen Frühling. Da war dem Naturliebhaber eine riesige Fläche mit Erdaushub ins Auge gefallen: Eine Firma hatte wegen einer Baumaßnahme Unmengen Erdaushub auf ihrem Betriebsgelände deponiert. Man muss weder Mathematiker noch Gärtner sein, um zu wissen, dass man hier mit einem Tütchen Saatgut nicht weit kommt. „Wir haben zu zweit 6 Kilo Saatgut auf der Fläche verteilt“, berichtet Christian T. Natürlich nach Einbruch der Dunkelheit, schließlich war diese Aktion nicht im Vorbeigehen zu realisieren. Gut zwei Stunden lang sind die beiden Männer über die Brachfläche gelaufen und haben Reihe für Reihe Samen ausgebracht. Die Saat ist aber nicht aufgegangen: Der Dürre-Sommer 2018 hat den Guerilla-Gärtnern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nicht zum ersten Mal übrigens: „Unterm Strich sind die Aktionen, die nicht funktioniert haben, wahrscheinlich in der Überzahl.“ Aber das hält den jungen Mann nicht davon ab, es wieder und wieder zu probieren. Denn: „Jede einzelne Blume ist es wert. Vor allem, wenn sie sich nach dem ersten Sommer reproduziert.“

Auch ein Supermarkt-Dach im Oberkreis haben die beiden Männer bereits ins Visier genommen. Raufgeklettert sind sie aber nicht: Sie hatten Seedbombs (engl. für Samenbomben) mitgebracht.

„Zwei Teile Gartenerde, ein Teil Tonerde und eine kleine Menge Saatgut“: Das Rezept klingt einfach. All das wird im feuchten Zustand vermischt und zu Kugeln geformt. Wenn die Erde getrocknet ist, lassen sich die Samen gut werfen – zum Beispiel auf besagtes Supermarktdach.

Erwischt worden ist Christian T. bislang noch nicht – aber das spielt in seinen Gedanken auch keine Rolle. Natürlich weiß er, dass Guerilla Gardening juristisch als Sachbeschädigung eingestuft werden kann (daher auch der geänderte Name in diesem Artikel). „Aber ich habe noch nie davon gehört, dass jemand dafür wirklich mal eine Strafe zahlen musste.“ Nachvollziehbar, denn meist sind seine Einsätze kleine, vergleichsweise harmlose Naturschutz-Aktionen – weit davon entfernt, sich im Hambacher Forst anzuketten.

So hat Christian T. manchmal, wenn er mit dem Rest seiner Familie spazieren geht, eine Handvoll Wildblumensamen in der Jackentasche. Stellen, wo er sie loswerden kann, kennt er genug: „Es funktioniert natürlich nicht, wenn zum Beispiel schon ein Rasen da ist. Aber auf nackter Erde reichen oft schon ein paar Samen.“ 

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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