Vergangenheit lebendig halten

 Die SZ-Gewinnerinnen Heike Wied (l.) und Sylvia Kroh (r.) durften unter der Führung von Kurt Spies auch selbst einmal ihr Drechsel-Talent unter Beweis stellen. Foto: aber
  • Die SZ-Gewinnerinnen Heike Wied (l.) und Sylvia Kroh (r.) durften unter der Führung von Kurt Spies auch selbst einmal ihr Drechsel-Talent unter Beweis stellen. Foto: aber
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aber - In einer Welt des immer rapideren Fortschritts kommen altbewährte Fertigkeiten allzu oft zu kurz. Nach vorne soll man sich orientieren mit Blickrichtung Zukunft, dabei kann auch ein kleiner Schritt in die Vergangenheit ganz neue Türen öffnen. Das Drechseln hat in Girkhausen bereits seit mehr als 500 Jahren Tradition. Hauptsächlich haben sich die Bürger mit dem Schüsseldrehen damals etwas hinzuverdient, aber auch das Löffelschnitzen wurde hier praktiziert. In der Girkhäuser „Drehkoite“ wurde dieses wertvolle Handwerk aus der Vergangenheit stets bewahrt.

Nach einer mehrjährigen Zwangspause öffnete das kleine Museum am Samstagnachmittag mit Hilfe eines jungen Teams des Verkehrs- und Heimatvereins endlich wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit: Mit der ersten Führung durch die historischen Räumlichkeiten wurde der Neustart offiziell eingeläutet. Rund 30 Besucher nahmen an dieser Premiere teil, darunter auch zwei Gewinner einer Verlosung der Siegener Zeitung. Heike Wied aus Feudingen und Sylvia Kroh aus Raumland durften sich nicht nur in den Räumlichkeiten der Drehkoite in aller Ruhe umsehen und so einiges erklären lassen, sondern auch ein Abendessen zu sich nehmen.

Sylvia Kroh, selbst Vorsitzende des Heimatvereins Aue-Wingeshausen, war ganz besonders froh über den Erhalt der alten Girkhäuser Tradition: „Es ist einfach wichtig, auch unsere Vergangenheit nicht verblassen zu lassen. Darum ist es umso schöner, dass sich auch so viele junge Leute für die Arbeit des örtlichen Heimatvereins begeistern können“, strahlte die SZ-Gewinnerin. Zum Einstieg in den Nachmittag präsentierte das Team des Verkehrs- und Heimatvereins zunächst einen Film aus den 1980er Jahren rund um die richtige Technik des Löffelschnitzens.

In der unteren Etage wurde anschließend die hauseigene Wippdrehbank von Volker Dickel ordentlich in Schwung gebracht. Die Drehkoite ist noch ein Originalexemplar aus dem alten Girkhausen. Übernommen hat Volker Dickel die Aufgabe von Rolf Treude, dem langjährigen „Museumsmacher“. In den oberen Räumlichkeiten finden sich weitere Ausstellungsstücke, die den allmählichen Übergang der Drechslerkunst bis hin zum heutigen Zeitalter symbolisieren. Doch das Fertigen einer solchen Holzschüssel ist keineswegs ein einfaches Handwerk. Besonders in Girkhausen hat sich eine ganz besondere Technik entwickelt, bei der mit einem speziellen Dreheisen Schüsseln in verschiedenen Größen aus den Rohlingen gewonnen werden können.

Zahlreiche Faktoren hatten Einfluss auf den Rohling und seine anschließende Entwicklung hin zu einem vollwertigen Teil des Wittgensteiner Kücheninventars. Bereits der Zeitpunkt des Baumfällens kann ausschlaggebend für die spätere Beschaffenheit des Holzkerns sein. Solcherlei Dinge heute zu berücksichtigen, ist allerdings kaum mehr möglich. Trotzdem spielt auch heute noch die Frische des geschlagenen Holzes eine Rolle, ebenso wie die Beachtung der von Natur aus gegebenen Risse, die die Schüssel womöglich später zum Bersten bringen könnten.

Nachdem der Rohling also mit einer Axt vorsichtig rundgeschlagen wurde, wird er daraufhin in eine Drehbank eingespannt und mit einer ganz besonderen Technik in seine zukünftige Form „gedreht“. Vor allem zu Zeiten der Holzknappheit hat man in Girkhausen versucht, möglichst viele Schüsseln aus einem einzigen Rohling zu gewinnen. Bis zu sechs Exemplare fertigten die Handwerker so an. Der Einkaufspreis des Holzes allein war in dieser Zeit so sehr gestiegen, dass der Verkauf der größten und wertvollsten Schüssel geradeso die Herstellungskosten decken konnte. Alle weiteren gefertigten Exemplare blieben dem Handwerker dann zum eigentlichen Verkauf. Anschließend wurden die Rohlinge in einem großen Pott gedämpft, um eventuellem Verziehen des Holzes vorzubeugen und später über den Sommer getrocknet. Im nächsten Winter dann legte der Drechsler das zweite Mal Hand an sein Werk und verlieh ihm pünktlich zum Weihnachtsgeschäft den letzten Schliff.

Früher befanden sich rund 80 Drehbänke in Girkhausen – fast jedes Haus verfügte über ein Exemplar. Mit fortschreitender Entwicklung kam die Tradition indes mehr und mehr zum Erliegen. Erst der Verkehrs- und Heimatverein setzte sich in Girkhausen für den Erhalt der Drehkoite und ihrer Räumlichkeiten in der Dorfmitte ein, um die Vergangenheit auch in Zukunft hin und wieder noch aufblühen zu lassen.

Ab sofort führen Volker Dickel, Roland Dickel, Kurt Spies, Ralf Spies, Reiner Kümmel und Katie Lückel circa eineinhalbstündige Führungen an jedem ersten Samstag im Monat durch. Eine Voranmeldung ist nicht nötig; lediglich ein anschließendes Abendessen muss angekündigt werden. Denn neben spannenden und historisch relevanten Führungen stehen in der Drehkoite an besagten Samstagen wieder ein regulärer Thekenbetrieb sowie leckeres Abendessen auf dem Programm.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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