SZ

Inzidenzwert-Durcheinander
Verzweifelte Gastronomen klagen über "bodenlose Frechheit"

Trotz aller Hürden und der Abhängigkeit von Wetter und Inzidenz gibt es auch Restaurant-Inhaber, die voller Tatendrang sind - so wie  Rainer Kipping vom „Casa“ in Kirchen.
  • Trotz aller Hürden und der Abhängigkeit von Wetter und Inzidenz gibt es auch Restaurant-Inhaber, die voller Tatendrang sind - so wie Rainer Kipping vom „Casa“ in Kirchen.
  • Foto: rt
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

rege Siegen. Ein gemütliches Feinschmecker-Frühstück mit Blick auf die Bigge, eine knusprige Schweinshaxe über den Dächern der Stadt, ein genussvoller Cappuccino auf Siegens Flaniermeile, ein „kühles Blondes“ frisch gezapft im Biergarten – theoretisch ist nach den Vorgaben der Politik all das ab dem 22. März wieder möglich. In der praktischen Umsetzung sind die am Mittwoch gefassten Beschlüsse aber eine Fortsetzung vom gastronomischen Super-GAU. Planungssicherheit? Fehlanzeige!

Gastronomen klagen üb

rege Siegen. Ein gemütliches Feinschmecker-Frühstück mit Blick auf die Bigge, eine knusprige Schweinshaxe über den Dächern der Stadt, ein genussvoller Cappuccino auf Siegens Flaniermeile, ein „kühles Blondes“ frisch gezapft im Biergarten – theoretisch ist nach den Vorgaben der Politik all das ab dem 22. März wieder möglich. In der praktischen Umsetzung sind die am Mittwoch gefassten Beschlüsse aber eine Fortsetzung vom gastronomischen Super-GAU. Planungssicherheit? Fehlanzeige!

Gastronomen klagen über Abhängigkeit vom Inzidenzwert

Neben dem Risikofaktor „Wetter“ – schließlich darf nur die Außengastronomie öffnen – ist es vor allem die Abhängigkeit vom Inzidenzwert, der den Öffnungsschritt zu einem Vabanquespiel macht und bei vielen Gastronomen für Wut und Fassungslosigkeit sorgt. Sollte der Inzidenzwert unter 50 sinken, gäbe es Speisen und Getränke ohne Test und Reservierung. Liegt dieser zwischen 50 und 100, wie aktuell in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe, heißt es „Eintritt frei“ nur mit Schnell- oder Selbsttest sowie Tischbuchung.

Zahl in Siegen-Wittgenstein bleibt stabil

Klettert die Inzidenz über 100, geht der Lockdown in die Verlängerung. Sobald eine Grenze (nach unten) geknackt wird, dauert es jeweils wieder 14 Tage, bis die Lockerungen greifen. Planungssicherheit sieht anders aus.

"Öffnungsstrategie eine bodenlose Frechheit"

Markus Podzimek, Inhaber des „Naschwerks“, hat sich am Telefon schon nach wenigen Sekunden in Rage geredet: „Die Öffnungsstrategie ist eine bodenlose Frechheit, die Politiker wollen uns für dumm verkaufen. Ich fühle mich im falschen Film. Ich bin richtig böse, denn was in Berlin passiert, ist nur noch Kasperletheater. Als wenn da irgendeinem mit geholfen wäre, die Außengastronomie zu öffnen, das ist ein kleines Leckerli, aber keine wirkliche Perspektive“, sieht der Konditormeister keine reelle Chance, Eisbecher und heiße Schokolade aus seiner Konditorei und Confiserie wirtschaftlich unters Volk zu bringen.
Damit liegt er auf einer Linie mit Lars Martin vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA). „Was da passiert ist noch nicht mal ein Brocken, den man uns hingeworfen hat. Das haben sich absolute Theoretiker überlegt, die keine Ahnung vom betrieblichen Alltag haben. Wir reden über ein Öffnen der Außengastronomie mit Auflagen, von denen kein Mensch weiß, wie sie erfüllt werden sollen“, erhofft sich der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DEHOGA-Geschäftsstellenbereichs Siegen nun schnellstmöglich Antworten auf die vielen noch offenen Fragen.

Gastronomen stehen vor einem Berg ungeklärter Fragen

Und davon gibt es in seinen Augen reichlich: Wer bezahlt die Schnelltests? Müssen die Gastronomen selbst Tests bereithalten? Dürfen die Gäste die Toiletten im Innenbereich aufsuchen? Welcher Wetterschutz ist erlaubt? Sind Investitionen in den Wetterschutz förderfähig? Alles Fragen, auf die Lars Martin noch keine Antwort geben kann. Was er hingegen schon weiß: „Viele Gastronomen, mit denen ich gesprochen habe, werden ihre Betriebe nicht öffnen. Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu holen und zu öffnen, wird von vielen als nicht wirtschaftlich angesehen.“

"Inzidenz-Durcheinander" sorgt in der Gastronomie für Verdruss

Dazu gehört auch Markus Podzimek: „Öffnung heißt für mich nur Komplett-Öffnung. Wir können nicht um jeden Preis die Tür aufschließen und hinterher mit einem Minus rausgehen, wir haben im letzten Jahr schon genug Schulden gemacht. Hinzu kommt, dass wir Frischware und verderbliche Lebensmittel in den Theken haben und keine Turnschuhe oder Klamotten, die auf der Stange hängen.“
Für Verdruss sorgen die politischen Vorgaben und das „Inzidenz-Durcheinander“ auch bei Angela Rzimski vom Wirtshaus „Schloss Stüberl“ in Siegen. „Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Über die Tests haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wie das funktionieren soll, steht alles noch in den Sternen. Aber wenn wir aufmachen dürfen, machen wir auch auf. Wir wären ja dumm, wenn wir es nicht tun würden“, freut sich das Ehepaar Rzimski, in absehbarer Zeit wieder hungrige und durstige Gäste bewirten zu dürfen.

Manche Gastronomen sind voller Tatendrang - trotz allem

Auch Manuel Grabiger, Inhaber des traditionsreichen Gasthauses „Zum weißen Ross“ und des Bistros „Kaffeemühle“ in Bad Berleburg ist bezüglich der politischen Vorgaben noch sehr skeptisch. „Die Pläne sind bis jetzt sehr unüberlegt. Wahrscheinlich werde ich deshalb Ende März noch nicht öffnen. Wenn ich die Tests selber besorgen muss, würde das den Kostenrahmen sprengen. Reservierungen sind hingegen kein Thema. Sobald die Inzidenz unter 50 sinkt, geht es auf jeden Fall weiter. Wir sind immer startklar“, hofft Grabiger auf eine schnelle Trendwende bei den Fallzahlen.
Trotz aller Hürden und der Abhängigkeit von Wetter und Inzidenz gibt es aber auch Restaurant-Inhaber, die voller Tatendrang sind. „Wir werden parat sein und die Außengastronomie öffnen. Die Menschen haben Sehnsucht und wollen raus. Wir haben den Vorteil, dass unser Biergarten so groß ist, dass wir die Tische weit auseinander ziehen können, und von der Eisdiele werden wir auch wieder das komplette Portfolio laufen lassen“, fiebert Rainer Kipping vom „Casa“ in Kirchen dem Wiederanpfiff bereits entgegen.

Keine Planungssicherheit für die heimische Gastronomie

Auch beim Restaurant „Bootshaus am Biggesee“ in Olpe laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. „Wir haben letzte Woche das schöne Wetter genutzt, um die Anlagen sauber zu machen. Wir sind bestens aufgestellt und gerüstet und hoffen, möglichst bald starten zu können“, wäre Betriebsleiter Mark Wisseling froh, wenn die Inzidenz zumindest unter 100 bliebe.
Das wünscht sich auch Besim Dermaku, der das Café & Bar „Celona“ sowie das Café „Extrablatt“ im Herzen Siegens betreibt: „Die Stimmung ist nicht so euphorisch, weil es noch viele Baustellen gibt. Zudem ist alles wetter- und inzidenzabhängig, aber wir werden alles vorbereiten, wenn die Zahlen stimmen, geht es am 22. März auf den Terrassen los. Die Mitarbeiter freuen sich, denn sie vermissen ihren Job, und sie vermissen es, unter Menschen zu sein.“ Ob sich das diesen Monat noch ändern wird? Es ist noch völlig unklar, wann es eine Antwort auf diese so entscheidende Frage gibt. Planungssicherheit sieht anders aus …

Zettelwirtschaft ade: Daumen hoch für die Luca-App Lockerungen der Corona-Einschränkungen sollen mithilfe eines verstärkten Einsatzes technischer Mittel wie der Smartphone-App Luca möglich werden. Die Idee: Statt in jedem Restaurant seinen Namen und seine Adresse auf einen Zettel zu schreiben, den der Wirt dann für eine mögliche Kontaktnachverfolgung aufheben und im Infektionsfall an das Gesundheitsamt übergeben muss, können die Nutzer der App mit wenigen Klicks ihren Besuch im Restaurant dokumentieren. Dazu scannen sie am Eingang einen QR-Code ein. Wenn sie das Restaurant wieder verlassen, checken sie aktiv oder – über die Ortungsfunktion ihres Handys – automatisch wieder aus. Auch private Treffen können mit der Luca-App dokumentiert werden. Dazu können in der App QR-Codes generiert und mit denen von Freunden und Familie verknüpft werden. Ein Großteil der heimischen Gastronomen würde die Einführung der Luca-App begrüßen. „Ich bin dafür. Die Gäste konnten sich letztes Jahr bei uns schon online registrieren. Wenn das jetzt über Luca geht, und es eine direkte Verbindung zum Gesundheitsamt gibt, würde das die Kontaktverfolgung weiter vereinfachen“, hält „Extrablatt“- und „Celona“-Gesellschafter Besim Dermaku viel von der Luca-Idee. Auch beim Berleburger Gastronom Manuel Grabiger („Zum Weißen Ross“ und „Kaffeemühle“) geht der Daumen für Luca hoch: „Ich habe die App bereits runtergeladen und finde die Grundidee super – gerade für Stammgäste. Wenn wir den Zettelkram verringern könnten, wäre das Gold wert. Da geht viel Zeit verloren, und letztes Jahr hat sich auch schon einiges angehäuft. Ein paar Gedanken mache ich mir um die älteren Gäste, da wäre es vielleicht gut, wenn wir parallel mit Luca und Zetteln arbeiten könnten.“ Auch Rainer Kipping hat keine Lust mehr auf Zettelwirtschaft: „Wir werden in Zukunft auf jeden Fall mit einem elektronischen Erfassungssystem arbeiten. Wir haben schon überlegt, das über einen Barcode zu machen, aber Luca kommt mir da entgegen. Wenn es dann noch eine Schnittstelle mit dem Gesundheitsamt geben würde, wäre das ein netter Nebeneffekt“, gehört der „Casa“-Inhaber definitiv zu den Befürwortern der neuen App.
Autor:

René Gerhardus (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen